Rodin und das Gürteltier

10. Jänner 2015, 12:00
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Das Filmmuseum Fondation Jérôme Seydoux-Pathé ist nicht nur eine neue Sehenswürdigkeit inmitten von Paris, sondern auch ein Beitrag im Umgang mit Denkmalschutz. Film ab

Die Avenue des Gobelins ist ein prächtiger Boulevard im 13. Arrondissement, nur wenige Schritte von der Place d'Italie entfernt. Zwischen all den Cafés, Patisserien und wohlfeilen Meeresfrüchte-Restaurants, die beiderseits den Weg säumen, stand einst das Théâtre des Gobelins. 1869 errichtet, wurde hier unter anderem das Theaterstück "Reise um die Erde in 80 Tagen" uraufgeführt.

Der letzte Vorhang in diesem geheimnisvollen Gebäude mit der Hausnummer 73 ist längst gefallen. Das Drama alter Tage jedoch ist in Form zweier Figuren in Stein gemeißelt: links die Tragödie in männlicher Gestalt, rechts die Komödie in Form einer sich bequem über den Torbogen lehnenden Frau. Bildhauer der beiden Plastiken ist niemand geringerer als Auguste Rodin, der sich nicht weit von hier an der Manufacture des Gobelins sein geschmeidiges Können angeeignet hatte.

Seit kurzem spielt sich hinter der denkmalgeschützten Fassade ein neues Drama ab. Nachdem das Gebäude nach etlichen, durchaus zerstörerischen Umbauten jahrelang leer stand und allmählich vor sich hinrottete, wurde das alte Gemäuer durch einen Neubau von Renzo Piano ersetzt. Das futuristische Gehabe ist dem 77-jährigen Architekten, Planer des Centre Pompidou, nicht abhandengekommen. Wie ein fremdes Wesen taucht aus dem Innenhof des Straßengevierts plötzlich ein silbrig schimmernder Buckel auf und gibt den beiden Protagonisten Rodins neuen Gesprächsstoff.

Tierische Spitznamen

Und nicht nur diesen. "Das Haus hat von uns, aber auch von der Bevölkerung bereits eine Handvoll bildhafte, tierische Spitznamen verpasst bekommen", sagt Thorsten Sahlmann, Projektleiter und Associate Architect im Renzo Piano Building Workshop Paris. Die einen reden von Buckelwal, die anderen von Elefant, doch wohl kein Animal dieser Welt gleicht dem Hause besser als das Gürteltier. Wie ein überdimensionales 25-Meter-Exemplar mit Aluminiumschuppen scheint es in der kleinen, engen Baulücke eingeklemmt festzusitzen.

"Der Innenhof zwischen den bestehenden Wohnhäusern war so eng, so verwinkelt und so unregelmäßig, dass wir mit herkömmlichen geometrischen Formen gescheitert sind", so Sahlmann. "Irgendwann einmal haben wir das klassische Formenrepertoire abgelegt und versucht, die Bauaufgabe mit einer weichen, amorphen Gestalt zu meistern. Für uns war das die einzige Möglichkeit, um in diesem heterogenen Ambiente zu bestehen."

Im Innern dieses eigenwilligen Gemäuers, das sich in seiner Farbe und Materialität wie eine behutsam eingesetzte Stadtintarsie in das historische Paris Baron Hausmanns integriert, verbirgt sich die Fondation Jérôme Seydoux-Pathé. Die 2006 gegründete Stiftung befasst sich mit dem Erbe jenes französischen Filmhauses, das in seinen Vorspännen stets einen Gockel mit Sprechblase über die Leinwand spazieren lässt.

Verschmelzung mit der Stadt

War es einst die darstellende Kunst auf der Bühne, der das Gebäude gewidmet war, so ist es nun die Archivierung und Aufarbeitung der Geschichte des bewegten Bildes, der hinter der Adresse 73, Avenue des Gobelins mit größter Sorgfalt und Akribie gefrönt wird. Das siebenstöckige Haus beherbergt ein Ausstellungsfoyer, ein kleines Museum mit hauseigenen Grammophonen, Kameras und Filmprojektoren der letzten hundert Jahre sowie einen Kinosaal für historische Stummfilmvorführungen mit Live-Klavierbegleitung. Zudem gibt es zwei Geschoße mit brandschutztechnisch entkoppeltem Filmrollenarchiv und ein rundum und kopfüber verglastes Forschungsbüro mitsamt spektakulärem Ausblick auf die umliegenden Häuser.

"Man hat hier förmlich das Gefühl, mitten in den Dächern zu sitzen", sagt Sophie Seydoux, Präsidentin der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé. "Die Verschmelzung mit der Stadt ist gigantisch. Das ist meine ganz persönliche Lovestory." Nicht zuletzt passe die moderne, zeitgenössische Architektursprache zu einer auf die Historie dermaßen bedachten Stiftung. Denn: "Film gibt es seit mehr als 120 Jahren. Und eine der wichtigsten Eigenschaften von Film ist, dass dieser seiner Zeit stets weit voraus war. Insofern", so Seydoux, "fügt sich das Gebäude perfekt in die von uns gepflegte und gewürdigte Tradition."

Gewagt und der Gegenwart weit voraus ist nicht nur die Form von Renzo Pianos Fondation, sondern auch die Bauweise, die sich dahinter verbirgt. Entgegen allen Vermutungen besteht der eiförmige Bau nicht aus geschaltem Stahlbeton, wie dies üblicherweise gemacht wird, sondern wurde mit Stahlmatrizen vorgebaut und anschließend so lange mit zähflüssigem Beton bespritzt, bis die Konstruktion zu einer dicken, massiven Wand erhärtet ist. Ein Novum in diesen Dimensionen.

Selbstbewusster Bau

Die oberen zwei Geschoße wurden aus Holz und Glas gefertigt. 32 Holzleimbinder und 150 zweiachsig gekrümmte Glasscheiben kamen hier zum Einsatz. Während der Raum unter der Glaskuppel von außen kaum einsehbar ist, scheinen sich die charakteristischen, mehr als 7000 Aluminiumschuppen des Gürtelgetiers von innen betrachtet in Luft aufgelöst zu haben. Zu verdanken ist das der kaum sichtbaren Perforation, die das Innere des Hauses mit Tageslicht versorgt und zugleich, wo nötig, verschattet.

Geheizt und gekühlt wird die Fondation Seydoux-Pathé mittels Geothermie. Zudem verfügen die Räume über eine auf Querlüftung basierende Nachtlüftung. Nur an den drei, vier heißesten Tagen im Jahr wird die Klimaanlage in Betrieb genommen. Ein Backup sozusagen. Doch von alledem ist nicht viel zu spüren. Ganz anders als beim Centre Pompidou oder dem kürzlich fertiggestellten "The Shard" in London nämlich wird die Technik hier nicht zur Schau gestellt, sondern dem Gürteltierwesen quasi als Selbstverständlichkeit ohne Pomp und Trara einverleibt.

Das Resultat ist nicht nur ein modernes, vielfach nutzbares Gebäude im Herzen von Paris, das sich bei Filmliebhabern und Cineasten nach einem Jahr in Betrieb bereits als heimliche Sehenswürdigkeit etabliert hat, sondern auch ein vorbildliches Beispiel für den Umgang mit Denkmalschutz. Man kann das silbergraue Gürteltier hinter Rodins Fassade hübsch finden oder nicht - in jedem Fall aber ist die Fondation Pathé kein sich an den Denkmalschutz anbiedernder Parasit, sondern ein selbstbewusster Bau, der das Neue neben dem Alten gleichwertig erscheinen lässt. Leinwand. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 10.1.2015)

  • Ein neues Pariser Gürteltier.
    foto: michel denancé

    Ein neues Pariser Gürteltier.

  • Wie ein überdimensionales 25-Meter-Exemplar mit Aluminiumschuppen scheint es in der kleinen, engen Baulücke eingeklemmt.
    foto: michel denancé

    Wie ein überdimensionales 25-Meter-Exemplar mit Aluminiumschuppen scheint es in der kleinen, engen Baulücke eingeklemmt.

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