Alternativen zum Flächenverbrauch 

Analyse11. Jänner 2015, 10:00
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Die Wohnfläche pro Person steigt sukzessive an. Dass manche Mieter, obwohl dazu bereit, nicht in kleinere Wohnungen ziehen, liegt zum Großteil an fehlenden alternativen Angeboten.

Frau M., eine schon etwas ältere Dame, wohnt allein in einer 100 Quadratmeter großen Wohnung im 8. Wiener Gemeindebezirk. Sie zahlt netto rund 350 Euro Miete, weil sie einen alten Mietvertrag hat.

Sie sieht selbst ein, dass ihre Wohnung zu groß ist und sie besser in eine kleinere Wohnung ziehen sollte. Das Problem: Selbst eine 50-m²-Wohnung ist auf dem freien Markt im selben Bezirk zu diesem Preis nicht zu bekommen. Also bleibt Frau M. aus Mangel an Alternativen in der zu großen Wohnung. Warum sollte sie in eine kleinere Wohnung ziehen, die Mühen des Umzugs auf sich nehmen, nur um dann für weniger Fläche mehr Miete zu zahlen?

Haushalte werden immer kleiner

Wie Frau M. geht es so manch anderem Mieter auch. Ein neuer Mietvertrag für dieselbe Wohnung würde - obwohl dem Richtwert unterliegend - fast das Dreifache kosten. Ebenso dreifach sind solche Fälle der Immobilienwirtschaft ein Dorn im Auge: einerseits wegen des niedrigen Altmietvertrags selbst, andererseits aufgrund des Umstands, dass die Dame in ihrer Wohnung quasi "gefangen" ist und damit weder zur Mobilität am Wohnungsmarkt beiträgt noch anderswo eine Marktmiete bezahlt (die sie sich möglicherweise leisten könnte; das ist freilich nicht in allen Fällen so).

Würde die Dame umziehen, wäre dort Platz für eine vierköpfige Familie (sofern sich diese die Miete leisten könnte). So aber trägt sie weiter dazu bei, dass die Belagsdichte in Österreich abnimmt: von drei Personen pro Haushalt in 1971 auf derzeit nur noch knapp über zwei - bei insgesamt stark steigender Wohnfläche je Haushalt und pro Person. Der letztgenannte Wert hat sich seit 1971 von 23,1 auf 44,3 m² fast verdoppelt.

Steigende Zahl an Single-Haushalten

1971 lebte ein Haushalt im Schnitt auf 69,3 m², 2011 waren es schon 93,4. 2013 wurde die 100-m²-Marke überschritten. Verantwortlich dafür waren vor allem immer größere Einfamilienhäuser auf dem Land, aber auch die steigende Zahl an Single-Haushalten, vor allem in Wien. Von diesen gab es 1971 laut dem Österreichischen Wohnhandbuch bundesweit nur halb so viele wie heute; immerhin aber auch schon etwas mehr als 650.000. Heute sind es mehr als 1,3 Millionen, und bei der Statistik Austria geht man davon aus, dass sich diese Zahl bis 2040 auf 1,65 Millionen erhöht.

Die Fachgruppe der Immobilientreuhänder in der Wiener Wirtschaftskammer (WKW) warnte kürzlich in einer Aussendung vor dieser Entwicklung und empfahl wenig verklausuliert, dass die Menschen doch wieder in kleinere Wohnungen ziehen sollten. Dafür musste Obmann Michael Pisecky in den sozialen Medien Häme einstecken; es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass dies alles natürlich die Wohnkosten vorantreibt. Ja, angesichts der drastischen Zahlen könnte man durchaus argumentieren, dass darin sogar das Hauptmotiv zu finden ist, wenn es heißt, dass Wohnen zunehmend unleistbar wird.

Maßnahmen im geförderten Bereich

In Wien haben Bauträger - auch auf Initiative der Stadt, mit dem "Smart" -Programm - reagiert und errichten wieder kleinere Wohneinheiten. Und im kommunalen Bereich bekommen über 65-jährige Gemeindebaubewohner, die ihre zu groß "gewordene" Wohnung gegen eine kleinere eintauschen wollen, seit Jahresanfang eine Reduktion auf den Mietzins, gab Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP) Mitte Dezember bekannt. Konkret muss nicht der Richtwertzins von 5,39 Euro bezahlt werden, sondern um 35 Prozent weniger. Die 3,50 Euro entsprechen etwas mehr als dem aktuellen Kategorie-A-Mietzins von 3,43 Euro. Ob die Maßnahme erfolgreich ist, wird sich zeigen. Beworben wird die Aktion jedenfalls auch mit dem Hinweis auf künftig geringere Heiz- und Betriebskosten.

Da sich im privaten Bereich wegen des strengen Mietrechts - Stichwort Eingreifen in bestehende Verträge - ohnehin kaum Eingriffsmöglichkeiten bieten, beschränken sich solche Aktionen auf den geförderten bzw. städtischen Bereich. Da gibt es etwa auch die von der (Wiener) ÖVP geforderten "Gehaltschecks" im Gemeindebau schon - nämlich in der SP-regierten Stadt Salzburg. Dort werden Gemeindewohnungen zwar zum Richtwertzins (der in Salzburg bei 7,45 Euro liegt) vermietet, die Gemeinde zieht davon aber 30 Prozent ab. Wer nach der - erstmaligen - Überprüfung 2016 noch anspruchsberechtigt ist, behält die günstige Miete; wer ein höheres Einkommen hat, zahlt mehr - oder gibt die Wohnung auf.

Regelmäßige Überprüfung

Speziell im geförderten Bereich wäre wohl noch weit mehr möglich, um die Sozialbindung zu verstärken. Einer Ende der 90er-Jahre diskutierten "Fehlbelagsabgabe" (analog zur nun in Wien überlegten "Leerstandsabgabe" ) muss man da gar nicht das Wort reden; eine regelmäßige Überprüfung, ob eine geförderte Wohnung nach der Anzahl der Zimmer noch dem Bedarf des jeweiligen Haushalts entspricht, würde genügen. Es soll nicht selten vorkommen, dass Singles in geförderten Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnungen leben. Freilich müsste es auch akzeptable und attraktive Tauschangebote geben.

Angebote, die sich auch Frau M. wünschen würde - etwa eine kleinere Wohnung im selben Haus, die mit Entgegenkommen des Vermieters gleich viel kostet wie ihre große Wohnung. Auch das wäre eine Möglichkeit, doch diese ist in einem kleinen Wiener Zinshaus eher unwahrscheinlich. (Martin Putschögl, DER STANDARD, 10.1.2015)

  • Dass die Single-Haushalte mehr werden, ist ein starker Trend. Er müsste aber nicht unbedingt mit einem drastischen Anstieg der Wohnfläche pro Person einhergehen.

    Dass die Single-Haushalte mehr werden, ist ein starker Trend. Er müsste aber nicht unbedingt mit einem drastischen Anstieg der Wohnfläche pro Person einhergehen.

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