Maßnahmen gegen die Vergeudung von Talent

Gastkommentar9. Jänner 2015, 15:59
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Für die Berufswahl gibt es viel zu wenig Angebote, kaum (oft nur bezahlt) individuelle Diagnostik. Mit 14 oder 15 müssen eigentlich untreffbare Entscheidungen fallen. Eine riesige Verschwendung

In Gesellschaft und Wirtschaft erleben wir die rasantesten Veränderungen, die es jemals gab, und dann müssen Junge mit 14 oder 15 Jahren eine der wesentlichsten Entscheidungen in puncto Berufs(vor)wahl ihres Lebens treffen, obwohl Studien belegen, dass die Ausprägung von Interessen und Fähigkeiten erst nach der Pubertät nachweislich abgeschlossen wird. Jugendliche werden in dieser Zeit mit Berufsinformation quasi zugeschüttet.

In organisierten Klassenausgängen werden sie durch Berufsinformations- und Ausbildungsmessen geführt, tonnenweise werden Broschüren verteilt, die meist unmittelbar nach dem Infotag im Altpapier landen. Eine fundierte Auseinandersetzung mit den individuellen Interessenlagen und Fähigkeiten geschieht nur in den wenigsten Fällen, und eine professionelle Diagnostik wird oft nur gegen Bezahlung angeboten.

Dies führt zu einer massiven Verschwendung von Potenzialen, nicht nur für die jungen Leute selbst, sondern auch für unsere Wirtschaft.

Unhappy im falschen Job

Die Frage nach der richtigen Positionierung von Mitarbeitern ist das zentrale Thema im Personalbereich. Derzeit zeigen Erfahrungswerte der Personalberater, dass etwa 40 Prozent der Österreicher im falschen Beruf arbeiten, dort nicht glücklich sind, ihre Fähigkeiten dort nicht zum Tragen bringen können. Die Ursachen liegen in einem zu frühen Zeitpunkt der Entscheidung und darin, dass diese Entscheidungen in den überwiegenden Fällen ohne individuelle Berufsberatung getroffen werden.

Zur Unterstützung der richtigen beruflichen Erstausbildung von jungen Menschen gibt es in Österreich viel zu wenig professionelle Angebote, und für eine individuelle Diagnostik gibt es überhaupt keine Zuständigkeit. Das AMS kann dies nicht anbieten, weil Schüler keine Arbeitslosen sind, und Lehrer sowie Eltern können diese Unterstützung fachlich und zeitlich nicht leisten.

Berufsinformationsstellen bieten meist (zu) viel Information und können nur sehr eingeschränkt individuelle Testungen und Beratung anbieten.

Über all dem steht jedoch die Tatsache, dass die gesamte Ausbildung von jungen Menschen - vom Kindergarten bis zur AHS - vollkommen losgelöst von der Wirtschaft und deren konkreten Anforderungen erfolgt. Bis auf zwei Praxistage in der 8. Schulstufe haben Jugendliche in der Regel keinerlei Berührungspunkte oder schulischen Kontakt zu Unternehmen.

14-Jährige kennen in der Regel vier Berufsbilder: die Berufe der Eltern, eines Verwandten und das Berufsbild des Lehrers. Dabei gibt es allein in Österreich 800 Berufsbilder, die sich ständig weiterentwickeln und verändern.

Raus, ansehen, erleben

Wäre es für junge Menschen nicht spannend, schon während der Schulzeit "richtige" Betriebe kennenzulernen? Ist es nicht interessant mitzuerleben, was ein Bäcker braucht, damit ich in meiner Schulpause in ein Kipferl beißen kann, oder einmal dabei zu sein, wenn ein Traktor zusammengebaut wird, oder beobachten zu können, was in einem Labor geschieht?

Wenn Heranwachsende schon während ihrer Schulzeit möglichst viele Berufsfamilien und Branchen kennenlernen, können sie früher ihre persönlichen Interessen und Neigungen erkennen. Mit diesem Erfahrungshintergrund sowie einer individuellen Diagnostik und einer professionellen Berufsneigungsberatung können Jugendliche sicherer entscheiden, wohin sie ihr beruflicher Weg führen soll.

Ermöglichen wir der jungen Generation dies nicht, werden Unternehmen weiter klagen, dass Schulabgänger so weit entfernt sind von den Anforderungen der Wirtschaft, und 18-jährige Maturantinnen und Maturanten werden weiterhin sagen, dass sie keine Ahnung haben, was sie beruflich machen wollen. Und bis sie das wissen, studieren sie ... halt.

Oder sie schlagen einen falschen Ausbildungsweg ein, der abgebrochen wird und ihnen persönlich wertvolle Lebenszeit und die Gesellschaft jedes Jahr ein Vermögen kostet.


Markus Kalbhenn arbeitet am Institut für Humanistisches Management in der Berufsorientierungsberatung. Er ist Vater zweier Söhne.

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