Wie krank die permanente Hetze macht

11. Jänner 2015, 14:53
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"Ich will eigentlich nicht, aber ich muss": Diese Arbeitshaltung entsteht durch den Imperativ, immer schnell, immer veränderungsbereit sein zu müssen. Die psychophysischen Kollateralschäden nehmen zu

Die Vorstellungen von Unternehmensführung nähern sich immer mehr der Quadratur des Kreises an. Mit immer weniger Leuten sollen in immer kürzerer Zeit bei immer geringeren Kosten, immer mehr persönlicher Flexibilität immer größere Erfolge aus dem Hut gezaubert werden. Und das anhaltend. Die Faszination des Möglichen einerseits wie der Zwang des Notwendigen andererseits haben die Wirtschaft in eine atemberaubende Beschleunigungsspirale geführt.

"Wenn die Unternehmen, insbesondere die börsennotierten unter ihnen, heute an etwas leiden, dann an Selbstüberforderung. Als Berater treffe ich zunehmend auf atemlose Unternehmen mit tendenziell ausgelaugten Mannschaften. Was in den Unternehmen geleistet wird, ist beeindruckend. Sowohl im Blick auf das, was entwickelt, produziert und angeboten wird, als auch im Blick auf die dazu notwendige innerbetriebliche Veränderungsarbeit.

Menschlicher Verschleiß

Der Gedanke an das, was von den Unternehmen zur Absicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit im Hinblick auf die sich abzeichnenden technologischen Entwicklungen - Stichwort vierte industrielle Revolution, immer weiter gehende Vernetzung aller Abläufe - zukünftig zu leisten sein wird, ist noch beeindruckender. Mit einem anderen Vorzeichen nicht minder beeindruckend ist allerdings auch der Preis, der heute schon für diese beeindruckende Leistung an menschlichem Verschleiß gezahlt wird. Im Blick auf das Gegenwärtige wie das Kommende müssen wir diesen Preis verringern."

Welche Konsequenzen zieht Thomas Weegen, Deutschlandgeschäftsführer der europaweit tätigen Unternehmensberatung Coverdale aus seiner Diagnose? "Die Menschen empfinden sich an ihrem Arbeitsplatz zunehmend als Getriebene. Und, was noch weitaus problematischer ist, als dem Geschehen hilflos Ausgelieferte. Sie resignieren. Und dieses Empfinden befeuert eine Arbeitseinstellung, für die es nur ein zutreffendes Wort gibt: widerwillig. Ein Großteil der Arbeit wird heute mit innerem Widerwillen erledigt. Damit sieht sich eine augenscheinlich stetig wachsende Zahl von Arbeitnehmern im Spannungsverhältnis des "Ich will eigentlich nicht, aber ich muss". Psychologisch könnte man das als Doublebind-Situation charakterisieren, lebenspraktisch ist das ein sauungutes, hochbelastendes Gefühl. Worauf es aus meiner Sicht wie Erfahrung also ankommt, ist, sich an den Abbau der beschriebenen inneren Widerstände gegen das äußere Geschehen zu machen, die sich in den Belegschaften aufgebaut haben."

Für bedeutsam in diesem Zusammenhang hält Weegen Folgendes: "Heute wird in vielen Fällen schlicht und einfach deshalb widerwillig gearbeitet, weil die Umstände, unter denen gearbeitet werden muss, als widersinnig empfunden werden. Grabe ich hier nun nach, dann kommt etwas eigentlich Verblüffendes ans Tageslicht, und zwar dass keineswegs die geforderte hohe Leistung an sich als misslicher Umstand verstanden und folglich verweigert wird, sondern dass mit "die Umstände" Misshelligkeiten wie überstürztes Verändern, permanentes innerbetriebliches Umorganisieren, unsinnige Versetzungen und auch Beförderungen verstanden werden."

Unterschätze die Leute nicht

"Die Leute sind ja nicht blöd", sagt Weegen. "Die meisten jedenfalls erkennen sehr wohl, unter welchem Marktdruck ihre Betriebe stehen. Und sie sind durchaus bereit, dem Rechnung zu tragen und da mitzuziehen. Die innere Opposition richtet sich also mitnichten gegen das notwendige Leistungsniveau und gegen Neues, sondern gegen die Hektik, die vom Markt ungefiltert durch eine sinnvolle Arbeitsatmosphäre und -gestaltung in die Betriebe hineinschwappen kann. Zeit ist heute Geld, keine Frage, aber aktionistischer Zeitdruck, gepaart mit einem nicht weniger aktionistischen Veränderungswahn, vernichtet auch enorm viel Geld, auch keine Frage, und zwar Geld, verstanden einmal als zurückgehaltene Leistungswilligkeit, und zum Zweiten auch durch laufende Nachbesserungen.

Die Leute wissen: Wir müssen schnell sein, und wir müssen veränderungsbereit sein. Aber sie sträuben sich gegen ein Übermaß von beidem, wenn sie erkennen, dass beides nicht Dienst an der Sache, sondern aktionistischer Blödsinn ist. Dann fühlen sie sich verwurstet, und das stößt ihnen sauer auf, und dann muckt ihre Seele auf und streikt. Ob wir das nun Burnout nennen oder Depression oder Rückenschmerzen oder chronische Nacken-Schulter-Verspannung ist piepegal, im Kern geht es hier um eine psychosomatische Reaktion auf etwas, was die Leute nicht verdauen können. Und diese Verdauungsprobleme nehmen zu, und das ist unser Problem, dem wir uns widmen müssen."

Reibungsverluste

Also denn, Remedur kommt aus welcher Richtung? "Tja", sagt Weegen, "da gibt es doch eigentlich nur eine Richtung, auf die wir das Augenmerk richten können, auf das, was in einem Wort zusammengefasst 'Besinnung' heißt. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass mehr Besonnenheit das ist, was in den Unternehmen am dringlichsten vonnöten ist. Fangen wir nicht konsequent an, Leistungsanforderungen und ebenso Veränderung mit Besonnenheit zu paaren, dann dürfen wir uns innerbetrieblich auf noch mehr Widerwilligkeit gefasst machen, dann werden sich die Betriebe verändern, aber die damit einhergehende Reibungsverluste und mit ihnen die psychophysischen Kollateralschäden werden weiter wachsen. Wollen wir das? Oder, betriebswirtschaftlich und letztlich auch volkswirtschaftlich gefragt, können wir uns noch mehr davon leisten?"

Verantwortung tragen

Bemerkenswert, womit Weegen seine Argumentation illustriert. Er verweist auf einen Brief, den der Abt Bernhard von Clairvaux (um 1090 - 20. August 1153) an Papst Eugen III. (Papst von 1145- 1153) geschrieben hat. "Unter der Überschrift "Wo soll ich anfangen" ist da nun zu lesen: " Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für Deinen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst: 'An welchem Punkt?' An den Punkt, wo das Herz hart wird. Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange noch schenkst Du allen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selbst? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu das immer wieder einmal. Sei wie für alle andere auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen."

Das Gewissen der Berater

Nicht minder bemerkenswert Weegens Appell an das Verantwortungsgefühl seiner Kollegen: "Wenn der Mensch auch ein ungemein anpassungsfähiges Lebewesen ist, so sollte doch meine Zunft, die maßgeblich daran mitwirkt, auf die Notwendigkeit von betrieblichen Wandlungsprozessen aufmerksam zu machen und diesen Wandel zu gestalten und zu begleiten, nie aus den Augen verlieren, dass für den Menschen mit seiner noch immer stark verhaltensprägenden, in seine Frühzeit zurückreichenden psycho-mentalen Innenausstattung Veränderung immer auch Verunsicherung bedeutet. Dem müssen wir Rechnung tragen. Und ich meine, dass es dafür kein besseres Motto gibt als 'Eile mit Weile'. Voranschreiten, zumal eiliges, Anpassen, zumal fortlaufendes, ohne dazwischengeschaltete Momente der Besinnung, ohne Gelegenheit für die Seele, sich mit den unvertrauten und in ihrer Konsequenz auch Angst auslösenden neuen Wegen und den sich darob einstellenden Vermutungen vertraut zu machen, ohne die Möglichkeit, Abschied zu nehmen vom Gewohnten und das irgendwie immer doch Aufgezwungene verdauen zu können, setzen wir weiter auf ein solch treibendes Tun, dann machen wir aus der Zukunft ein Zerrbild des Möglichen. Und das kann nicht unser Ziel sein." (DER STANDARD, 10./11.1.2015)

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