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12. Februar 2015, 14:49
  • Tadschikistan ist wie kein anderes Land weltweit von den Geldern der Gastarbeiter abhängig.
  • Das Einkommen der Wanderarbeiter in Russland macht die Hälfte der Wirtschaftsleistung von Tadschikistan aus.
  • Die Rubelkrise zwingt das Land zu alternativen Geldeinkünften, etwa aus dem Anbau von Trockenobst.

In der Sperrzone an der tadschikischen Grenze zu Kirgisistan und Usbekistan stehen hunderte Männer mit paketbandumwickelten Kartons und Wäschetaschen in einer Schlange. Sie werden über Usbekistan nach Moskau fliegen, das ist billiger. In Russland sind sie zu einem großen Teil als Hilfskräfte im Baugewerbe beschäftigt, wie viele davon schwarz, ist nicht bekannt. Die meisten Männer tragen lange schwarze Pelzmäntel und haben ihre Hauben tief ins Gesicht gezogen. Kaum einer unterhält sich oder schaut anderen Reisenden neugierig hinterher. Ihnen ist die Situation unangenehm, auch wenn sie sie schon einige Male zu Saisonbeginn oder -ende durchlebt haben.

foto: maria von usslar/derstandard.at

Große Teile des Bruttoinlandsprodukts von Tadschikistan (60 Prozent) und Kirgisistan (30 Prozent) werden Schätzungen zufolge aus den Rückzahlungen von Gastarbeitern in Russland generiert – Schattenwirtschaft und Bargeldtransfer nicht inbegriffen. Tadschikistan ist wie kein anderes Land weltweit von den Überweisungen der Gastarbeiter abhängig. Mehrere Projekte sollen nun die Landwirtschaft in Zentralasien auf eigene Beine stellen, damit die überwiegend jungen Männer in der Saison nicht mehr nach Russland abwandern.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Planwirtschaft zerfiel die Landwirtschaft der Region in viele kleine Brösel. Nun glauben die Menschen an die Marktwirtschaft und streben eine Ernte über die eigene Subsistenz hinaus an. Wer allerdings einen Traktor oder eine Wasserpumpe kaufen muss, ist ohnehin auf das Transfergeld der Angehörigen aus Russland angewiesen.

derstandard.at/von usslar

Weg aus der Krise

Eine Hoffnung, wie die Menschen selbst ihre Situation verbessern können, sieht das Hilfswerk Austria International (HWA) im Anbau und dem Handel mit Trockenfrüchten. Im Ferganatal, einer fruchtbaren Ebene zwischen den Alai-Bergen und den Ausläufern des Tian Shan, unterstützt das HWA einige Projekte – etwa eine Anlage in der Nähe von Isfara, wo umliegende Bauern aus Tadschikistan und Kirgisistan ihre Marillen und Pfirsiche zu Trockenobst verarbeiten können.

In der Anlage Isfara Food arbeiten rund 150 Menschen, das seien für einen Betrieb in dieser Region enorm viele Arbeitsplätze, sagt HWA-Regionalmanager Umed Aslanov. Die großen Maschinen werden durch Mitgliedsbeiträge der Bauern finanziert, sie teilen sich so auch ein Labor, das die Lebensmittelsicherheit überprüft. Davon profitiert auch Familie Mamadiew aus Kirgisistan.

Die Eltern Nurlan und Chlydys unterhalten ihr Leben neben zwei Lehrergehältern mit Nüssen- und Marillenbäumen und können dadurch eine Tochter an der Universität in Bischkek studieren lassen, während rund die Hälfte in ihrem Alter in Russland arbeitet.

Marillen aus dem Ferganatal

An Tischen sitzen Frauen jedes Alters mit gemusterten und geblümten Kopftüchern und Kitteln und schneiden mit Küchenmessern die braunen Augen aus den Marillen, den beißenden Schwefelgeruch nehmen sie nicht mehr wahr. In Trainings wird den Arbeiterinnen gezeigt, wie sie beispielsweise die Marillen verpacken und etikettieren müssen, damit man sie in Russland kaufen würde.

fotos: aleksandra pawloff
Arbeiterin aus Isfara im Trockenobst. Eine von fünf Moscheen auf dem Hauptplatz von Chudschand. Brotverkäuferin in Batken (Kirgisistan).

"Jetzt bekommen wir den Lohn für unsere Arbeit selbst."

Die tadschikische Frauengruppe "Boghparvar#1" in der Nähe der kirgisischen Grenze hat einen anderen Weg gefunden, mit der Lücke umzugehen, die ihre Männer hinterlassen, wenn sie nach Russland gehen. Sie haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen. Gemeinsam nehmen die Bäuerinnen an einem Zertifizierungsverfahren für ein Fairtrade-Gütesiegel teil und hoffen damit, ihre getrockneten Marillen ohne etliche Zwischenhändler auf den Markt bringen zu können.

derstandard.at/von usslar

Tadschikistan nach dem Bürgerkrieg

Die tadschikische Regierung selbst unternimmt nichts gegen die Abwanderung von mehr als einer Million Bürger. Der Staat fördert den Baumwolleanbau enorm, obwohl man Baumwolle nicht essen kann. Gleichzeitig wird sehr viel Holz gerodet und verheizt, statt eine stabile Beziehung zu einem anderen Gaslieferer auszubauen – seit 1991 gibt es wegen Grenzkonflikten kein Gas mehr aus Usbekistan.

Drogenhandel und Islamisierung

Hinzu kommt die grassierende Schattenwirtschaft, die durch den Drogenhandel zwischen Tadschikistan und Afghanistan entsteht, und dass bereits von Islamisierung gesprochen wird, weil wieder mehr Frauen verschleiert auf der Straße zu sehen sind. Westliche Behörden, wie die International Crisis Group, vermuten sogar, dass die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" bis zu 4.000 Anhänger aus dieser Region rekrutieren konnte.

Eine Bäuerin serviert Tee am Dastarchan, einer Tischdecke, unter der die ausgestreckten Beine mit glühenden Kohlen gewärmt werden.

Über diese Probleme und die Frage, warum das Volk nicht gegen den autoritären Führungsstil des seit 1994 herrschenden Präsidenten Emomali Rachmon aufbegehrt, will DER STANDARD mit Malika Boimuradowa von der Nichtregierungsorganisation Association of Scientific and Technical Intelligentsia of Tajikistan (Asti) sprechen. In der Öffentlichkeit sind Interviews kaum möglich, und auch sonst bekommen Journalisten selten jemanden zu sprechen, der die tiefer liegenden Probleme der Republik anspricht oder sich kritisch äußert.

Menschenrechte und Pressefreiheit

Langzeitpräsident Rachmon ist bei der Umsetzung grundlegender Menschenrechte nachlässig. Kritiker werden eingesperrt und laut Amnesty International auch gefoltert. Es gibt im ganzen Land keine Tageszeitung, die Organisation Reporter ohne Grenzen verortet Tadschikistans Pressefreiheit auf Platz 115 von 180.

Anstatt all diese Fragen zu beantworten, schnappt sich Malika Boimuradowa einen Block und skizziert ein Tortendiagramm. "Sie kennen die verschiedenen Bedürfnisstufen eines Menschen nach Maslow? Wir sind jetzt hier", sagt Boimuradowa und zeichnet den Anteil auf, der angibt, wie viel Energie von Staat und NGOs derzeit allein für physiologische Bedürfnisse aufgewendet wird: 60 Prozent.

"Die Menschen sehnen sich nach Ruhe und Stabilität", das sei erst einmal alles, erklärt Boimuradowa. Rund die Hälfte der 8,2 Millionen Tadschiken müssen laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) mit zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion 1991 herrschte bis 1997 Bürgerkrieg.

"Die Menschen sehnen sich nach Ruhe und Stabilität."

Um von der zweitgrößten Stadt Chudschand in die Hauptstadt Duschanbe zu gelangen, muss man die Turkestankette über eine Passstraße, die nur im Sommer befahrbar ist, überwinden. Seit 2012 verbindet der Schahriston-Tunnel Norden und Süden des Landes mit vier statt 20 Autostunden Fahrt.

Erst seit fünf Jahren gibt es beispielsweise in Chudschand wieder Kulturstätten, wie ein Theater und ein Museum. Vorrangiges Ziel von Asti sei deshalb die Verbesserung der Lebensbedingungen, so Boimuradowa. Umso wichtiger, dass das Geld dafür im eigenen Land erwirtschaftet wird und die Männer zurückkehren können und einen Job finden. Denn Gastarbeit lohnt sich wegen der steigenden Lebenskosten in Russland immer weniger.

foto: aleksandra pawloff
Mehr als zwei Drittel der Fläche Tadschikistans sind Hochgebirge.

Denn die Sanktionen des Westens gegen Russland in Zusammenhang mit der Ukraine-Krise und der niedrige Ölpreis lassen den Rubel seit Sommer 2014 kontinuierlich an Wert verlieren. Die russische Währung erreichte Mitte Dezember ihren vorläufigen Tiefststand und stabilisierte sich auf niedrigem Niveau. Auch die tadschikische Währung Somoni verlor dadurch elf Prozent gegenüber dem Dollar.

Ukrainische Gastarbeiter bevorzugt

Inzwischen werden in Russland offenbar ukrainische Flüchtlinge als Arbeitskraft vorgezogen. Eine Gastarbeiterin erzählt von Schildern, die sie in der Ausländerbehörde in Moskau gesehen habe, worauf Ukrainer gebeten würden, an den Warteschlangen vorbei zum Schalter zu gehen.

foto: aleksandra pawloff
Weil die Männer in Russland sind, übernehmen oft Frauen und Kinder ihre Arbeit in der Landwirtschaft.

Die indirekte Abhängigkeit Tadschikistans von Russland ist für Experten nicht nur geopolitisch bedenklich. Tatsächlich vermuten sie, dass die Folgen der Krise in den nächsten Monaten in der Bevölkerung Zentralasien zu spüren sein werden und dass es zu gröberen Problemen und sozialen Unruhen kommen kann.

Mit dem Frühling kommen die Probleme

Derzeit ist die Situation der Bürger aber unverändert. Weil im Winter die Gastarbeiter zu Hause sind, legen sich die meisten Familien eine Geldreserve für die Wintermonate an. Im Frühjahr muss dann wieder frisches Geld durch die Rücküberweisungen kommen, doch vermutlich wird es viel weniger Transfer geben als in den vergangenen Jahren.

foto: aleksandra pawloff
Marillenbäume im November.

Die zurückkehrenden Gastarbeiter werden Jobs brauchen. Diese sehen Experten hauptsächlich in der Landwirtschaft. Bisher gilt die Türkei als das Land mit den höchsten Trockenobst-Exporten, mithilfe des HWA will auch das Ferganatal am Weltmarkt teilhaben. Dafür müssen relevante Mengen produziert werden.

Noch besitzen die Bauern zu kleine Landstücke und sind mangels Bewässerungsanlagen, Dünger und Schädlingsbekämpfung viel zu stark von den Launen der Natur abhängig. Das HWA organisiert dazu unter anderem Schulungen für die Bauern. Familie Mamadiew hofft, dass das erlangte Wissen aus dem vergangenen Jahr ihren Setzlingen in diesem Jahr zu einer reichen Ernte verhelfen wird. (Maria von Usslar, derStandard.at, 12.2.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien

Die Reise wurde vom Hilfswerk Austria International teilfinanziert.

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