Eine "Csárdásfürstin" im modernen Beinkleid

8. Jänner 2015, 17:13
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Ungarische Sängerin liebt Fürstensohn: Emmerich Kálmáns Operette in abgemilderter Folklore am Musiktheater Linz

Linz - Dem paternalistischen Gestus von Emmerich Kálmáns Operette Die Csárdásfürstin (1915 uraufgeführt in Wien) hält Regisseur Roy Spahn am Linzer Musiktheater eine resolute Titelheldin entgegen. Das folkloristische Rüschenröckchen dient der ungarischen Sängerin lediglich als Berufskleidung, danach schlüpft sie in Hosen (Kostüme: Julia Mottl) und bietet der über sie urteilenden Männergesellschaft in Budapest Paroli.

Es ist nicht ganz einfach, die in altertümlichen Rollenbildern verhaftete Geschichte der Csárdásfürstin so zu erzählen, dass sie heute nicht vollkommen patiniert wirkt: Der Fürstensohn Edwin Ronald (Iurie Ciobanu) verliebt sich in die Chansonnière Sylvia Varescu (Sonja Gornik), was seine Wiener Familie für eine nicht standesgemäße Verbindung hält und diese mit der Annoncierung einer anderweitigen Verlobung torpediert. Edwin besitzt zu wenig Taktgefühl, um dieses Missverständnis seiner Geliebten gegenüber aufzuklären, woraufhin diese beleidigt abreist. Sie steigt in eine Gondel, die in den Schnürboden auffährt.

Auf verlorenem Posten

Dass die Wiener Fürstenfamilie Lippert-Weylersheim in Wahrheit aber auf verlorenem Posten steht, wird bald deutlich. Zuvor aber spult das etwas ungelenke Ensemble (nicht selten stehen über 40 Personen auf der Bühne) die Kálmán-Ohrwürmer gekonnt ab, manchmal mit zu schwachen Stimmen (musikalische Leitung: Borys Sitarski). Die durchwegs männliche Perspektive darf einen da nicht schockieren, etwa in Die Mädis vom Chantant oder Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Der Frau wird aber auch das Wort abgeschnitten: "Das Schönste, was es gibt für eine Frau ...", singt Sylvia, der Satz wird schließlich von Edwin zu Ende gesungen: "... das ist nicht zu lieben, sondern geliebt zu werden."

Immerhin prallt der Begriff des "süßen Mädels" an Sonja Gornik und ihrer energischen Darstellung der Varescu ab. Als "holdes Kätzchen" und "süße Maus" musste dann Komtesse Stasi (Elisabeth Breuer) in Erscheinung treten. Zwecks Auflockerung dieser festgezurrten Rollenklischees passte Regisseur Spahn das Varietépersonal dem Conchita-Wurst-Zeitalter an (Herren in Stumpfhosen) - eine rein kosmetische Modernisierung.

Am stimmigsten geriet der zweite Akt (in Wien). Hierfür trippelt die marode Sektgesellschaft (kurz vor Kriegsausbruch) durch weithin ramponierte Zimmer des Palais. Ärzte verfolgen die fürstlichen Tattergreise mit dem Stethoskop, die Monarchie stirbt. Ein Abend für Freunde der gepflegten Patina. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 9.1.2014)

Bis 30.6.

  • Die "Csárdásfürstin" Sylvia Varescu (hier: Bea Robein, 2. v. li.) flieht vor der Diskreditierung durch die Fürstenfamilie und damit auch vor ihrem Bräutigam.
    foto: christian brachwitz

    Die "Csárdásfürstin" Sylvia Varescu (hier: Bea Robein, 2. v. li.) flieht vor der Diskreditierung durch die Fürstenfamilie und damit auch vor ihrem Bräutigam.

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