Anna-Elisabeth Mayer: Tief ins Fleisch schneiden

8. Jänner 2015, 17:01
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Die Salzburger Autorin erzählt in "Die Hunde von Montpellier" atemberaubend von Guillaume Rondelet, einem Arzt und Anatomen des 16. Jahrhunderts

Wien - "Rondeletus canis est" steht eines Morgens in kalkweißer Schrift da. Die Magd sieht die Buchstaben, kann jedoch nicht lesen. Sie versteht nur: Das muss weg. Niemand dürfe davon erfahren, sagt die Hausherrin - dabei bläht sich das Gerücht schon in der ganzen Stadt auf. Der Arzt und Anatom Guillaume Rondelet sei ein Hund, hat man auf seine Tür gepinselt. Der Professor soll sich beim Sezieren Furchtbares erlaubt haben. Der Ort ist das südfranzösische Montpellier, man schreibt das Jahr 1539. Es prallen rationaler Erkenntniswille und mächtiger Aberglaube aufeinander.

Packend und literarisch ansprechend erzählt Anna-Elisabeth Mayer nun in ihrem zweiten Werk Die Hunde von Montpellier diese Geschichte, ohne in die Fallen des historischen Romans zu tappen. Die 37-jährige, in Salzburg geborene Autorin braucht weder ausschmückende Tableaus noch breite Überzeichnung, weder aufgesetzte Epochensignale noch betontes, allzu faktenorientiertes Chronistentum.

In klarem, eher knappem Stil bringt sie das Geschehen unter das Dach des Doktors, wo in der unteren Etage die alte Köchin und die junge Magd wirken, während oben Rondelets Frau Jeanne und deren Schwester Catherine, eine kinderlose Witwe, leben. Jeanne kränkelt, ihre zögerliche Art zu gehen, die Anfälligkeit des Körpers fasziniert den Arzt. Die praktischere Catherine sucht des Schwagers Nähe, er lehrt sie lesen, da sitzen sie eng nebeneinander.

Konsequenter Forscherdrang

Die Beziehungen setzt Anna-Elisabeth Mayer ebenso gekonnt in Szene wie Rondelets empfindliches Gleichgewicht zwischen Berufung und Familie, das er schließlich mit seinem konsequenten Forscherdrang aufs Äußerste gefährdet. Seine kleine große Welt zu Hause, im Lehrsaal und in der Natur bringt der Roman in eine Spannung mit dem sozialen Draußen, den Bewegungen sowie Stimmen in Gassen und Wirtsstuben. Manchmal springt ein schneller Perspektivenwechsel unversehens von einer Person zur anderen, von einer Etage in die andere, vom Haus des Arztes in die Stadt. Und hinter den Worten und Gesten blitzt subtil das Ungesagte und Unsagbare hervor.

Öffnen von Leichen ...

Derart ersteht das konzentrierte Bild der Zusammenhänge diverser Handlungsebenen, beeindruckend angespielt im ersten Satz: "Im Montpellier von 1539 wühlten die Hunde in Abfällen und Menschen." Konkret erfährt man erst im letzten Teil des Romans, welche Funktion den Hunden neben dem Seziertisch zukam. In der klugen zeitlichen Anordnung der Erzählung erklären sich starke Bilder wie die weiße Schrift auf der Tür viel später im Text: ein probates Mittel, einen vielschichtigen Spannungsbogen zu ziehen.

Das "Öffnen" von Leichen zu Forschungszwecken blieb in manchen Ländern bis Ende des 19. Jahrhunderts ein Problem für christliche Konservative, die eine Einheit des Menschen nach dem Tode bis zur unversehrten Auferstehung nicht gestört sehen wollten. Rondelet hingegen versteht es als Notwendigkeit, den Körper "in- und auswendig" zu kennen.

Ein bezeichnendes Beispiel der Aufbruchsstimmung von einigen Gelehrten seiner Zeit: "Einen Schritt voraus sein, indem man alles mit eigenen Händen und Augen untersucht - den Körper, die Welt!" Nur "von außen anschauen" reiche nicht. In ein Haus trete man doch auch ein; "wo eine Tür ist, gehe ich hinein", erklärt der Professor seinem Studenten.

Der Skeptiker folgt nicht kritiklos den alten Schriften; seine Forschung über "alles" macht vor der eigenen Familie nicht halt. Als Jeanne schwanger wird, gerät das fragile Gleichgewicht im Haus leicht ins Schwanken; als sie einen Sohn zur Welt bringt, der gleich nach der Geburt stirbt, fordert Rondelet mit seinem Erkenntnisdrang das Verständnis selbst der Verständnisvollsten heraus.

Die beiden Sezierszenen hat Mayer atemberaubend gestaltet. In jener Zeit finden die "Öffnungen" strikt geregelt statt, im Karneval in einer Art Theater. Der Andrang ist groß, der Pedell kassiert Eintritt, im Saal herrscht "schweres gemeinschaftliches Atmen" bei Kerzenschein: Erst diese Passage lässt verstehen, warum Rondelet am Anfang Wachs von seinen Schuhen kratzt.

... nicht leicht zu verdauen

Als Rondelet sich völlig über die Konventionen hinwegsetzt, wechseln Perspektive und Ort mit jedem Satz zwischen Seziersaal und Schlafgemach: "Stumm schauten die Studenten zu. Die letzte Decke, er zögerte. In der Kammer schlug Jeanne ihre Decke zurück." Und dann: "Jeanne setzte sich kerzengerade auf. Er nahm das Skalpell." Was folgt, ist auch für uns Heutige nicht leicht zu verdauen.

Bewundernswert, wie Anna-Elisabeth Mayer den schwierigen Stoff nahebringt, wie sie die Motive verschränkt. Ganz selten nur gerät ihre Sprachkunst kurz aus der Fassung: ein unangemessen simples Wortspiel (Texte, "die schon mitgenommen aussahen, bevor sie mitgenommen worden waren"), eine ungelenke heutige Phrase (Catherine versucht "Überzeugungsarbeit zu leisten"). Davon abgesehen: Vom ersten Satz an ein hochdramatischer, ein faszinierender Roman. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD, 9.1.2015)

Anna-Elisabeth Mayer
Die Hunde von Montpellier
Schöffling-Verlag 2014
199 Seiten, 20,60 Euro

  • Anna-Elisabeth Mayer erzählt gekonnt über den Arzt und Anatomen Guillaume Rondelet.
    foto: marko lipus

    Anna-Elisabeth Mayer erzählt gekonnt über den Arzt und Anatomen Guillaume Rondelet.

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