Von Beton und Gips und kuratorischen Substanzen

8. Jänner 2015, 17:09
1 Posting

Wiederentdeckte Materialiät in der Kunst: "Living in the Material World" in der Galerie im Taxispalais

Innsbruck - Als ob der Putztrupp nicht gut gearbeitet hätte: Auf dem Boden eines Raums im Innsbrucker Taxispalais liegt ein - so wirkt es im ersten Moment - braunes Abdeckpapier mit Farbspritzern, in der Ecke lehnt der schmale Verpackungskarton einer Neonröhre. Erst bei sehr naher Betrachtung erweisen sich diese vermeintlichen Überbleibsel des Ausstellungsaufbaues als minutiöse Zeichnungen auf weißem Papier.

Die norwegische Künstlerin Ane Mette Hol (geb. 1979) schafft zeichnerisch exakte Reproduktionen von Gebrauchsmaterialien, die weggeworfen wurden - in diesem Fall bei einer Ausstellung in Oslo. Traditionen des Readymades oder der Arte Povera werden von Hol aufgenommen und weitergedacht. Sie gibt den "armen" Materialien eine Bildwürdigkeit und wirft auf diese Weise Fragen nach dem Wert von Original und Reproduktion auf. Der perfekte Illusionismus tut das seine.

Wenn Hols Arbeit auf etwas Abwesendes verweist, so rückt die spanische Künstlerin Lara Almarcegui (geb. 1972) etwas ins Bewusstsein, das zwar vorhanden ist, jedoch nicht wahrgenommen wird. Ein Wandtext listet Materialien wie Beton, Kies oder Gips. Es handelt sich um die "Zutaten des Gebäudes", wie es die Künstlerin formuliert. Den Materialien sind Gewichtsangaben zugeordnet, jene Mengen, die für den Bau der Galerie verwendet wurden. Die Liste bewirkt ein Nachdenken über den Raum, der - wenn architektonisch gelungen - wie ein guter Cocktail in seiner Gesamtheit, nicht aber als seine einzelnen Elemente wahrgenommen wird.

Dass seit Wiedereröffnung der Galerie im Taxispalais 1999 auch 5,57 Tonnen Farbe verbraucht wurden, ist ein schöner Verweis auf die Funktion des Ortes. Variationen dieser Konzeptarbeit - statt lediglich gelistet wurden die Materialien tatsächlich aufgehäuft - waren etwa 2010 im Hauptraum der Secession oder 2013 auf der Biennale Venedig zu sehen.

Noch eine Arbeit der insgesamt zwölf internationalen Positionen spielt gekonnt mit ihrem Verweischarakter: Untitled (Plates), des US-Amerikaners Theaster Gates (geb. 1973). Seine Objekte - in diesem Fall gestapelte, zerbrechliche Porzellanteller, einzementiert in einen Kubus - dienen als Schlüssel zu dahinterstehenden Sozialprojekten.

Die verwendeten Altmaterialien stammen von einem verfallenen Gebäude in einem heruntergekommenen Chicagoer Viertel, das der Künstler gemeinsam mit arbeitslosen Jugendlichen renovierte und zu einem Begegnungs- und Diskussionsort machte. Der Verkaufserlös der Skulpturen fließt wieder in Ankauf und Renovierung von Abbruchhäusern. Hier kann die Verbindung von Kunstmarkt und sozialer Praxis tatsächlich den vielbeschworenen positiven Wandel bewirken.

Das Zusammenspiel dieser drei Arbeiten hinsichtlich ihrer künstlerischen (Verweis-)Strategie zeigt auf, was der Schau als Ganzer fehlt: eine Idee, die über die Zusammenschau eines künstlerischen Gattungsmerkmals hinausginge. Dass im digitalen Zeitalter die Hinwendung zum Haptischen auch in der Kunst zu beobachten ist, mag stimmen. Dass in der Pluralität der Postmoderne aber auch das Gegenteil konstatiert werden kann, ist auch klar.

Der Katalog zur Ausstellung beleuchtet die Materialkunst auch in ihrer historischen Dimension seit den 1960er-Jahren. Die eine oder andere historische Position hätte der Präsentation ebenfalls gutgetan; so wären einige, durchaus interessante aktuelle Zugänge in entsprechende Kontexte gesetzt worden.

Erschöpfte Kriterien

Die in Kooperation mit den Kunstmuseen Krefeld entstandene Themenschau reiht sich ein in eine Serie, die im künstlerischen Medium oder der Machart das kuratorische Element sucht. Nach der Zeichnung (2014), der Malerei (2012) sowie Video und Skulptur (2011) sind die Gattungen als kuratorische Argumente aber wohl erschöpft. Das lässt hoffen, dass zukünftige Ausstellungen wieder stärker auf Inhalte, Ideen und künstlerische Strategien abzielen. Der Titel der Mitte 2015 kommenden Ausstellung Welten im Widerspruch - Zonen der Globalisierung weist zumindest in diese Richtung. (Robert Gander, DER STANDARD, 9.1.2015)

Bis 15.2.

  • Theaster Gates verarbeitete u. a. Zement, Pappe und Porzellan.
    foto: theaster gates

    Theaster Gates verarbeitete u. a. Zement, Pappe und Porzellan.

Share if you care.