Krachender Ölpreis als Europas neuer Trumpf

7. Jänner 2015, 18:59
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Der Ölpreis fällt auf den tiefsten Stand seit sechs Jahren. Die Konjunktur in Europa könnte nun endlich anziehen.

Wien - Die aufsehenerregenden Nachrichten trafen am Mittwochmorgen im Viertelstundentakt ein. Zunächst rutschte der Preis für die in Europa wichtigste Ölsorte Brent zum ersten Mal seit April 2009 zwischenzeitlich unter die Marke von 50 Dollar je Fass.

Am Montag hatte Saudi-Arabien angekündigt, seine Verkaufspreise in Europa und den USA deutlich zu senken. Das brachte auch die Nordseemarke Brent unter Druck. Insgesamt ist der Brent-Preis seit Jahresbeginn um elf Prozent eingebrochen. Im Jahresvergleich hat sich Brent sogar um fast 60 Prozent verbilligt.

Der fallende Ölpreis sorgt dafür, dass das Preisniveau in Europa zurückgeht. Wie die EU-Statistikbehörde Eurostat mitteilte, ist die jährliche Inflation im Euroraum im Dezember 2014 auf minus 0,2 Prozent gefallen. Damit sind die Preise zum ersten Mal seit 2009 rückläufig. Streng genommen ist die Eurozone noch nicht in einer Deflation. Das wäre erst bei einem anhaltenden Preisrückgang der Fall. Eine negative Inflationsrate ist aber gefährlich, wenn Konsumenten und Unternehmer in Erwartung weiterhin fallender Preise aufhören, Geld auszugeben. Als Reaktion auf die schlechten Inflationszahlen in Europa hat auch der Euro gegenüber dem US-Dollar noch einmal an Wert verloren.

Was aber bedeuten diese Entwicklungen für die Wirtschaft in Österreich und Europa?

  • Die heimische Konjunktur betreffend, gehen Ökonomen davon aus, dass der Ölpreisverfall vorteilhaft ist. Fallende Energiekosten bedeuten, dass Industrieunternehmen billiger produzieren können und Investitionen in neue Fabrikanlagen günstiger werden. Den Bürgern bleibt dank niedrigerer Spritpreise mehr Geld für den Konsum.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo ging in seiner jüngsten Prognose im Dezember davon aus, dass Österreichs Wirtschaft im Jahr 2015 um magere 0,5 Prozent wachsen wird. Der Berechnung wurde ein Ölpreis von 75 Dollar je Fass zugrunde gelegt. Würde man mit 50 Dollar je Fass rechnen, wäre das Wachstum 2015 bei 0,7 Prozent, sagt Wifo-Ökonom Marcus Scheiblecker.

Zwei Einschränkungen gibt es dazu. Zunächst stimmt der Konnex zwischen Ölpreis und Investments nur dann, wenn Firmen und Konsumenten davon ausgehen, dass der Preisverfall anhält. Da der Ölpreis bereits seit Monaten rückläufig ist, dürfte dies der Fall sein, sagt Scheiblecker.

Hinzu kommt, dass der Preis aus dem richtigen Grund fallen muss. Geht der Verfall primär auf eine mangelnde Nachfrage zurück, ist dies ein konjunkturelles Alarmzeichen. Wenn Firmen weniger produzieren, brauchen sie auch weniger Energie. Doch diesmal spricht viel dafür, dass ein Überangebot für den Preisrückgang sorgt. So ist die Rohölproduktion in Libyen und im Iran zuletzt gestiegen. Im Irak ist die Produktion trotz des Krieges gegen die Terrorgruppe IS stabil, und in den USA wird immer mehr Schieferöl gefördert.

  • Optimistischer sind Volkswirte auch bezüglich der Eurozone. Die Ölpreisentwicklung sei "ein Segen" für die lahmende Konjunktur im Euroraum, heißt es in einer Analyse der Commerzbank. Ferdinand Fichtner vom deutschen Forschungsinstitut DIW geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft dank der niedrigeren Energiekosten 2015 um 1,6 oder sogar 1,7 Prozent wachsen könnte. Bisher lag die Prognose bei plus 1,4 Prozent.
  • Der Verfall des Euro wirkt ebenfalls konjunkturstützend. So ist die Schwächung der Gemeinschaftswährung derzeit eines der erklärten Ziele der Europäischen Zentralbank (EZB). Der schwache Euro soll Exporteuren dabei helfen, ihre Waren in den USA und in Asien billiger zu verkaufen. Zudem will die EZB die derzeit zu niedrige Inflation im Euroraum ankurbeln. Dabei kann auch ein schwacher Euro helfen: Sinkt der Wert der Währung, steigen die Importkosten aus Drittländern an.
  • Doch genau hier - bei der Inflation - hakt es derzeit. Die EZB peilt eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent an. Doch davon ist die Eurozone weit entfernt. Die typischen Gefahren einer Deflation sehen vom Standard befragte Volkswirte für Europa dennoch nicht. Zunächst ist das Preisniveau weiter ansteigend, wenn man die Energiekosten herausrechnet. "Zudem wird eine Deflation erst zum Konjunkturproblem, wenn die Menschen als Folge der sinkenden Preise weniger verdienen", sagt der DIW-Ökonom Fichtner. Doch für niedrigere Löhne gibt die Preisentwicklung derzeit keinen Anlass. Denn die Produktionskosten für Unternehmen sinken wegen des billigen Öls. Gewerkschaften dürften bei Tarifverhandlungen deshalb also nicht zusätzlich unter Druck kommen, sagt Fichtner. Erst wenn der aktuelle Trend lang anhält, könnte sich die Preisentwicklung auf die Löhne durchschlagen. (András Szigetvari, DER STANDARD, 8.1.2015)
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