Frankreichs größte Gewerkschaft führungslos

8. Jänner 2015, 05:30
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Die traditionsreiche CGT steht erstmals ohne Leitung da

Die neun Mitglieder des Exekutivbüros der CGT haben Dienstagabend kollektiv ihr Amt niedergelegt. Die größte und traditionsreichste Gewerkschaft Frankreichs, die Confédération Générale du Travail, steht damit erstmals in ihrer 120-jährigen Geschichte ohne Führung da. Ihr nationales Komitee, eine Art Parlament der Organisation, will kommenden Dienstag die Nachfolger wählen. Noch ist nicht sicher, ob es ihm auch gelingt, einen neuen Generalsekretär zu bestimmen.

Ausgelöst wurde die interne Führungskrise durch mehrere Finanzaffären von CGT-Chef Thierry Lepaon. Der 54-jährige Schweißer des Haushaltsgeräteherstellers Moulinex hatte sich auf Kosten der Gewerkschaft sein Büro für 60.000 Euro und seine Wohnung für 105.000 Euro renovieren lassen. In seiner Privatbleibe mit Sicht auf den Pariser Stadtwald Vincennes hatte er sich unter anderem auch einen Weinkeller einrichten lassen. Ferner ließ er sich seinen internen Wechsel von der regionalen Sektion Normandie in die Pariser Zentrale mit einer Entschädigung von mehr als 100.000 Euro vergolden.

Opfer einer Intrige

Solche Zahlen sind für französische Führungskräfte an sich eher bescheiden, auch wenn sich die CGT - wie die mit ihr liierte Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) - als Vertreterin des kleinen Mannes präsentiert. Gravierender war das Verhalten Lepaons. Er sagte Journalisten mehrfach die Unwahrheit, was seine Abfindung bei dem betriebsinternen Wechsel und sein Salär von 5000 Euro anbelangte. Die Basis murrte seit Wochen und verlangte seinen Rücktritt. Vergangene Woche versetzte ihm der ehemalige CGT-Boss Louis Viannet den Gnadenstoß, indem er Lepaon die Demission nahelegte.

Der seit März 2013 amtierenden CGT-Chef gibt aber nicht so schnell auf. Er fühlt sich als Opfer einer internen Intrige, da die Details seiner Umbaurechnungen von höchster Stelle in die Presse gelangt sein mussten. Stärker als politische Differenzen fiel wohl die persönliche Schwäche Lepaons ins Gewicht: Er scheiterte weitgehend beim Versuch, die Gewerkschaft zu modernisieren und angesichts der Konkurrenz durch Schwesterorganisationen neu aufzustellen.

Immerhin gelang es ihm, seinen eigenen Sturz insofern zu kaschieren, als er die ganze Exekutivführung zum Kollektivabtritt überredete. Einzelnen soll er zu diesem Zweck seinen eigenen Posten versprochen haben. Sie sind zum Teil namentlich bekannt geworden und kommen deshalb für die Nachfolge Lepaons nicht mehr infrage. Dass der umstrittene CGT-Sekretär im Amt bestätigt werden könnte, gilt als ausgeschlossen. Allerdings drängen sich auch keine anderen Kandidaten auf. Angesichts des Fehlens starker Köpfe spekuliert die Pariser Presse sogar über die Rückkehr von Lepaons Vorgänger Bernard Thibault.

Um sich greifende Krise

Die Lepaon-Affäre legt die Krise der ganzen französischen Gewerkschaftsbewegung offen. Diese ist bedeutend schwächer, als man es angesichts ihrer lauten Auftritte bei Streiks und Demonstrationen meinen könnte. Nur acht Prozent der französischen Erwerbstätigen sind noch gewerkschaftlich organisiert. Das ist der tiefste Syndikalisierungsgrad Westeuropas. Bei der CGT entfallen zudem mehr als die Hälfte der Mitglieder auf den öffentlichen Dienst - im fünfmal größeren Privatsektor ist die CGT, einst Symbol des Klassenkampfs à la française, hingegen stark ausgedünnt. Insgesamt kommt sie auf knapp 700 000 Mitglieder - gegenüber 2,3 Millionen in den Siebzigerjahren. Heute hat sie nicht mehr Mitglieder als die gemäßigte, den Sozialisten nahestehende Gewerkschaft CFDT. Das sind sehr niedrige Zahlen im Vergleich zu den 26 Millionen Erwerbstätigen in Frankreich. Der Arbeitsexperte Dominique Andolfatto spricht von einer "Gewerkschaftsbewegung ohne Mitglieder".

Neben dem innerbetrieblichen schwindet aber auch der politische Einfluss der französischen Gewerkschaften. Die CGT hat mit der KPF ihre wichtigste Relaisstation ins französische Parlament verloren. Die heute bedeutend wichtigere Linkspartei neigt eher zur militanten Gewerkschaft SUD. All diese Arbeitnehmerorganisationen stehen in scharfer Konkurrenz zueinander. Das unterscheidet sie auch von deutschen Einheitsgewerkschaften, in denen weltanschauliche Differenzen eine weniger große Rolle spielen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 8.1.2015)

  • Im vergangenen Mai war die Welt für CGT-Chef Thierry Lepaon (in der Bildmitte bei einer Demonstration in Paris) noch in Ordnung. Ein paar Finanzaffären später sieht es anders aus.
    foto: epa / yoan valat

    Im vergangenen Mai war die Welt für CGT-Chef Thierry Lepaon (in der Bildmitte bei einer Demonstration in Paris) noch in Ordnung. Ein paar Finanzaffären später sieht es anders aus.

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