Völkerwanderung

Kolumne7. Jänner 2015, 17:05
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Europa bekommt ein neues Gesicht, ob es den Alteingesessenen passt oder nicht

Wann eine Ära zu Ende ist und eine neue beginnt, weiß man immer erst im Nachhinein. Das lange 19. Jahrhundert begann, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm schrieb, 1789 und endete 1914, das kurze 20. dauerte vom Ersten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums 1989.

Wann ist der nächste Einschnitt fällig? Exakte Daten haben meist nur symbolischen Charakter. Aber was jetzt anbricht, könnte man wohl eine Epoche der Völkerwanderung nennen, die die Bevölkerungsstruktur Europas noch gehörig durcheinanderbringen wird.

Die Millionen Syrer, die derzeit ihre Heimat verlassen und in umliegende, aber auch in entferntere Länder flüchten und laut Experten, wenn überhaupt, sicher nicht in den nächsten Jahren zurückkehren werden, sind ein Teil dieser Wanderungsbewegung. Afghanen, Tschetschenen, Iraker, Somalis sind ebenfalls in Massen auf der Flucht. Der Nahe Osten verändert sein Gesicht. Der Irak mit seiner Hauptstadt Bagdad, über Jahrhunderte Heimat von Muslimen, Juden und Christen, hat in den letzten Jahren seine jüdische und seine christliche Minderheit praktisch zur Gänze verloren. Für immer, sagt der deutsch-persische Gelehrte und Islamkenner Narvid Kermani. Beide Gruppen gehörten zur Elite im Lande und haben dessen Kultur wesentlich mitgetragen. Eine muslimisch-arabische Homogenisierung findet statt.

Zusammenprall der Kulturen auf der einen, Gleichschaltung auf der anderen Seite. Etwas Ähnliches hat Osteuropa um die Mitte des Jahrhunderts erlebt, als zuerst die Juden und dann die Deutschen vertrieben wurden. Städte wie Lemberg und Czernowitz, berühmt für ihre einzigartige polnisch-jüdisch-deutsch-ukrainische Kultur, sind jetzt rein ukrainisch. Homogenisiert, durchaus nicht zu ihrem Vorteil, wurden auch Westböhmen, Siebenbürgen, die Slowakei, die Bukowina und die Vojvodina. Kulturhistoriker forschen jetzt über die Spuren der Verschwundenen.

Umgekehrt sind die westlichen Metropolen in den letzten Jahren "östlicher" geworden. Auf manchen Strecken der Londoner U-Bahn sieht man heute mehr braune und schwarze als weiße Gesichter in den Wagons. Berlin-Kreuzberg ist überwiegend türkisch, Paris-Clichy überwiegend nordafrikanisch. Überall sind anti-immigrantische Parteien und Bewegungen entstanden, es fehlt nicht an Konflikten und Zusammenstößen. Andererseits ist Berlin, Magnet für Zuwanderer aus aller Herren Länder, heute die angesagteste Stadt Europas, Lieblingsplatz der Künstler und Kreativen.

Und Wien? Viele Fremde, viele Fremdenfeinde. Aber nicht nur die Oper, die Musik-, die Kunst-, die Wissenschafts- und die Sportszene, sondern auch die moderne österreichische Literatur sind ohne die Fremden nicht mehr denkbar. Die Namen Ilja Trojanow, Dimiter Denev, Doron Rabinovici, Thomas Glavinic, Michael Stavaric, Julya Rabinowich, Radek Knapp sind ein Beweis dafür. Peter Handke ist ein halber Slowene. Peter Turrini ist ein halber Italiener.

Ist das alles gut oder schlecht?

Sowohl als auch. Auf jeden Fall ist es unumkehrbar. Europa bekommt ein neues Gesicht, ob es den Alteingesessenen passt oder nicht. Wir leben in einer Ära der Völkerwanderung. Sie hat eben erst begonnen, und sie wird mit Sicherheit noch lange nicht zu Ende sein. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 8.1.2015)

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