Biografien, die Arbeitskräfte interessant machen

8. Jänner 2015, 08:00
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Mit einer Kantine in der Brotfabrik Wien und einem 80-Betten-Hotel am Prater versucht die Caritas, Menschen eine berufliche Perspektive zu geben, die wegen ihrer Biografie oder als Flüchtlinge sonst in die Arbeitslosigkeit und Verarmung abrutschen würden

Wien - Anja spricht 14 Sprachen. Und ist froh, dass sie überhaupt einen Job hat. Als Küchenhilfe. "Unsere Mitarbeiter sind eigentlich alle überqualifiziert", sagt Ruben Turner, Geschäftsführer in Magdas Kantine, der Anjas Lebenslauf für nicht untypisch hält: Nach dem Studium hat sie mit ihrem damaligen Mann eine Weinbar in Belgien betrieben - aber weder das mit der Bar noch das mit der Ehe ist nach Plan gelaufen. Dann hatte sie eine Buchhandlung in Italien. Auch nicht schlecht; aber auch nicht gut gegangen.

"Und jetzt geht sie auf die 50 zu und lernt die Realität des Arbeitsmarktes für Altphilologen kennen", sagt Turner. Da helfen keine Kenntnisse in Althebräisch. Und keine in Altaramäisch, der Sprache, die Jesus Christus wohl gesprochen hat.

Aber es hilft die Caritas.

Bobo trifft Hausmeister

Im Kulturzentrum "Brotfabrik Wien" hat die Caritas in ehemaligen Produktionsstätten von Ankerbrot eben Magdas Kantine eingerichtet - zur kulinarischen Versorgung von Künstlern und Kunsthändlern, von Studierenden der Deutschen Pop und der Schule für Sozialberufe. "Bobo trifft Hausmeister", steht im ersten Konzept.

Nicht zuletzt aber dient Magdas Kantine als Arbeitsplatz für Menschen, deren Lebenslauf Brüche aufweist, die auf dem regulären Arbeitsmarkt als hinderlich gelten.

Arbeit heißt: Zugang zum Sozialsystem

Tatsache ist: Wer sich in jungen Jahren in verschiedenen Jobs selbst verwirklicht hat, findet selbst dann schwer in den Arbeitsmarkt (und damit zu einem Zugang zum Sozialsystem), wenn er mit seinen bisherigen Tätigkeiten durchaus erfolgreich war.

John zum Beispiel. Ruben Turner kannte den freundlichen Schwarzen, der früher zwei Szenelokale hatte: "Aber sagen wir es, wie es ist: In einem Lokal von einem Afrikaner für Afrikaner gibt es zweimal die Woche eine Razzia - da bleiben dann irgendwann die Gäste aus." Was aber soll ein gescheiterter Lokalbetreiber im mittleren Alter tun?

Erfolg nicht nur für Junge und Schöne

In der Gastronomie gilt halt meist der Grundsatz, dass man jung und schön sein muss, um Erfolg zu haben. Turner: "Unser Aufnahmekriterium ist: Es sollen Leute sein, die einen Plan B für ihr Leben brauchen. Wir haben uns gesagt: Macht die Biografie die Leute nicht interessant? Und wir haben gesehen, dass wir lauter Top-Leute bekommen haben."

Fast alle acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien für ihren Job überqualifiziert - und in Magdas Kantine wird auch ein wenig über dem Kollektivvertrag bezahlt. Dennoch muss sich die Sache rechnen, betont Turner: "Wir machen ein Social Business. Das heißt, dass wir jene Förderungen in Anspruch nehmen, die auch andere Unternehmen bekommen - das wäre etwa die Reintegrationsbeihilfe des AMS. Aber am Ende des Tages müssen wir Geld verdienen und den Kredit zurückzahlen."

Erprobtes Konzept Inigo für Langzeitarbeitslose

Damit unterscheidet sich Magdas Kantine von Inigo, einem Caritas-Projekt, in dem sogenannte Transit-Arbeitskräfte beschäftigt werden: Bei Inigo werden Langzeitarbeitslose für sechs Monate fit für einen Gastro-Job gemacht und erhalten fachliche Qualifizierung, die sie bei Magda schon mitbringen sollten.

Das Konzept soll sich ab Februar in noch größerem Maßstab in Magdas Hotel bewähren: Da will die Caritas 30 Arbeitsplätze in einem ehemaligen Pflegeheim im zweiten Bezirk, das zum Hotel umgebaut wird, schaffen. Dazu kommen zwei Lehrstellen für jugendliche Asylwerber, "damit die eigenes Geld haben und sich durch die Praxis integrieren - noch dazu wo im Beruf Koch ohnehin Fachkräftemangel herrscht", schwärmt Turner.
Durch Crowdfunding wurde inzwischen ein Teil der Umbaukosten des Hotels finanziert: Unterstützer zeichneten Gutscheine, mit denen später Hotelzimmer gebucht werden können. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 8.1.2015)

  • Arbeit in Magdas Kantine: Die meisten Mitarbeiter sind deutlich überqualifiziert
    foto: andy urban

    Arbeit in Magdas Kantine: Die meisten Mitarbeiter sind deutlich überqualifiziert

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