Montenegros Flamingos geht das Salz aus

7. Jänner 2015, 17:17
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In der Saline von Ulcinj wird kaum noch produziert – das wird den dortigen Vogelarten Probleme bereiten. Umweltschützer warnen vor einem Tourismusprojekt

Flamingos lieben salziges Wasser. Auch wenn es voller Chloride, Natriumcarbonate, Sulfate oder Fluoride ist, die Flamingos können Salzwasser aushalten, an dem sich andere Tiere längst verkutzen würden. Denn sie seihen mit den Lamellen an ihrem Schnabel jene Nahrungsmittel aus, die sie am meisten brauchen, Plankton vor allem oder etwa Algen, die auch Karotinoide enthalten, die ausmachen, dass die Flamingos so schön rosa sind. Es ist übrigens derselbe Farbstoff, der die Paradeiser und die Marienkäfer rot und die Bananen gelb macht. Flamingos fressen aber auch Einsiedlerkrebse und Muscheln. Sie schreiten jedenfalls gemächlich durch das seichte Wasser, etwa in Ulcinj an der montenegrinischen Küste, wo sich eine alte Saline befindet.

Die Saline ist der wichtigste Nahrungsort für die Vögel in der Region. Es ist ein von Menschen geschaffenes Paradies für Krauskopfpelikane, Kurzfangsperber, Rotflügelbrachschwalben, Kiebitze und Seeregenpfeifer, aber auch für Eleonorenfalken. 250 verschiedene Vogelarten leben, nisten, brüten und rasten hier. Die Saline ist so attraktiv für sie, weil dadurch, dass dauernd Meerwasser in die Salzbecken gepumpt wird, auch Eier und Larven von Meerestieren hineingeschleust werden, die in den Becken gedeihen. Und wenn die müden Vögel aus Sibirien oder aus Nordeuropa hier in Montenegro Zwischenstation machen und sich in dem nahrhaften Wasser satt fressen, haben sie danach wieder Energie weiter über die Adria nach Afrika zu fliegen.

Kein Meerwasser mehr

Im Vorjahr wurde zum ersten Mal, seit die Saline 1934 fertiggebaut wurde, aber kein Salz mehr gewonnen und kein Meereswasser in die Becken gepumpt, und deshalb geht auch die Nahrungsqualität verloren. Nur weil es im Sommer geregnet hat, sind die Becken trotzdem gefüllt. Aber das könnte dieses Jahr ganz anders sein. Denn die Saline ist ökonomisch nicht mehr effizient und praktisch stillgelegt. Umweltschützer fürchten jetzt, dass der Brut- und Rastplatz wegfällt und die Vögel in Gefahr sind. Denn, wenn kein Salz mehr produziert wird, dann gibt es auch keine Leckerbissen mehr für Säbelschnäbler oder Stelzenläufer.

"Hier kann man eigentlich 30.000 Tonnen Salz pro Jahr produzieren. Bisher haben etwa 100 Leute von Mitte August bis Mitte September das Salz aus den Becken geschaufelt. Aber einige Teile der Maschinen sind nun kaputt", erzählt Marija Stanišić vom Zentrum für den Schutz und die Erforschung von Vögeln in Podgorica. Sie meint, dass die Probleme bereits nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens vor 20 Jahren begonnen hätten.

Baulandwidmung

Die Saline – nach dem Partisanen Bajo Sekulić benannt – wurde privatisiert. Der mehr als 14 Quadratkilometer große Naturpark mit den vom Salz gefärbten Pflanzen wurde danach 2008 als Bauland umgewidmet. Seitdem fürchten Umweltschützer, dass hier ein großer Hotelkomplex entstehen soll. Auf Druck diverser NGOs hat die Regierung 2012 aber das Areal bis 2020 als "Monument der Natur" unter Schutz gestellt.

Der Besitzer der Saline, Eurofond, räumt ein, dass das Ende der Salzproduktion Auswirkungen auf die Vögel hat. "Denn die Salzproduktion mit ihren Begleiterscheinungen hat die Schaffung eines geeigneten Lebensraums für die Vögel gezeitigt." Weil die Salzproduktion aber so unprofitabel sei, könne man sie erst im Rahmen einer größeren Investition wiederaufnehmen.

Suche nach Investoren

Wer auf die Homepage von Eurofond geht, kann Einsicht in das "Entwicklungsprojekt" nehmen, das hier seitens der Besitzer geplant ist. Zu sehen ist ein Swimmingpool, umgeben von Palmen und Liegestühlen. Geplant sind laut den Plänen neben einem Hafen und Gebäuden auch ein Naturpark, eine Erholungszone, eine Fischzucht und ein Golfplatz. Nur ein Bruchteil des Areals soll weiterhin als Saline genutzt werden. Doch bisher hat offenbar noch niemand zugesagt, das Projekt in Angriff zu nehmen. Elf Ausschreibungen blieben bisher erfolglos. Eine Studie über die Auswirkungen auf die Fauna und Flora fehlt.

Es gebe Interesse von potenziellen Investoren, so Eurofond zum STANDARD. Und auch wenn die Saline verkauft würde, wäre die Salzproduktion eine Priorität, auch weil die "Salzfabrik zur Beibehaltung der Biodiversität" beitrage. Allerdings gebe es einen Bereich der Salzpfannen, der nicht von "Pflanzen und Tieren genutzt" werde, und dieser könne für Tourismus verwendet werden – aber "alles in Übereinstimmung mit europäischen Umweltschutzstandards", so Eurofond.

Wilderer im Park

Was der Vogelschutzexpertin Stanišić zurzeit Sorgen bereitet, ist die Wilderei in der Saline. Sie fand immer wieder erschossene Tiere. Seit 1984 ist die Jagd in dem Park verboten. Auf Anfrage des STANDARD gibt Eurofond bekannt, dass es "individuelle Fälle" von illegaler Jagd gegeben habe. Man habe auch eine private Sicherheitsfirma beauftragt, aber das Areal sei aufgrund der Größe schwer zu schützen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 8.1.2015)

  • In der Saline Bajo Sekulić wird kaum noch gearbeitet. Im Vorjahr wurde  bereits erstmals kein Salzwasser mehr aus dem Meer in die Becken  gepumpt. Und damit kamen auch keine frischen Eier und Larven von  Meerestieren mehr nach.
    foto: epa / sasa maricic

    In der Saline Bajo Sekulić wird kaum noch gearbeitet. Im Vorjahr wurde bereits erstmals kein Salzwasser mehr aus dem Meer in die Becken gepumpt. Und damit kamen auch keine frischen Eier und Larven von Meerestieren mehr nach.

  • Die Saline ist der wichtigste Nahrungsort für die Vögel der Region, auch für die Flamingos, die hier ein Paradies vorfinden.
    foto: ©czip

    Die Saline ist der wichtigste Nahrungsort für die Vögel der Region, auch für die Flamingos, die hier ein Paradies vorfinden.

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