Tiefpunkt einer schwarzen Serie

7. Jänner 2015, 17:41
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Der Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" ist der vorläufige Tiefpunkt einer Serie von Vorfällen, die Frankreich unter Hochspannung gesetzt haben

Immer gezielter, immer gefährlicher – immer "barbarischer", um mit Präsident François Hollande zu sprechen: Terroranschläge mit islamistischem Hintergrund haben sich in Frankreich seit langem gehäuft. 2012 erschoss der sogenannte Banlieue-Terrorist Mohammed Merah sieben Menschen, darunter jüdische Schulkinder, in der und um die Pyrenäenstadt Toulouse.

Mit dem Tod des Attentäters nach einer Großfahndung baute sich die Spannung aber nicht ab. Im Gegenteil förderte die internationale Entwicklung noch die Konflikte und Reibungsflächen zwischen französischen Salafisten und der einstigen Kolonialmacht. Sie griff in Mali 2013 militärisch ein, um die Ableger des westafrikanischen Al-Kaida-Terrornetzwerkes Aqmi zu vertreiben. Dann engagierte sich Hollande in Syrien und Irak an vorderster Front. Und auch der Gaza-Krieg sorgte in Banlieue-Vierteln von Paris, Lyon oder Marseille für rote Köpfe und Solidaritätskundgebungen. Dazu verschärften die Wirtschaftskrise und steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich noch die Lage in den verelendeten Vorstädten.

An die tausend Banlieue-Jugendliche sollen bis Ende 2014 in den Krieg im Nahen Osten gereist sein, um sich den Terrormilizen von IS oder Al-Nusra anzuschließen. Sogar 15-jährige Mädchen wurden von gewieften Anwerbern über das Internet rekrutiert. Im November zeigte sich, dass auf einem Enthauptungsvideo aus Syrien oder Irak ein 22-jähriger Konvertit aus der Normandie war – nicht etwa als Opfer, sondern als Täter. "Al faransi" nennt er sich – "der Franzose". Im Dezember wurde bekannt, dass sich aus Nizza eine muslimische Großmutter mit zehn Familienmitgliedern, darunter etlichen Minderjährigen, nach Syrien in den Jihad aufgemacht hat.

Höchste Terrorstufe

Frankreich hat seine Anti-Terror-Gesetzgebung schon mehrmals verstärkt. Jugendliche erhalten teilweise ein Ausreiseverbot für die Türkei, auch Eltern werden überwacht oder, wenn sie wollen, speziell beraten. Das "Dispositiv Vigipirate", die Sicherheitswarnstufe, wurde immer wieder verstärkt, am Mittwoch gar auf die höchste Stufe.

Das alles hilft wenig. Nach Mohammed Merah verübte im Sommer 2014 ein weiterer Algerien-Franzose namens Mehdi Nemmouche einen Anschlag auf das jüdische Museum von Brüssel. Bilanz: vier Tote. Anfang Dezember griffen drei Jugendliche ein jüdisches Paar in der Pariser Vorstadt Créteil an, weil Juden reich seien, und vergewaltigten die Frau, um Geld zu erpressen. Kurz vor Weihnachten attackierte ein 20-jähriger Banlieue-Bewohner mit gezücktem Messer eine Polizeistation in Joué-lès-Tours, wobei er drei Beamte zum Teil schwer verletzte. Auch er hatte wie die "Charlie"-Attentäter "Allahu Akbar" geschrien, bevor er von einem vierten Polizisten erschossen wurde.

Frankreichs Juden fühlen sich seit all diesen Vorgängen und den Intifada-Nachahmern in der Banlieue besonders visiert. Gegen 5.000 dürften 2014 Frankreich in Richtung Israel verlassen haben – so viel wie noch nie zuvor. Aber auch die übrigen Franzosen lebten seit Monaten mit einem speziellen Gefühl, begegnen sie doch in Bahnhöfen oder Flughäfen immer wieder Militärpatrouillen.

Angespannte Debatte

Die politische Debatte in Paris ist ebenfalls höchst angespannt – und das nicht erst seit dem neuen Roman von Starautor Michel Houellebecq über die Fiktion eines muslimischen Präsidenten und der Islamisierung Frankreichs. Der Chronist Eric Zemmour machte sich in dem Bestseller "Der französische Selbstmord" jüngst die rechtsextreme These zu eigen, wonach Frankreich vor einem großen Wechsel ("le grand remplacement") von einer christlich-jüdischen zu einer Gesellschaft aus Immigranten stehe.

Laizistische Muslime versammelten sich dagegen im September vor der Pariser Moschee, um mit allen anderen Franzosen gegen die Enthauptung des französischen Bergführers Hervé Gourdel in Algerien zu protestieren. Am Dienstagabend trat stellvertretend für viele der muslimische Starjournalist Ali Baddou vor die TV-Kameras, um in einem emotionalen Auftritt zu erklären, er sei wie die Mehrheit der französischen Muslime laizistisch eingestellt und verabscheue all die Anschläge im Namen des Islam. Womit er klarmachte, dass neben Juden und Christen auch Muslime zu den Opfern der Anschläge gehören. (Stefan Brändle aus Paris, derStandard.at, 7.1.2015)


"Schrecklich und gruselig" nennt der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard den Anschlag in Paris. Er überlebte 2010 nur knapp ein Attentat. Eine Chronologie der Anlässe und Anschläge.

  • November 2004 Der niederländische Islamkritiker Theo van Gogh bezahlt einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam mit dem Leben. Er wird in Amsterdam von einem muslimischen Extremisten ermordet. Auf der Leiche hinterlässt der Täter Morddrohungen gegen weitere Niederländer.
  • September 2005 Die dänische Zeitung Jyllands-Posten veröffentlicht zwölf Karikaturen von Kurt Westergaard über den Propheten Mohammed. Religiöse Führer verlangen die Bestrafung der Zeitung, Saudi-Arabien zieht seinen Botschafter zurück. Die Zeitung
    entschuldigt sich im Jänner 2006, sie habe viele Muslime beleidigt.
  • Februar 2006 Charlie Hebdo druckt die Zeichnungen von Jyllands-Posten nach; auf dem Cover der Ausgabe zeigt das Magazin eine eigene Karikatur - ein Bild des verzweifelt wirkenden Propheten mit der Sprechblase: "Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden." - Eine Anspielung auf Selbstmordattentäter. Der Dachverband der Muslime in Frankreich klagt die Zeitschrift, verliert das Verfahren aber. Zeitungen aus mehreren Ländern veröffentlichen die Karikaturen (auch der Standard, siehe unten ). Bewaffnete Kämpfer drohen, Dänen, Franzosen, Norweger, Deutsche zu entführen, wenn sich die Regierungen nicht entschuldigen. Ein deutscher Lehrer wird im Westjordanland kurzzeitig entführt. Syrische Demonstranten setzen dänische und norwegische Botschaft in Brand, das deutsche Kulturzentrum und das EU-Büro in Gaza werden angegriffen.
  • März 2006 Charlie Hebdo veröffentlicht ein "Manifest gegen Islamismus" , Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali unterschreiben.
  • März 2008 Der niederländische Rechtspopulist Geerd Wilders veröffentlicht im Internet einen Kurzfilm, in dem er den Islam als faschistisch beschimpft und ein Verbot des Koran fordert, den er mit Adolf Hitlers Mein Kampf gleichsetzt. Mordaufrufe folgen.
  • Jänner 2010 Kurt Westergaard, von dem die Mohammed-Karikaturen in Jyllands-Posten stammen, entkommt nur knapp einem Attentat. Ein Mann mit Axt und Messer dringt in seine Wohnung ein, Westergaard und seine Enkelin können sich in Sicherheit bringen. 2008 haben die dänischen Behörden schon Mordpläne gegen ihn aufgedeckt.
  • Mai 2010 Zwei Männer werfen Benzinflaschen durch ein Fenster in das Haus des schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks. Auf den Zeichner setzte ein Al-Kaida-Ableger im Irak 2007 ein Kopfgeld von 150.000 Dollar aus.
  • Mai 2011 Ein Kopenhagener Gericht verurteilt einen 25-jährigen Tschetschenen für einen versuchten Briefbombenanschlag auf die Zeitung Jyllands-Posten zu zwölf Jahren Haft.
  • Oktober 2011 Die Ausstrahlung des Zeichentrickfilms Persepolis, der Gott als alten, bärtigen Mann zeigt, löst heftige Proteste in Tunesien aus. Hunderte Angreifer attackieren das Haus des Senderchefs.
  • November 2011 Ein Brandanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo verursacht erhebliche Sachschäden. Die Zeitschrift hatte gerade eine Sondernummer unter dem Titel "Scharia Hebdo" veröffentlicht zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien. Als Gastchefredakteur der Ausgabe wird "Mohammed" genannt.
  • Februar 2013 Der dänische Journalist Lars Hedegaard (70) übersteht in Kopenhagen ein Attentat unverletzt und kann den Täter in die Flucht schlagen. Eine Pistolenkugel hat den Kopf des Islamkritikers nur knapp verfehlt.
  • Jänner 2015 Attentäter überfallen die Redaktion von Charlie Hebdo und töten mindestens zwölf Menschen. (DER STANDARD, 8.1.2015)
  • 2010 protestieren Anhänger der islamistischen Partei Jamiat Ulma-e-Islam in Pakistan gegen die Wiederveröffentlichung von Kurt Westergaards Mohammed-Karikaturen in Norwegen.
    foto: epa/rahat dar

    2010 protestieren Anhänger der islamistischen Partei Jamiat Ulma-e-Islam in Pakistan gegen die Wiederveröffentlichung von Kurt Westergaards Mohammed-Karikaturen in Norwegen.

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