LG G Watch R im Test: Auch die beste Android-Smartwatch ist kein Must-Have

10. Jänner 2015, 12:40
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LG gelingt mit dem Nachfolger der G Watch eine der vielversprechendsten Android-Uhren – Knackpunkt bleibt aber die Software

Nach Jahren der Spekulation wird Apple in wenigen Monaten mit der Apple Watch in den Markt der Wearables einsteigen. Hersteller wie Samsung oder LG haben diese Zeit genutzt, um es sich dort inzwischen gemütlich zu machen und ihre eigene Geräte – die teilweise bereits in der zweiten oder dritten Generation erschienen sind – am Markt zu positionieren.

Im Spätherbst ist mit der LG G Watch R einer der vielversprechendsten Android-Vertreter erschienen. Die runde Smartwatch überzeugt im WebStandard-Test mit flotter Hardware, schickem Design und annehmbarer Akkulaufzeit, muss sich letztendlich jedoch ebenfalls der Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Geräte stellen.

foto: derstandard.at/martin wendel
Besonders klassisch angehauchte Zifferblätter machen auf dem runden Display eine gute Figur.

Rechtzeitig

Man könnte meinen, dass Google, LG, Samsung, Motorola und Co. ein zweites 2007 vermeiden möchten. Damals überraschte Apple mit der Vorstellung des ersten iPhones die gesamte Technikwelt und startete eine Revolution am Smartphone-Markt. Ähnliches passierte im Jahr 2010 mit den Tablets. Die Konkurrenz konnte anfangs nur reagieren. Bei den Smartwatches agiert man nun und bringt sich bereits rechtzeitig in Stellung. Samsung hat in den vergangenen Monaten mehrere Geräte, zuletzt mit seinem eigenen Betriebssystem Tizen, auf den Markt gebracht, LG, Sony oder Motorola setzen mit ihren Modellen hingegen auf das Smartwatch-Betriebssystem Android Wear von Google.

Abgeschottete Systeme

In einem Punkt sind sich die Hersteller jedoch bereits jetzt einig: Die Kompatibilität. Die Apple Watch arbeitet nur mit iPhones zusammen, die Gear-Smartwatches nur mit Samsung-Geräten. Lediglich Android Wear zeigt sich etwas offener und ist mit Android-Geräten verschiedener Hersteller kompatibel. Eine zukünftige iOS-Unterstützung von Android Wear wird von Google zwar nicht ausgeschlossen, Ankündigungen gab es bisher jedoch keine. Damit fühlt sich auch die LG G Watch R nur im Android-Umfeld wohl – besonders dann, wenn man auf die Dienste und Apps von Google setzt.

foto: derstandard.at/martin wendel
An der Kunststoff-Unterseite sind die Lade-Pins und der Pulsmesser angebracht.

Google Now

Android Wear ist zu einem großen Teil auf die Dienste von Google maßgeschneidert. Die bereits von Google Now bekannten Karten werden auch auf der Smartwatch dargestellt und liefern relevante Informationen zum richtigen Zeitpunkt – solange man Google mit den notwendigen Daten füttert. Die Smartwatch erinnert den Nutzer fortan, wann man sich für einen Termin am besten auf den Weg machen sollte, wie lange der Heimweg bei der derzeitigen Verkehrslage dauert, zeigt das aktuelle Wetter oder informiert über die wichtigsten Aktienkurse. Außerdem stellt Android Wear die Benachrichtigungen des Smartphones dar und erlaubt, sofern die Entwickler ihre Apps für die Smartwatch anpassen, einen gewissen Grad der Interaktion.

Software

Viele Entwickler ignorieren den digitalen Begleiter bisher jedoch. Als Beispiel sei etwa die Android-App des sozialen Netzwerks Facebook genannt, das Problem besteht jedoch auch bei vielen anderen Programmen. Benachrichtigungen der App werden auf der Smartwatch zwar angezeigt, sie liefern jedoch keine zusätzlichen Informationen. Auch Interaktionsmöglichkeiten werden keine angeboten – mit Android Wear kann lediglich die App auf dem Smartphone geöffnet werden.

Damit steht und fällt das Konzept der Smartwatch mit der Unterstützung der Software-Entwickler – und die scheinen noch nicht gänzlich an Bord zu sein. Der Facebook-Messenger hingegen wurde bereits mit der Unterstützung von Android Wear ausgestattet, auch wenn teilweise nicht komplett dargestellte Nachrichten den Eindruck trüben.

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Mehrere Nachrichten überfordern den Facebook Messenger – in WhatsApp oder Hangouts ist das besser gelöst.

Spracherkennung

Besser fällt die Unterstützung von Android Wear in WhatsApp oder Google Hangouts aus. Ähnlich wie beim Facebook Messenger können eigehende Nachrichten beantwortet werden, zusätzlich wird jedoch auch der Chat-Verlauf übersichtlich angezeigt. SMS können ebenfalls diktiert werden, dafür muss am Smartphone jedoch die Messenger-App von Google verwendet werden. Mit dem Standard-Programm anderer Hersteller, etwa auf einem Samsung Galaxy, versteht sich Android Wear nicht.

Grundsätzlich funktioniert die Spracherkennung von Google recht zuverlässig, längere Nachrichten lassen sich damit jedoch kaum einsprechen. Sobald man eine kurze Denkpause einlegt, wird die Spracherkennung unterbrochen und das System will die unfertige Nachricht verschicken. Der Nutzer hat dann wenige Sekunden Zeit, den Vorgang abzubrechen und den Text neu einzusprechen.

Bedienungsprobleme

Generell wirkt die Bedienung von Android Wear an manchen Stellen noch ein wenig unausgereift. Möchte man etwa auf Sprachbefehle – die gerade in der Öffentlichkeit noch verpönt sind – verzichten, muss man Apps und Funktionen der Smartwatch aus einer langen Liste aufrufen. Der Vorteil, mit der Smartwatch schnell auf verschiedene Funktionen zugreifen zu können, ist durch das unübersichtliche Scrollen schnell dahin.

Auch die Benutzeroberfläche offenbart bei der LG G Watch R Probleme, wie man sie bereits von der Motorola-Smartwatch Moto 360 kennt. Zwar ist Android Wear auch für Geräte mit runden Displays ausgelegt, aufgrund der rechteckigen Form von Benachrichtigungen werden Textteile jedoch häufig abgeschnitten.

foto: derstandard.at/martin wendel
Die WhatsApp-Benachrichtigung kann durch eine Swipe-Geste geöffnet werden.

Rundes Display

Das runde 1,3-Zoll-Display der LG G Watch R, das mit 320 Pixel in Höhe und Breite auflöst, sorgt gleichzeitig jedoch auch für das sehr klassische und elegante Auftreten der Smartwatch. Dank OLED-Technologie besitzt das Display eine starke Leuchtkraft und lässt sich auch unter Sonneneinstrahlung noch angenehm lesen. Lediglich die Pixeldichte von 246 ppi trübt den guten Eindruck ein wenig – von modernen Smartphones ist man deutlich schärfere Bildschirme gewohnt. Vor allem bei feineren Bildinhalten wie digitalen Uhrzeigern fallen die einzelnen Pixel auf.

Schickes Design

Das schwarze Gehäuse der LG G Watch R ist – abgesehen von der Kunststoff-Unterseite – aus Aluminium und Edelstahl gefertigt, das Armband ist aus Leder. Die Smartwatch ist nach dem IP67-Standard Staub- und Wasserdicht (bis zu einem Meter Tiefe für 30 Minuten). Individualisieren lässt sich das schicke Design, das eher unauffällig gestaltet ist und sich im Hintergrund hält, über zahlreiche Zifferblätter – von klassisch bis zu bunt und modern.

Neben den bereits von Google und LG angebotenen Designs lassen sich seit kurzem auch aus dem Play Store viele weitere kostenlose und kostenpflichtige Zifferblätter herunterladen. An der Unterseite der LG G Watch R befindet sich neben den Kontakten zum Aufladen der Uhr ein Pulsmesser, der mit verschiedenen Fitness-Apps zusammenarbeitet und auch zuverlässige Ergebnisse ermittelt.

foto: derstandard.at/martin wendel
Zahlreiche digitale Zifferblätter stehen zur Verfügung, seit wenigen Wochen auch in Google Play.

Angenehm zu tragen

Trotz ihrer Größe – sie ist immerhin fast einen Zentimeter dick – lässt sich die LG G Watch R recht angenehm tragen. Anfangs sind das Gewicht von 62 Gramm und die Größe der Uhr zwar ein wenig ungewohnt, nach wenigen Tagen merkt man sie jedoch kaum noch. Auch das etwas steife Lederarmband wird mit der Zeit weicher und schmiegt sich angenehmer an das Handgelenk an. Selbst auf einem schmäleren Männerhandgelenk fühlt sich die LG G Watch R überraschenderweise nicht allzu klobig an.

Akkulaufzeit

Ähnlich wie der Vorgänger unterstützt die LG G Watch R kein kontaktlosen Aufladen. Stattdessen wird die Uhr auf die Ladestation gelegt und dort magnetisch in der richtigen Position gehalten. Der Akku hält mit einer Ladung je nach Verwendung rund eineinhalb Tage – im Vergleich zu Konkurrenzprodukten wie der Moto 360 ein durchaus passabler Wert. Standardmäßig ist der Bildschirm rund um die Uhr aktiv, schaltet nach wenigen Sekunden Standby zum Stromsparen jedoch in einen gedimmten Modus. Das Zifferblatt und die Benachrichtigungen werden dann in einem einfacheren Design und nur in schwarz-weiß dargestellt. Zur Verlängerung der Akkulaufzeit kann der gedimmte Modus auch deaktiviert werden, dann ist der Bildschirm im Standby komplett abgeschaltet.

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Im Standby bleibt das Display standardmäßig eingeschaltet, zeigt jedoch nur ein einfacheres Zifferblatt in schwarz-weiß.

Snapdragon 400

Für die im Vergleich zur Moto 360 deutlich längere Akkulaufzeit dürfte unter anderem der verwendete Prozessor verantwortlich sein. Während die Motorola-Smartwatch von einer vier Jahre alten CPU betrieben wird, arbeitet im Inneren der LG G Watch R ein sparsamer Snapdragon 400, der für die Darstellung der Benutzeroberfläche von Android Wear jedoch über ausreichend Leistung verfügt. Die LG-Watch kann auf 512 Megabyte Arbeitsspeicher zurückgreifen, außerdem sind 4 Gigabyte Speicherplatz – von denen 3 GB frei zur Verfügung stehen – eingebaut. Eine Erweiterung des Speicherplatzes ist nicht möglich.

Speicherplatz für Musik und Apps

Der Speicherplatz der LG G Watch R wird einerseits für Smartwatch-Apps verwendet, andererseits lässt sich aber auch Musik lokal ablegen. Bluetooth-Kopfhörer vorausgesetzt, kann das Smartphone zum Musikhören beim Joggen dann auch zu Hause bleiben.

Der Synchronisierungsvorgang wurde von Google jedoch ein wenig kompliziert gestaltet: Die zu übertragende Musik muss in Google Play Music lokal auf dem Smartphone gespeichert sein und der Akku der Smartwatch muss mindestens zu 70 Prozent geladen sein. Anschließend beginnt automatisch die Synchronisierung. Ist zu wenig Speicherplatz auf der Uhr, werden aktuellere Alben oder Wiedergabelisten bevorzugt. Hier wäre zumindest eine Option zur manuellen Verwaltung wünschenswert.

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Trotz der Gehäusedicke von fast einem Zentimeter lässt sich die Uhr angenehm tragen.

Fazit: Gutes Gerät, aber kein Must-Have-Gadget

Die LG G Watch R macht vieles richtig. Der Prozessor verfügt über ausreichend Leistung, der Akku hat eine – für eine Android-Wear-Smartwatch – gute Laufzeit und das Design wurde im Vergleich zum Vorgänger deutlich verbessert. Die Uhr lässt sich zudem angenehm tragen und wirkt auch auf einem eher schmalen Männerhandgelenk nicht allzu klobig. Nur die im Vergleich zu modernen Smartphones oder Tablets geringe Bildschirmauflösung und der fehlende Qi-Standard zur kontaktlosen Ladung trüben den guten Hardware-Gesamteindruck ein wenig. Im Vergleich zur ebenfalls runden Moto 360 müssen vor allem beim Design geringfügige Abstriche gemacht werden. Insgesamt scheint die LG G Watch R aber die bessere Wahl zu sein – die Motorola-Smartwatch stellt sich wegen ihres veralteten Prozessors und der schlechten Akkulaufzeit selbst ins Aus.

Letztendlich scheint jedoch Android Wear – trotz Verbesserungen durch die laufenden Updates – noch nicht ausgereift genug zu sein, zusätzlich sind viele App-Entwickler noch nicht an Bord. Damit hält sich, obwohl man sich sehr wohl an das smarte Gerät am Handgelenk gewöhnt, der Nutzen noch in Grenzen. Für die breite Masse ist eine Android-Wear-Smartwatch damit zur Zeit kein Must-Have-Gadget, obwohl mit der LG G Watch R einer der besten oder gar der beste Vertreter vorliegt. Technikbegeisterte Menschen, bei denen das Smartphone häufig klingelt, die viel über Instant-Messaging kommunizieren und die Fitnessfunktionen wie Schrittzähler oder Pulsmesser zu schätzen wissen, werden mit dem Gerät aber durchaus ihre Freude haben.

Die LG G Watch R ist seit November erhältlich. Der Preis liegt bei rund 250 Euro. (Martin Wendel, derStandard.at, 07.01.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde von LG zur Verfügung gestellt.

Links

LG G Watch R

Nachlese

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