Prozess: Verleumdung mit erfundener Vergewaltigung

8. Jänner 2015, 07:00
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Ursprünglich wollte ein Trio einem jungen Mann mit einem falschen Sexversprechen Geld herauslocken. Als das nicht funktionierte, erfanden sie eine Vergewaltigung

Wien - Die Zahl der Motive für kriminelle Handlungen ist recht überschaubar. Ganz oben auf der Liste: Geld. So auch im Fall von Michelle V., Antonio M. und Madalina D., die wegen Verleumdung und falscher Beweisaussage vor Richter Daniel Rechenmacher auf der Anklagebank sitzen.

Das Trio hatte im April 2014 behauptet, ein junger Mann habe versucht, die Drittangeklagte in einem Keller zu vergewaltigen. Was eine Lüge war, die für den Beschuldigten katastrophale Folgen hätte haben können, wie Rechenmacher streng erklärt.

"Ist Ihnen klar, dass der Gefahr lief, wochenlang in Untersuchungshaft zu kommen?", fragt der Richter. "Und da rede ich jetzt nur von den strafrechtlichen Konsequenzen. Nach einem Vergewaltigungsvorwurf, selbst wenn er falsch ist, ist man gesellschaftlich tot und für lange Zeit gebrandmarkt!"

Zerknirschte Angeklagte

Alle drei Angeklagten, zwei davon 17, die Dritte 18 Jahre alt, nehmen es zerknirscht zur Kenntnis und bekennen sich schuldig. Irgendwie halt und nicht ohne Schwierigkeiten.

Besonders Erstangeklagte V. tut sich etwas schwer. "Bekennen Sie sich schuldig, teilschuldig oder nicht schuldig?", fragt Rechenmacher zu Beginn. "Was heißt das?", will V. wissen. "Stimmt das, was Ihnen vorgeworfen wird?", formuliert der Richter um. "Stimmt nicht", antwortet der Teenager, ehe sich herausstellt, dass sie ausdrücken will, gelogen zu haben.

In den Grundzügen stimmen die Aussagen noch überein. Die Erstangeklagte habe das Opfer auf Facebook kontaktiert, um zu Geld zu kommen, schildert die Drittangeklagte. "Er wollte was mit uns haben, und dann hätten wir 400 Euro bekommen sollen."

Falsches Sexversprechen

"Wollten Sie sich prostituieren?", interessiert Rechenmacher. "Eigentlich nicht." – "Sie wollten ihn überhaupt übers Ohr hauen?" D. gibt das zu.

Sie war es, die mit dem jungen Mann in den Keller ging, es sei aber nicht zu sexuellen Handlungen gekommen. Im Gegenteil, ihre Freundin V. sei immer wieder nachschauen gekommen. Der Zweitangeklagte und zwei Freunde seien dann auch gekommen.

"Warum haben Sie dann bei der Polizei was anderes behauptet?", fragt der Richter. D. windet sich, sagt, sie habe Angst vor dem Zweitangeklagten gehabt.

Der wiederum behauptet, überhaupt nichts von dem Plan der beiden Mädchen gewusst zu haben. Er habe geglaubt, es solle eine Geldübergabe stattfinden, habe Aufpasserdienste geleistet und schließlich die Polizei gerufen, nachdem ihm die Erstangeklagte erzählt habe, V. sei attackiert worden. Dass er bei seiner Zeugenaussage von der Lüge wusste, gesteht er schließlich doch.

Hoffnung auf Schmerzensgeld

Die Erstangeklagte sagt dagegen, V. habe mit dem Opfer sehr wohl Oralverkehr gehabt. Und M. habe die Idee gehabt, die Vergewaltigung vorzutäuschen. "Weil man dann auch Schutzgeld, oder wie das heißt, bekommt." Rechenmacher klärt auf, dass Schmerzensgeld gemeint ist.

Geld bekommt schließlich das Opfer, dessen Aussage nicht mehr benötigt wird. Die arbeitslose V., die derzeit in Therapie ist, bietet zehn, die beiden anderen je 100 Euro an.

Am Ende bitten die Verteidiger der beiden unbescholtenen Mädchen um eine Diversion. Ein Wunsch, den ihnen der Richter nicht erfüllt. "Selbst bei Jugendstrafsachen kann man in Einzelfällen auf generalpräventive Gründe Rücksicht nehmen, und das ist so ein Einzelfall", begründet er die nicht rechtskräftigen drei Monate bedingt.

Und: "Schon alleine, weil versucht wurde, die Verantwortung abzuwälzen, scheitert eine Diversion." Der vorbestrafte Zweitangeklagte, der zusätzlich in einem anderen Fall eine Straftat vorgetäuscht hat, bekommt sechs Monate bedingt. (Michael Möseneder, derStandard.at, 7.1.2015)

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