Menschenrechtsgericht befasst sich mit Sterbehilfe-Fall in Frankreich

7. Jänner 2015, 13:28
15 Postings

Familie uneins über lebensverlängernde Maßnahmen für 38-Jährigen

Straßburg - Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat sich am Mittwoch mit der Frage befasst, ob passive Sterbehilfe für einen 38 Jahre alten querschnittsgelähmten Franzosen mit dem Grundrecht auf Schutz des Lebens vereinbar ist. Die Richter in Straßburg prüften die Klage der Eltern, die Sterbehilfe für ihren Sohn verhindern wollen. Mit einem Urteil ist frühestens in einem Monat zu rechnen.

Die Eltern, strenggläubige Katholiken, wehren sich gegen eine Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts Frankreichs, das im Juni passive Sterbehilfe für den seit einem Verkehrsunfall im Jahr 2008 mit schweren Hirnverletzungen im Wachkoma liegenden Franzosen bewilligte. Der sogenannte Staatsrat gab damit einem Antrag der Frau und mehrerer Geschwister des Patienten sowie der Ärzte statt.

Zustand deutlich verschlechtert

Der Rechtsvertreter der Pariser Regierung verteidigte diese Entscheidung. Der Zustand des 38-Jährigen habe sich seit dem Jahr 2011 deutlich verschlechtert, sagte der Leiter der Rechtsabteilung des Pariser Außenministeriums, Francois Alabrune. Vinvent Lambert befinde sich in einem vegetativen Zustand, es gebe keine Anzeichen für eine Verbesserung.

Unter diesen Umständen die künstliche Ernährung fortzusetzen, wäre "nicht zumutbar", sagte der Jurist. Lambert habe nach Angaben seiner Frau und anderer Angehöriger lebensverlängernde Maßnahmen um jeden Preis abgelehnt. Sollten die Straßburger Richter die Klage der Eltern abweisen, könnten die französischen Behörden die Entscheidung des Staatsrats umsetzen und die künstliche Ernährung beenden.

Debatte über Sterbehilfe in Frankreich

Die Rechtsvertreter der Frau und mehrerer Geschwister Lamberts forderten ein Ende "dieser juristischen und therapeutischen Versessenheit". Der 38-Jährige sei nicht bei Bewusstsein, er habe keinen Willen mehr, sagte die Anwältin Madeleine Munier-Apaire. Niemand, auch nicht ein Vater oder eine Mutter, könne über das Leben eines anderen Menschen entscheiden. "Es ist Zeit, Vincent Lambert gehen zu lassen."

Im Namen der Eltern sagte deren Anwalt Jean Paillot, auch Kranke in einem vegetativen Zustand seien menschliche Wesen, deren Rechte geachtet werden müssten. Dies gelte genauso für die rund 1.700 Patienten, die sich in Frankreich in einer ähnlichen Lage befänden. Es gehe um die Würde aller Behinderten. Vincent Lambert sei zwar schwer behindert, aber sein Zustand sei nicht zu hundert Prozent unumkehrbar. Mit Einstellung der künstlichen Ernährung würde er getötet. "In Wahrheit geht es um Euthanasie."

Der Fall Vincent Lambert gab in Frankreich der Debatte über Sterbehilfe neue Nahrung. Am 21. Jänner soll die Pariser Nationalversammlung über das Thema diskutieren. Dabei geht es um Reformvorschläge, die zwei Abgeordnete - ein Sozialist und ein Konservativer - im Auftrag von Staatschef Francois Hollande erarbeiteten. Sie sprechen sich gegen aktive Sterbehilfe aus, etwa durch das Verabreichen einer tödlichen Dosis von Medikamenten. (APA, 7.1.2014)

Share if you care.