Ölpreisverfall: Wer verliert, wer profitiert

7. Jänner 2015, 13:59
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Billiger Sprit für die Konsumenten, niedrigere Produktionskosten für Unternehmen, eingebrochene Aktienkurse, drohende Staatspleiten

Warum sinkt der Ölpreis?

Die kurze Zusammenfassung: schwächelnde Nachfrage wegen schlechter Konjunkturaussichten, dafür aber viel Öl im Angebot – nicht zuletzt wegen des Frackingbooms in den USA. 2014 war das Jahr des absaufenden Ölpreises. Innerhalb nur weniger Monate halbierte sich der Preis für die Ölsorte Brent. Mit Anfang des Jahres 2015 sackte er noch einmal ab und kam vorerst unter 50 Dollar zu liegen, der Weg nach unten ist derzeit ungebremst.

grafik: apa

Der Wissenschafter Leonardo Maugeri hat bereits 2012 eine Ölschwemme und fallende Preise ab 2015 vorhergesagt, weil die Kapazitäten zur Ölförderung auf der Angebotsseite erheblich ausgeweitet würden. "Der Schiefergas-Ölboom in den USA ist keine Blase, sondern die wichtigste Revolution im Ölsektor seit Jahrzehnten", schrieb er in einer Studie. Es gebe enorme Mengen von konventionellem und unkonventionellem Öl, das zum Teil noch gar nicht entdeckt sei. Ein Fördergipfel, ein Peak-Oil, sei nicht in Sicht. So ist es gekommen. Es gibt Öl im Überfluss, und die Preise sind verfallen. Das Förderkartell OPEC hat sich vorläufig selbst aus dem Spiel genommen und will den Ölhahn nicht mehr zudrehen – sondern ganz marktwirtschaftlich versuchen, seine Kostenvorteile bei der Förderung auszuspielen.


Wie viel Öl gibt es noch auf der Erde, und wie lange reicht das?

Das Ende des Ölzeitalters wird immer wieder eingeläutet. Kein Wunder, handelt es sich bei Öl doch um ein begrenztes Gut, das nicht auf immer und ewig zur Verfügung steht. Wie viele Ölreserven es weltweit noch gibt, ist allerdings nicht ganz klar. Je nach Quelle sind es 220 bis 240 Milliarden Tonnen, davon etwa ein Fünftel aus unkonventionellen Quellen wie Schieferöl und Ölsanden. Den bisherigen Verbrauch seit Beginn des Ölzeitalters beziffert die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) auf 175 Milliarden Tonnen. Bei heutigem Verbrauch reicht das vorhandene Öl noch mehr als 50 Jahre.


Wer profitiert von einem niedrigen Ölpreis?

Verbraucher profitieren sowohl von niedrigen Heizkosten als auch vom günstigeren Sprit. Energieintensive Unternehmen ebenfalls. Aber auch Staaten können sich über den Ölpreisverfall freuen. Einer Analyse der Schweizer Großbank UBS aus dem Herbst 2014 zufolge profitiert die gesamte Weltwirtschaft vom billigen Öl. Bei einem angenommenen Ölpreis von 85 US-Dollar je Fass für ein Jahr steigt laut Berechnungen der UBS das globale Bruttoinlandsprodukt um 0,25 Prozent. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Internationale Währungsfonds (IWF) in eigenen Berechnungen. Außerdem beeinflusse jede Veränderung des Ölpreises um zehn Prozent die Wirtschaftsleistung gegengleich mit 0,2 Prozent.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag setzt die Talfahrt des Ölpreises gar mit dem Effekt eines milliardenschweren Konjunkturpakets gleich. Bleibt der Preis auf dem aktuell niedrigen Niveau, würden deutsche Unternehmen und Verbraucher in diesem Jahr um 20 Milliarden Euro entlastet.


Was bedeutet das für Staaten, die stark vom Ölgeschäft abhängig sind?

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ölproduzierende Länder haben durch den niedrigeren Ölpreis das Nachsehen. Russland, Norwegen und Venezuela kämpfen mit einbrechenden Einnahmen für die Staatskassen.

Ratingagenturen sehen zum Beispiel mit großer Skepsis auf Venezuela und halten sogar einen Zahlungsausfall für nicht ausgeschlossen. Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 90 Prozent der Deviseneinnahmen erzielt das Land aus seinen Ölexporten, der Staatshaushalt speist sich zu mehr als 50 Prozent aus dem Ölgeschäft. Doch der Preis für ein Barrel venezolanischen Öls sank zuletzt unaufhörlich.

Russlands Wirtschaft zollt dem gesunkenen Ölpreis ebenfalls Tribut. Das Bruttoinlandsprodukt sank im November binnen Jahresfrist um 0,5 Prozent und damit erstmals seit Oktober 2009. Der weiter sinkende Ölpreis setzt der russischen Konjunktur weiterhin zu.


Was bedeutet der sinkende Ölpreis für Unternehmen?

Das hängt davon ab, in welcher Branche sie tätig sind. Genau wie die Konsumenten müssen im Grunde aber auch Firmen weniger ausgeben und könnten dadurch etwas mehr investieren oder zumindest günstiger produzieren. Nutznießer sind aber auch die Fluggesellschaften, für die Treibstoff ein großer Kostenfaktor ist. Die Aktien von Lufthansa, Air France, der British-Airways-Mutter IAG und des Billiganbieters Ryanair haben daher binnen drei Monaten zwischen 15 und 35 Prozent zugelegt. Was den Kerosinpreis betrifft, profitieren Airlines wie die heimische AUA davon derzeit noch nicht. Denn genau wie ihre Mutter Lufthansa sichert sich die AUA mit dem sogenannten Hedging gegen stark schwankende Ölpreise ab. Damit ist sie zwar vor einem plötzlichen Preisanstieg gefeit, profitiert aber auch nicht unmittelbar von sinkenden Ölpreisen.

Die OMV-Aktie hat der Ölpreisverfall indes klar auf Talfahrt geschickt. Derzeit notiert sie knapp über 21 Euro, von ihrem Höchststand von knapp 58 Euro ist sie damit weit entfernt. Die Erste-Analysten erklärten bereits Anfang Dezember (als der Ölpreis im Bereich von 60 bis 70 Dollar je Fass lag), dass sie mit einer "massiven Ergebnisbelastung" rechnen würden. Noch-OMV-Chef Gerhard Roiss hatte schon im November angekündigt, die Wachstumspläne für den Konzern zu stutzen. Auf Unternehmensseite macht der Ölpreisverfall auch Konzernen wie Exxon, BP und Co. zu schaffen. Die im europäischen Branchenindex gelisteten Ölwerte haben seit Jahresmitte zusammengerechnet mehr als 200 Milliarden Dollar an Börsenwert eingebüßt. Das entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung Portugals.

Auch die Anleihen dieser Unternehmen verlieren rapide an Wert. So hat sich die Rendite der 2017 auslaufenden Schuldverschreibungen des staatlichen venezolanischen Ölförderers PDVSA seit Juli auf derzeit knapp 54 Prozent mehr als vervierfacht. In den USA rücken diejenigen Firmen ins Rampenlicht, die mit Hilfe des technisch aufwendigen und teuren Frackings Erdöl aus Schiefergestein lösen und sich nicht gegen einen fallenden Ölpreis abgesichert haben. Continental Resources, Whiting Petroleum und Apache sind binnen drei Monaten zwischen 30 und 60 Prozent eingebrochen. Ganz handfeste Folgen gibt es auch: Der US-Konzern Halliburton streicht wegen des stark gesunkenen Ölpreises rund 1.000 Stellen außerhalb des amerikanischen Kontinents.


Was bedeutet der niedrige Ölpreis für die Konsumenten?

Wer Auto fährt, spürt den niedrigen Ölpreis wohl am raschsten und unmittelbarsten. Die Energiekosten (Sprit und Heizen) sinken. Anfang 2014 kostete der Liter Diesel an den Tankstellen im Schnitt 1,347 Euro, derzeit liegt der günstigste Dieselpreis (zum Beispiel in Villach) knapp unter einem Euro. Im Gegensatz dazu änderte sich der durchschnittliche Benzinpreis in den ersten vier Monaten des vergangenen Jahres kaum, stieg danach aber teilweise kräftig an – bis auf 1,394 Euro pro Liter im Juli. Von da an ging es abwärts. Derzeit liegt der Preis knapp über einem Euro. Für Milliarden Menschen sind die niedrigeren Preise für Kraftstoff, Heizung und nicht zuletzt Lebensmittel, die mit hohem Energieeinsatz produziert und transportiert werden müssen, ein Segen.

Sie sind allerdings eher in Ländern zu finden, die auf den Import von Öl angewiesen sind, zum Beispiel China und andere asiatische Staaten. Aber auch Europa oder die Türkei profitieren. Der US-Konjunktur verhalf der niedrige Energiepreis zum stärksten Wachstum seit 2003. Andrerseits: Die Entwicklung zahlreicher Öl- und Gasfelder steht einer Studie zufolge wegen des niedrigen Ölpreises auf der Kippe. Projekte im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar könnten 2015 gestoppt werden. Das könnte sich schon bald auch wieder in Preissteigerungen niederschlagen, wenn aus dem Ölüberfluss wieder ein Mangel wird.


Wird sich der Ölpreis in absehbarer Zeit ändern?

Schwer einzuschätzen. Denn kurzfristig ist der Ölpreis einer Vielzahl verschiedener Einflüsse ausgesetzt, von Kriegen und Krisen über Handelsembargos und Finanzspekulation bis hin zu Naturkatastrophen und Wetterverhältnissen. Diese kurzfristigen Preisschwankungen kann niemand vorhersehen. Mittelfristig erwarten die meisten Experten aber eine Periode mit eher gemäßigten Preisen und gut versorgten Märkten für mehrere Jahre. Es gibt allerdings auch Gegenstimmen, die bereits jetzt Rohöl für deutlich unterbewertet halten und vor einem Preisanstieg warnen, etwa bei den Bankanalysten. Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist: Immerhin ist Erdöl der einzige Energierohstoff, bei dem sich eine Limitierung abzeichnet. (Regina Bruckner, Daniela Rom, derStandard.at, 7.1.2015)

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