"Zum Kometen fliegen ist die Königsklasse"

Interview7. Jänner 2015, 11:04
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Rosetta und kein Ende: Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann wurde von Österreichs Wissenschaftsjournalisten zum "Wissenschafter des Jahres" gewählt

derStandard.at: "Wissenschafter des Jahres" wird man, wenn man seine Arbeit verständlich macht. Wussten Sie das auch schon vor einigen Monaten?

Baumjohann: Nein, ich habe mich zunächst auch gewundert, dass mir diese Ehre zuteil wurde. Andererseits bemühe ich mich ja seit Jahren genau darum: Die Inhalte unserer Forschungen möglichst verständlich darzustellen. Vergangenes Jahr, als die Rosetta-Mission in die entscheidende Phase kam, wurde ich schon sehr häufig angefragt. Vielleicht mache ich es ja nicht ganz falsch.

derStandard.at: Als Leiter des Grazer Instituts für Weltraumforschung, das an fünf von 21 Instrumenten der Rosetta-Mission teils federführend gearbeitet hat, war Ihre Medienpräsenz logisch. Inwieweit ist die Mission trotz aller wissenschaftlicher Schwerpunkte ein Medienspektakel?

Baumjohann: Es ist natürlich wissenschaftlich und medial sehr interessant, zu einem Kometen zu fliegen und dann dort auch noch zu landen. Da hat sich auch aufgrund vieler Variablen über die letzten zehn Jahre seit Missionsstart eine große Spannung aufgebaut. Wird die Stromversorgung so weit weg von der Erde noch funktionieren? Werden die Instrumente, die ja zu einem Großteil eigens für die Mission gebaut wurden, so lange arbeiten? Gelingt ein Eintritt in den Orbit des Kometen? Wird Philae landen können? Insbesondere die Landung war doch recht spektakulär. Etwas Ähnliches gab es zuletzt 2005, als im Rahmen der Mission Cassini-Huygens eine Landung am Saturn-Mond Titan gelang. Ich glaube, dass wir so etwas nun sehr lange nicht mehr erleben werden. Die Landung auf 67P/Tschurjumow-Gerasimenko war das Sahnehäubchen.

derStandard.at: Die Rosetta-Mission wurde von den beiden wichtigsten Fachmagazinen, sowohl von "Science" als auch von "Nature" , in ihren Jahresrückblicken hervorgehoben. Warum sprechen so viele Experten schon von Erfolg, obwohl die großen relevanten Studien noch gar nicht vorliegen?

Baumjohann: Es ist das Gesamtpaket, das den Erfolg ausgemacht. Man ist zum ersten Mal einem Kometen so nahe, man ist in seinem Orbit. Zu einem Kometen zu fliegen, ist wirklich die Königsklasse. Von Asteroiden zum Beispiel weiß man viel mehr, sie sind der Erde viel näher, sie fallen manchmal sogar auf unseren Planeten. Einen solchen Absturz würde ein Komet, weil er ja ein Eisklumpen ist, nicht überstehen. Kometen sind ja Überbleibsel von der Entstehung unseres Sonnensystems. Da hofft man natürlich, viele Details über die Entstehung des Lebens heraus zu finden. Wenn der Komet aus dem Winterschlaf erwacht und Gas ausstößt, Staub von der Oberfläche entweicht und sich ein Kometenschweif bildet, dann wird es richtig spannend. Das sollte in den nächsten Monaten geschehen.

derStandard.at: Midas, das von ihrem Institut gebaute Instrument, analysiert die Zusammensetzung des Kometenstaubs. Wie darf man sich die Analyse dieses Staubs vorstellen?

Baumjohann: Der Staub wird mit dem durch die stärkere Sonnenstrahlung verdampfenden Wasser mitgerissen. Und Midas analysiert die einzelnen Staubteilchen. Das ist ungefähr so, wie wenn Sie unter ihrer Couch liegen, fest in den Staub pusten und nur so sehen, wie sich der Staub zu Knäuel geformt hat.

derStandard.at: Zurück zum Thema Wissenschaftskommunikation: In Österreich gibt es mittlerweile einige Wissenschafter wie Sie, die die Öffentlichkeit nicht nur nicht scheuen, sondern sie sogar suchen und gerne über ihre Arbeit sprechen. Dennoch ist Österreich laut EU-Barometer ganz besonders wissenschafts- und technikfeindlich. Warum?

Baumjohann: Das höre ich auch immer wieder – und kann es mir nicht erklären. In der Weltraumforschung merke ich jedenfalls ein großes Interesse. Aber das ist nicht nur Wissenschaft, da kommt der menschliche Entdeckergeist dazu. Das hat natürlich kulturelle Hintergründe – und ich merke dieses Interesse nicht nur in Österreich sondern auch in Deutschland. Die Weltraumforscher haben es immer ein bisschen leichter als andere Wissenschafter.

derStandard.at: Sollten da nicht die Politiker als Volksvertreter mehr Initiative zeigen?

Baumjohann: Das wäre schön, aber ich fürchte: nicht alle verstehen, warum es wichtig ist die Grundlagenforschung zu fördern. Dass das eine Grundlage unserer westlichen Demokratie ist und die Basis dafür, dass es uns gut geht. Ohne die Renaissance, als die Wissenschaft ihre heutige Bedeutung erhielt, wären wir heute sehr weit weg von unserem Lebensstandard. Die Politiker denken oft nur bis zur nächsten Wahl und schauen, dass sie oben bleiben. Und so fragen mich immer wieder Leute, ob diese Milliarde für die Rosetta-Mission nicht als Geld für hungernde Kinder besser angelegt wäre. Eine berechtigte Frage. Ich sage dann darauf, dass das Geld für die hungernden Kinder nicht in der Forschung sondern in der Hypo-Bankenpleite versickert ist. Da wissen die Leute dann oft keine Antwort. (Peter Illetschko, derStandard.at, 7.1.2015)


ZUR PERSON
Wolfgang Baumjohann, Jahrgang 1950, studierte Geophysik in Münster. Er war lange am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München tätig. 2001 wechselte der auf Plasmaphysik und planetare Magnetfelder spezialisierte Wissenschafter nach Graz ans Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, seit 2004 leitet er das Institut.

  • Wolfgang Baumjohann macht den Weltraum verständlich. Nun wurde er von Österreichs Wissenschaftsjournalisten zum "Wissenschafter des Jahres" gewählt.
    foto: peter philipp

    Wolfgang Baumjohann macht den Weltraum verständlich. Nun wurde er von Österreichs Wissenschaftsjournalisten zum "Wissenschafter des Jahres" gewählt.

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