Das Feinstoffliche

Blog7. Jänner 2015, 05:30
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Ein Standardbegriff der Esoterik zur Rechtfertigung unwissenschaftlicher Pseudotheorien

"Feinstofflich" ist vieles in der Esoterik. Da gibt es "feinstoffliche Schwingungen" und "feinstoffliche Energien". Es gibt eine "feinstoffliche Ebene" und "feinstoffliche Informationen". Feinstofflich ist alles, was irgendwie "geistlich", "ätherisch" oder "spirituell" ist; auf eine allgemeingültige und verbindliche Definition konnten sich die Esoteriker leider bis jetzt noch nicht einigen. Auf jeden Fall aber soll die feinstoffliche Materie nicht nur überall sein, sondern eben auch irgendwie "feiner" als die normale Materie. Und hat darum angeblich große Auswirkungen auf uns:

"Die energetische oder feinstoffliche Ebene umfasst sämtliche Energien und Informationen, die uns umgeben bzw. durchdringen. Dabei unterscheiden wir zwischen der Informationsebene und der verdichteten Informationsebene. Letztere beinhaltet die Ebene der Chakren, Meridiane, der Aura, des Qi usw. Und genau in diesen Bereichen können wir HumanenergetikerInnen mit unseren gewerblichen Methoden laut Methodenkatalog, Menschen dabei unterstützen, Energieblockaden zu lösen und sich wieder in Balance zu bringen."

Edelsteine mit Informationen

Das schreibt der Fachverband der in der Wirtschaftskammer organisierten "Humanenergetiker" und die müssen ja wissen, wovon sie reden. Immerhin sind sie laut eigener Beschreibung "DIE SpezialistInnen im feinstofflichen Bereich". Zu den erwähnten Methoden, mit denen die Humanenergetiker die feinstoffliche Ebene der Menschen manipulieren, gehören zum Beispiel Edelsteine. Denn "die Information des Edelsteins oder des Kristalls wirkt und löst Blockaden auf der Informationsebene, ebenso wie mental und emotional".

Auf der feinstofflichen Ebene ist ein Edelstein angeblich mehr als nur ein schnöder Stein, sondern voll mit wertvollen Informationen. Bernstein zum Beispiel "bringt Sorglosigkeit und Selbstbewusstsein, baut mentale Widerstände ab und macht friedliebend", wird auf der Homepage der Energetiker erklärt. Damit auch wir Menschen etwas davon haben, müssen wir diese Informationen nur auf unseren feinstofflichen Körper übertragen.

Dass es bis jetzt keinen objektiven und nachvollziehbaren Nachweis für die Existenz einer heilenden Wirkung von Edelsteinen gibt, stört die Esoteriker nicht. Denn die Wissenschaft beschäftigt sich ja nur mit Atomen, Molekülen und anderer "grobstofflicher" Materie. Die angeblich vorhandene feinstoffliche Ebene der Existenz kann sie mit ihren Methoden nicht untersuchen oder gar erklären. Die "Schulwissenschaft" sei viel zu dogmatisch und wenig spirituell, um sich mit der feinen Materie zu beschäftigen.

Auswirkungen müssten messbar sein

Aber das muss sie auch gar nicht. Denn die ganze Geschichte mit der Feinstofflichkeit ist ja in der Esoterik nur deswegen von Relevanz, weil sie als mystische Verbindung zwischen der normalen Welt und einer geistigen, nur den Eingeweihten zugänglichen Ebene dienen soll. Die behaupteten Effekte aber müssen zwangsläufig in der realen Welt stattfinden.

Aus Sicht der Wissenschaft ist es daher erst einmal völlig egal, ob eine Wünschelrute irgendwelche feinstofflichen Schwingungen misst oder Edelsteine Informationen auf die feinstoffliche menschliche Aura übertragen. Es ist auch egal, ob die Methoden der Wissenschaft geeignet sind, die feinstoffliche Ebene zu analysieren oder nicht. Das einzige was zählt, sind die behaupteten Auswirkungen auf die echte Welt, und die ist einer wissenschaftlichen Untersuchung sehr wohl zugänglich.

Wenn Edelsteine Krankheiten heilen können, kann man entsprechende Studien anstellen und nachsehen, ob kranke Menschen nach einer Behandlung signifikant öfter gesund werden, als bei einer reinen Placebotherapie. Wie die Behandlung angeblich wirken soll, spielt keine Rolle für die Frage, ob sie wirkt oder nicht. Erst wenn eindeutig nachgewiesen worden ist, dass ein Effekt existiert, kann (und soll) man sich Gedanken machen, wie der Effekt zustande kommt. Aber was die Auswirkungen der diversen feinstofflichen Konzepte angeht, fehlt dieser objektive Nachweis.

Stichwort Dunkle Materie

Als Beispiel für die angebliche Doppelmoral der Wissenschaft in dieser Hinsicht muss oft die Dunkle Materie her halten. Denn haben die Astronomen hier nicht auch einfach mal eben eine völlig neue Form der Materie "erfunden"; noch dazu Materie, die unsichtbar und unspürbar ist? Hat sich die Wissenschaft da nicht ihr ganz eigenes Konzept der Feinstofflichkeit gebastelt, und das nur, um ihr eigenes Weltbild zu retten?

Im Gegenteil: Gerade die Dunkle Materie ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie der Umgang mit "unerklärbaren Phänomenen" aussehen sollte. Denn die Dunkle Materie wurde nicht "erfunden" (und schon gar nicht, um irgendwelche Weltbilder zu retten). Am Anfang stand hier die konkrete Beobachtung eines Phänomens im realen Universum.

Suche nach Erklärung für messbaren Effekt

In den 1930er Jahren stellte der Astronom Fritz Zwicky fest, dass sich Galaxien nicht so bewegen, wie sie sich bewegen sollten. Diese Beobachtungen wurden seitdem immer wieder bestätigt: Galaxienhaufen, Galaxien und Sterne verhalten sich nicht so, wie die zur Verfügung stehenden Theorien es vorhersagen. Der Effekt ist ohne Zweifel vorhanden und benötigt eine Erklärung. Entweder die Theorien, die zur Beschreibung der Bewegung von Himmelskörpern verwendet werden (im wesentlichen das Gravitationsgesetz von Newton bzw. die allgemeine Relativitätstheorie von Einstein) sind nicht korrekt und müssen modifiziert werden. Oder aber es gibt etwas, das wir bisher übersehen haben und das einen störenden Einfluss auf die Bewegung der Himmelskörper hat.

Beide Möglichkeiten werden von den Astronomen verfolgt: Im Rahmen der MOND-Hypothese macht man sich Gedanken über eine "MOdifizierte Newtonsche Dynamik" und die "Dunkle Materie" dient als Ausgangspunkt für diverse Theorien zur Existenz einer bisher unentdeckten Form von Materie, die Einfluss auf die Bewegung der Sterne und Galaxien hat.

Der entscheidende Unterschied

Welche Erklärung am Ende zutreffen wird, wird die Zukunft zeigen (momentan scheint aber alles dafür zu sprechen, dass es tatsächlich neben der normalen Materie noch eine bisher unentdeckte Form gibt, die überall im Universum vorhanden ist). Vielleicht stellt sich irgendwann auch heraus, dass es auch eine dritte Möglichkeit gibt, den beobachteten Effekt zu erklären. Fest steht nur, dass es einen Effekt gibt, der erklärt werden muss.

Die von den Esoterikern postulierte Existenz einer "feinstofflichen" Form von Materie ist dagegen tatsächlich eine Erfindung. Ihr liegt keine objektive Beobachtung zugrunde, sondern der Wunsch, ein pseudowissenschaftliches Weltbild zu rechtfertigen und mit wissenschaftlich klingenden Begriffen wie "Schwingungen", "Informationen" und "Energien" zu legitimieren. Wäre es tatsächlich so einfach, neue Formen von Materie nachzuweisen, wären die Physiker und Astronomen schon längst zu den Esoterikern übergelaufen ... (Florian Freistetter, derStandard.at, 7. 1. 2015)

  • Wenn Paläontologen Glück haben, liefert Bernstein wie dieser Informationen über die Vergangenheit in Form von Inklusen. Nach Meinung von Esoterikern enthält er auf der "feinstofflichen Ebene" noch ganz andere Informationen.
    foto: apa/dpa

    Wenn Paläontologen Glück haben, liefert Bernstein wie dieser Informationen über die Vergangenheit in Form von Inklusen. Nach Meinung von Esoterikern enthält er auf der "feinstofflichen Ebene" noch ganz andere Informationen.

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