Europas wird abhängiger von Nahrungsimporten

7. Jänner 2015, 05:30
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Der Kontinent ist wie kein anderer auf Nahrungsimporte angewiesen. Eine Studie zeigt Konsequenzen auf – und was zu tun wäre

Brüssel/Wien - "Go West", hieß es vor 150 Jahren, als in der Pionierzeit Amerikas weiße Siedler auf der Suche nach urbarem Land von den Appalachen immer weiter Richtung Pazifik zogen. Dass die Ureinwohner – verschiedene Indianerstämme – dabei zum Teil brutal niedergemetzelt wurden, ist nur eine, wenn auch eine der unrühmlichsten Episoden aus dieser Zeit. Heutzutage heißt es nicht mehr "Go West", sondern "Go South" oder "Go East".

dpa/christian charisius
Für landwirtschaftliche Nutzung bleibt in Europa immer weniger Platz, Nahrungsmittel werden von anderen Kontinenten importiert.

Der Bedarf an urbarem Land steigt von Jahr zu Jahr, und Europa ist jener Kontinent, der zur Ernährung der Bevölkerung am stärksten von Land außerhalb seiner Grenzen abhängig ist. Das geht aus dem Bodenatlas hervor, den die Umweltschutzorganisation Global 2000 gemeinsam mit dem Bund für Natur und Umweltschutz Deutschland (Bund) und der Heinrich-Böll-Stiftung morgen, Donnerstag, präsentieren wird. Laut der dem STANDARD vorliegenden Studie beträgt der "Land-Fußabdruck" der Europäischen Union geschätzt 640 Millionen Hektar, also eineinhalbmal so viel wie die Fläche aller 28 EU-Mitgliedsstaaten zusammen.

Getreide, Kaffee, Gemüse

Und dieses Land liegt eben nicht im Westen (Amerikas), sondern in Ländern wie China, Mongolei, Brasilien und anderen Staaten, von denen einige nicht einmal ihre eigene Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln und Gütern versorgen können. Berücksichtigt wurden in der Studie, die in dieser Form zum ersten Mal gemacht wurde, der Anbau von Kaffee, Getreide, Obst und Gemüse, aber auch Futtermittel für Europas Vieh (siehe Grafik).

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Heftiges Gerangel und Spekulationen um Grund und Boden.

Die tatsächliche Fläche, die zur Produktion von Gütern für und nach Europa bestimmt ist, dürfte um einiges größer sein, zumal in den derzeit verfügbaren Zahlen wichtige Importprodukte wie Baumwolle, Mineralien und Metalle gar nicht berücksichtigt sind. Insbesondere Baumwolle, die viel Fläche beansprucht, dürfte den Wert deutlich hinauftreiben, glaubt Helmut Burtscher, Boden-Sprecher von Global 2000.

Katastrophe für Umwelt

Auch wenn man es bei Nahrungsmitteln belässt, stellt sich die Situation alarmierend dar. "Durch die fortschreitende Versiegelung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen in Europa sind wir immer stärker auf Importe angewiesen - mit gravierenden Folgen für die Umwelt, das Sozialwesen und die Wirtschaft der Regionen, aus denen die Nahrungsmittel kommen", sagte Burtscher.

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In Entwicklungsländern trage der Bedarf an Land massiv zur Zerstörung des Ökosystems, zu Grundstückskäufen in großem Stil, sogenanntem Land Grabbing, und zur Umsiedlung der indigenen Bevölkerung bei. Sechs der zehn Länder, die virtuell Land importieren, sind europäisch: Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich, die Niederlande und Spanien. Daran dürfte sich so rasch auch nichts ändern.

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Anders als beim Klimaschutz, wo es mühsam genug vorangehe, wo es aber immerhin eine internationale Bühne für Verhandlungen samt entsprechenden Richtlinien gebe (Weltklimakonferenz), fehle so etwas bei Grund und Boden total. Burtscher verweist auf Österreich: "Auch bei uns gibt es noch immer kein einheitliches Bodenschutzgesetz. Die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Bestimmungen werden uns wohl noch längere Zeit begleiten."

Täglich 30 Fußballfelder

Und die Inanspruchnahme der Böden steigt auch hierzulande. Österreich hat eine Fläche von rund 84.000 Quadratkilometern, 37 Prozent davon gelten als besiedelbar. Während die Bevölkerung von 2006 bis 2012 um knapp zwei Prozent zugenommen hat, ist die Inanspruchnahme der Böden um rund zehn Prozent gestiegen. Jeden Tag werden allein in Österreich laut Studie rund 30 Fußballfelder verbaut. Burtscher: "Je weniger Fläche uns zur Verfügung steht, desto größer der Druck zur Landnahme außerhalb." Dazu zählten zuletzt auch Länder wie Rumänien und Ungarn.

Politik gefordert

Die Politik sei gefordert, dem einen Riegel vorzuschieben - durch fiskalische und ordnungspolitische Maßnahmen beispielsweise. Heutzutage würden Hausbesitzer im Grünen subventioniert, die erst vor kurzem gebaut haben und denen Straße samt Beleuchtung und Kanalisation auf Kosten der Allgemeinheit finanziert wurde. Mehr Kostenwahrheit könnte beitragen, dass die Zersiedelung nicht weiter voranschreitet, glaubt Burtscher. (Günther Strobl, DER STANDARD, 7.1.2015)

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