Twitter-Krieg hinter saudischen Kulissen

Analyse6. Jänner 2015, 17:03
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Der kranke König Abdullah legte 2014 die Nachfolge über den Tod seines Kronprinzen hinaus fest. Einem Teil der Familie schmeckt das nicht

König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud (90) wurde am Silvesterabend mit akuten Atembeschwerden ins Krankenhaus gebracht, wo Lungenentzündung diagnostiziert wurde - am 1. Jänner ließ er sich gegen den Rat der Ärzte nach Hause bringen (wobei sein Palast wie ein Spital ausgestattet ist); er musste jedoch am 2. wieder zurückgebracht werden.

Nicht von offiziellen Kommuniqués weiß man Letzteres, sondern vom Twitterer @mujtahidd, der seit einigen Jahren Nachrichten aus dem Inneren des saudischen Königshauses verbreitet. Nicht immer hat er recht, und Trittbrettfahrer, die den gleichen Namen benützen, gibt es auch. Aber gemeinsam mit anderen Quellen tragen die Tweets zum Bild dessen bei, was sich hinter den saudischen Kulissen abspielt.

Streit wird wieder akut

Die ernsthafte Erkrankung König Abdullahs lässt offenbar den Streit wieder akut werden, der im März 2014 um die Ernennung von Prinz Muqrin (69) zum Vizekronprinzen - also zum Kronprinzen von Kronprinz Salman (79) - entbrannte. Teile der Familie fühlen sich übergangen. Denn sie nehmen an, dass der König deshalb Prinz Muqrin - wie Salman ein Halbbruder des Königs - einsetzte, weil dieser Miteb bin Abdullah, einen Sohn des Königs, die Nachfolge sichern soll. Die saudische Dynastie würde dann in der Enkelgeneration auf die Nachkommen Abdullahs springen - und alle anderen Enkel des Staatsgründers Abdulaziz wären draußen.

In diesem Sinn twitterte @mujtahidd am 31. Dezember: Es sei bereits beschlossen worden, Salman (der an einer Demenzerkrankung leiden soll) abzusetzen, um die Folge Muqrin/Miteb sofort zu installieren.

Die graue Eminenz Tuwaijri

Eine Hauptrolle in diesem angeblichen Intrigenspiel spielt Khaled al-Tuwaijri. Er ist Chef des königlichen Hofs und persönlicher Sekretär des Königs. Auch er twittert seit einigen Monaten, aber offiziell, mit hunderttausenden Followern: Saudi-Arabien hat relativ gesehen eine der größten Twitter-Gemeinden weltweit, und Tuwaijri betreibt sein Twitter-Geschäft quasi als Anlaufzentrum für unzufriedene Bürger, die sich bei Hof beschweren wollen. Die direkte Vorsprache beim Monarchen - das ist der PR-Gag - steht in einer beduinischen Tradition: "Brüder und Schwestern, denkt daran, dass ich nur einer von euch bin und eure Stimme gegenüber unserem Vater und König Abdullah", twitterte Tuwaijri nach Aktivierung seines Accounts.

Das alles gefällt seinen Gegnern, die dem 2005 ernannten Sohn des saudi-arabischen Intellektuellen Abdulaziz al-Khuwaijri die Vertrautheit mit Abdullah verübeln, gar nicht. Sie machen Tuwaijri direkt für die Ernennung Muqrins und damit die Ausbootung der anderen verantwortlich.

Ausbooten des Kronrats

In den Tweets des Familienrebellen Prinz Khaled bin Talal, wird Tuwaijri der "Oberste Führer" genannt. Ein anderer besonders aggressiv twitternder Prinz, @Saud_Saifalnasr (Saud bin Saif al-Nasser), nennt ihn "den Eingeladenen": Tuwaijri soll dafür gesorgt haben, dass der (von König Abdullah 2006 etablierte) Kronrat bei der Muqrin-Beförderung übergangen wurde. Dass der Rat konsultiert worden wäre und zugestimmt hätte, wie es im März 2014 bei der Ernennung Muqrins hieß, sei gar nicht wahr.

Saud Saif al-Nasser attackiert Tuwaijri direkt und hat nun auch Muqrin zum ersten Mal in einem Tweet direkt angeredet, ohne ihn jedoch mit Namen zu nennen. Der Tweet hat einen drohenden Unterton. Und es wäre kein arabisches Land, wenn nicht auch Theorien über externe Machinationen kursieren würden: Tuwaijri arbeite außer für seine eigenen auch für die zionistischen Interessen, heißt es.

Ventil für Systemkritiker

Die Kritik an der Rolle Tuwaijris kommt aus verschiedenen Ecken: Da sind einmal die Systemkritiker, die sagen, Tuwaijri sei ein Symptom für die verkrusteten prämodernen Strukturen. Der König entscheidet und Tuwaijri kommuniziert. Anderen, vor allem innerhalb der Familie, ist er zu mächtig. Außerdem: Will man nicht den König direkt beschuldigen - was sich keiner offen traut -, so schimpft man eben über Tuwaijri.

Zu den Verlierern gehören natürlich vor allem die Familie des Kronprinzen Salman und die anderen Nachkommen des Staatsgründers Abdulaziz und seiner Gattin Hassa al-Sudairi. Die Sudairi-Söhne - die sieben Sudairis - galten früher als der mächtigste Teil der Familie. Nun könnten die Langlebigkeit Abdullahs und die Krankheit Salmans sie besiegen.

Dennoch klingt das vielleicht dramatischer, als es ist: Beobachter gehen davon aus, dass die Übergabe, sollte der König sterben, erst einmal glatt über die Bühne gehen wird - was nicht heißt, dass der Nachfolgezwist der Enkel aus der Welt ist. Kontroversen hat es in der Königsfamilie schon immer geben, meist wurde die Fassade jedoch gewahrt. Die neuen sozialen Medien hat auch das konservativste Königshaus nicht im Griff. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 7.1.2015)

  • Prinz Muqrin im Jahr 2012, als er noch Geheimdienstchef war. Im März des  Vorjahrs machte ihn König Abdullah zum Vizekronprinzen. Dahinter soll  der Plan stecken, dass Muqrin wiederum Abdullah-Sohn Miteb zum  Thron-Erben macht.
    foto: ap / hassan ammar

    Prinz Muqrin im Jahr 2012, als er noch Geheimdienstchef war. Im März des Vorjahrs machte ihn König Abdullah zum Vizekronprinzen. Dahinter soll der Plan stecken, dass Muqrin wiederum Abdullah-Sohn Miteb zum Thron-Erben macht.

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