Syrische Ärzte warnen vor medizinischem und humanitärem Desaster

6. Jänner 2015, 15:33
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Ärztevereinigung: Ganze Gebiete ohne ärztliche Versorgung - UN: 670.000 Kinder von Schulschließungen in Syrien betroffen

Damaskus/Paris - Es mangelt an Ärzten, Medikamenten, Geräten - und lange Zeit verschwundene Krankheiten tauchen wieder auf: Syrische Ärzte haben in Paris vor einem "medizinischen und humanitären Desaster" in ihrem Land gewarnt, wo seit fast vier Jahren ein Bürgerkrieg wütet.

"Die Lage ist unerträglich, katastrophal", betonte Ubaida al-Mufti, Mitglied der syrischen Notärzte-Vereinigung (UOSSM), am Montagabend vor Journalisten im Pariser Außenministerium. In vielen Teilen Syriens gebe es gar keine ärztliche Versorgung mehr.

Neue, alte Krankheiten

Im östlichen Teil von Aleppo, der von der Opposition kontrolliert wird, gibt es den Angaben zufolge für 360.000 Menschen nur noch fünf Krankenhäuser, von denen drei nicht voll funktionsfähig sind. "Insgesamt arbeiten dort nur noch 30 Ärzte", erläuterte ein Mediziner aus Aleppo. Zugleich tauchten Krankheiten, die bereits als ausgerottet galten, wieder auf - wie Kinderlähmung, Tuberkulose, Grätze oder Typhus.

Ein anderer Arzt beschrieb die verheerende Lage in Ghuta am Rande von Damaskus. Das Gebiet sei seit zwei Jahren von Regierungstruppen umzingelt, es sei unmöglich humanitäre Hilfe dorthin zu bringen. In den von der Jihadistengruppe Islamischer Staat (IS) kontrollierten Gebieten wiederum hätten die Ärzte keinerlei Unterstützung von Nichtregierungsorganisation mehr, die alle abgezogen seien.

Hausgeburten

In der nordsyrischen IS-Hochburg Raka mit rund 1,6 Millionen Einwohnern, gebe es "keine Entbindungsstation, keinen Gynäkologen, keinen Kinderarzt" mehr, berichtete al-Mufti. 80 Prozent aller Entbindungen fänden nun zu Hause statt, Kinder würden nicht mehr geimpft. Der Krieg in Syrien richte verheerende Schäden unter der Zivilbevölkerung an, sagte Tawfik Schamaa, ein Vertreter der UOSSM in der Schweiz. Täglich würden in Syrien zwischen 30 und 60 Zivilisten getötet.

Die Ärzte der Vereinigung UOSSM, die in ganz Syrien mehr als 300 Praxen betreibt, versuchen in allen Zonen zu arbeiten - egal, ob sie von Regierungstruppen, der syrischen Opposition oder dem IS kontrolliert werden. Sie seien neutral, betonten die Ärzte. Damit seien sie allerdings auch Gewalt von allen Seiten ausgesetzt und hätten keine Gewähr für ihre Sicherheit. UOSSM verfügt nach eigenen Angaben über eine Liste mit den Namen von 250 Ärzten, die in den vergangenen drei Jahren getötet wurden.

Seit Beginn des Konflikts in Syrien im März 2011 wurden mehr als 200.000 Menschen getötet. Mehr als drei Millionen Syrer flüchteten ins Ausland und 6,5 Millionen sind Vertriebene im eigenen Land.

Schulschließungen

Die extremistische Miliz Islamischer Staat hindert nach UN-Erkenntnissen 670.000 syrische Kinder am Schulbesuch. Die Gruppe habe die Schließung der Einrichtungen im Osten des Landes angeordnet, um Lehrpläne zu verändern, erklärte das Kinderhilfswerk Unicef am Dienstag. Davon seien Kinder in den Provinzen Rakka, Deir al-Sor und Aleppo betroffen. Lehrer müssen sich demnach neu ausbilden lassen.

Die Extremisten haben weite Teile des Iraks und Syriens unter ihrer Kontrolle und zwingen der Bevölkerung eine besonders strikte Form des Islams auf. Der Miliz wird auch vorgeworfen, viele Zivilisten ermordet oder versklavt zu haben und Jugendliche als Kämpfer einzusetzen. Nach Unicef-Erkenntnissen wurden allein im vergangenen Jahr bei Angriffen auf Schulen in ganz Syrien mindestens 160 Kinder getötet. (APA, 6.1.2015)

  • Medizinische Hilfe ist in vielen Gebieten Syriens nur noch sehr schwer zu bekommen.
    foto: ap/bilal hussein

    Medizinische Hilfe ist in vielen Gebieten Syriens nur noch sehr schwer zu bekommen.

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