"Trolljäger": Wie eine Fernsehsendung Internet-Hetzer enttarnt

8. Jänner 2015, 12:29
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Netztrolle werden in Schweden vor der Kamera mit ihren Kommentaren konfrontiert

"Ich habe das nicht geschrieben", sagt der dünne, müde aussehende Mann Mitte 30, "ich hatte nicht einmal ein Facebook-Profil." Wieder und wieder leugnet er, beleidigende, herabsetzende und furchteinflößende Nachrichten an eine junge Frau geschickt zu haben, die mit einer missgebildeten Hand auf die Welt gekommen ist. Ihm gegenüber sitzt der schwedische Journalist Robert Aschberg, der schon Politiker, Pädophile und Stalker enttarnt hat. "Bereust du deine Nachrichten?", fragt er den Mann trotz dessen Dementis – vor laufender Kamera.

Der "Näthat" grassiert

Die beschriebene Szene stammt aus der Reality-Sendung "Trolljägarna" (Trolljäger), die vergangenes Jahr im schwedischen Fernsehen für Furore sorgte. Mittlerweile wird eine zweite Staffel produziert; Journalist Aschberg hat mit dem Erfolg nicht gerechnet. Aber: Der "Näthat", wie die Schweden Hetze im Netz bezeichnen, ist für Aschberg ein immer drängender werdendes gesellschaftliches Problem.

m.jeyy / deerv

Weltweite Debatte

Damit steht er nicht allein da: Die Harvard-Juristin Danielle Citron nennt die Diskussion über Verhaltensregeln im Netz das "nächste Kapitel der Bürgerrechtsbewegung". Auch in Österreich läuft eine Debatte über Hetze, ausgelöst etwa durch sogenannte "Shitstorms" gegen Minister und eine Häufung von Cybermobbying-Fällen. Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) will diesen Tatbestand heuer juristisch verschärfen.

Freie Meinungsäußerung

In Schweden ist die Gesetzeslage weitaus liberaler: Hier schlägt das Recht auf freie Meinungsäußerung den Persönlichkeitsschutz, wie etwa Rechtsprofessor Marten Schultz in der Technology Review erklärt: "Die schwedische Regierung stellt selbst eine Vielzahl an Informationen bereit, die in anderen Ländern aus Privatsphäre-Gründen geschützt werden." Schultz ist oft in "Trolljäger" zu sehen, wo er rechtliche Hintergründe zu behandelten Fällen beleuchtet.

Datenjournalismus

Diese Auskunftsfreudigkeit der Behörden sorgt aber auch dafür, dass Trolle leichter enttarnt werden können. So arbeitet beispielsweise das Kollektiv "Researchgruppen" mit großen Datenmengen, um Hetzer zu enthüllen. In einem Fall konnten etwa Nutzerprofile auf einer rechtsextremen Website mit bekannten schwedischen Künstlern, Professoren und Politikern in Verbindung gebracht werden.

Maschinell und händisch

"Researchgruppen" konnte sich, so Projektleiter Martin Fredriksson, über eine API-Schnittstelle sämtliche Kommentare der rechtsextremen Seite besorgen. Dabei: E-Mail-Adressen, die nur mangelhaft verschlüsselt waren. Schließlich konnte "Researchgruppen" die benutzten Adressen mit diversen Listen abgleichen – und so eine Vielzahl an Treffern landen. Das Kollektiv arbeitet aber nicht nur maschinell, teilweise durchsuchen Projektmitarbeiter die Profile einzeln nach Hinweisen. In Österreich beschäftigen sich etwa "Stoppt die Rechten" (das von der Grünen Bildungswerkstatt mitfinanziert wird) und "Heimat ohne Hass" mit rechtsrechten Kommentaren.

Nicht nur Lob

Fredriksson hat auch schon mehrfach für "Trolljäger" gearbeitet. Allerdings stoßen die "Outings" nicht nur auf Lob: Netzaktivisten sind ob der Aktionen im Zwiespalt – einerseits ist Hetze im Netz zu verurteilen, andererseits Anonymität ein wichtiger Schutz. So begannen einige Gruppen, selbst sensible Informationen über die "Trolljäger" zu veröffentlichen. Ein Vorgang, der als "doxxing" bezeichnet wird. Unter anderem wurde die Adresse, an der Fredrikssons Eltern wohnen, publik gemacht.

Ausgerechnet Schweden

Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet Schweden solche Probleme mit dem "Näthat" hat. Das Land ist hochdigitalisiert und hat in den letzten Jahren etwa Spotify, die Pirate Bay oder Minecraft hervorgebracht. Gleichzeitig gilt das Land als liberal und feministisch. Im Netz provoziert dies einen Backlash: Was öffentlich verpönt ist, wird unter dem Deckmantel der Anonymität umso lauter geäußert. Aber, wie Fredriksson anmerkt: "Anonymität ist online möglich, aber fragil." Zumindest diese Lehre sollen Hetzer aus der Fernsehsendung ziehen. (fsc, derStandard.at, 6.1.2015)

  • Vor laufender Kamera werden Mobber und Hetzer mit ihren Kommentaren konfrontiert
    foto: screenshot

    Vor laufender Kamera werden Mobber und Hetzer mit ihren Kommentaren konfrontiert

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