Krise überschattet orthodoxe Weihnachten in Moskau

5. Jänner 2015, 13:06
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Viele Russen schauen wegen der Wirtschaftskrise mit Bangen ins neue Jahr

Moskau - Im Kreml steht der Krimsekt kalt - aber angesichts mieser Wirtschaftsdaten dürfte der russischen Führung zum orthodoxen Weihnachtfest an diesem Mittwoch kaum zum Feiern zumute sein. Experten warnen vor einer Rezession, zudem sinkt der Rubelkurs und immer mehr Banken benötigen staatliche Finanzhilfe.

Zwar können sich die Russen auch heuer wieder über fast zwei Wochen Neujahrsurlaub freuen, den viele noch bis zum 11. Jänner auf der Datscha verbringen. Aber die Regierung könne sich keine allzu lange Ruhepause erlauben, stellt Kremlchef Wladimir Putin klar.

Inflation kostet

Dass es um Russland schlecht steht, bekommen viele gerade an den Festtagen zu spüren. Die Preise sind 2014 um mehr als elf Prozent gestiegen und machen Lebensmittel und Geschenke teuer. Der durchschnittliche Warenkorb für das Festmahl zu Neujahr, dem wichtigsten Familienfest für viele Russen, kostete rund 4.500 Rubel (65 Euro). Im vergangenen Jahr waren es noch etwa 4.000 Rubel.

Die Aussichten für 2015 sind düster. Denn als Grund für die Krise gelten der niedrige Ölpreis sowie Sanktionen der EU und der USA gegen russische Banken und Unternehmen - als Reaktion auf Moskaus Haltung im Ukraine-Konflikt. Hier sind schnelle Änderungen nicht in Sicht. Auch darum ermahnt Regierungschef Dmitri Medwedew sein Kabinett, die wirtschaftliche Lage trotz der Feiertage ständig zu kontrollieren.

Kirche hat Vertrauen

Die orthodoxen Christen in Russland feiern Weihnachten nach dem Julianischen Kalender, also 13 Tage nach dem westlichen Weihnachtsfest, das sich nach dem Gregorianischen Kalender richtet. Für die meisten Russen ist der Neujahrstag das Hauptfest, an dem Geschenke verteilt und Tannenbäume bunt geschmückt werden - auch, weil zur Zeit der Sowjetunion Religion vom Staat unterdrückt wurde.

Die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wiederstarkte orthodoxe Kirche ist auch eine wichtige Machtstütze für Putin. Der Kremlchef sieht die Kirche, die beispielsweise Homosexualität und liberale westliche Werte ablehnt, als "Hüterin des moralischen Fundaments der Gesellschaft". Einer unabhängigen Umfrage von November zufolge vertrauen 54 Prozent der Befragten der Kirche - nur dem Präsidenten schenken demnach mehr Russen ihr Zutrauen. Kritiker warnen aber, Putins enorme Zustimmungswerte könnten rasch wieder fallen, sollte sich die Wirtschaftskrise der Rohstoffmacht Russland verschärfen.

Von Abramovich renoviert

Die Bewohner von Moskau, der mit weit über zehn Millionen Menschen größten Stadt Europas, lassen sich die Feierlaune aber nicht ganz verderben. "Die Krise trifft große Konzerne und Menschen, die viel Geld haben, denn sie wissen plötzlich nicht wohin damit", meint etwa Aljoscha (26), der sich im Gorki-Park auf einer künstlichen Skipiste austobt. Er steckte sein Erspartes kürzlich in eine Eigentumswohnung.

Der Gorki-Park ist in den vergangenen Jahren zu einem Symbol für Lifestyle und Modernisierung in Moskau geworden. Auch mit einer Finanzspritze des Oligarchen Roman Abramovich wurde der in den 1990er-Jahren heruntergekommene Park grunderneuert. Wo früher rostige Fahrgeschäfte moderten, bietet heute eine hippe Flaniermeile am Ufer des Moskwa-Flusses einen Rückzugsort von der anstrengenden Stadt und der Krisenstimmung.

Über die Feiertage ist der Park eine riesige Eisbahn für Schlittschuhläufer. Doch trotz der Ferien seien bisher weniger Besucher gekommen als erwartet, sagt Kaffee-Verkäuferin Natascha (32). Die Lehrerin Lena glaubt aber nicht, dass die Wirtschaftslage an Weihnachten die Stimmung drückt. "Krise und Feiertage hängen nicht zusammen", meint sie. Sicher hätten alle bemerkt, dass die Preise steigen. Aber an Neujahr und Weihnachten gehe es nicht darum, möglichst viel Geld auszugeben. "Am Wichtigsten ist doch, etwas Schönes aus den Festen zu machen", betont die 60-Jährige. (APA, 5.1.2014)

  • Eine mit Weihnachtsschmuck dekorierte Straße in Moskau. Die Geschenke sind heuer etwas teurer, die Inflation steigt in Russland schnell.
    foto: ap/zemlianichenko

    Eine mit Weihnachtsschmuck dekorierte Straße in Moskau. Die Geschenke sind heuer etwas teurer, die Inflation steigt in Russland schnell.

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