"Tischlein deck dich" für sozial Schwache

5. Jänner 2015, 07:00
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Immer mehr Menschen in Vorarlberg müssen das Gratisangebot des Vereins "Tischlein deck dich" annehmen

Bregenz – Freitag vor Weihnachten im Kloster Mehrerau. Die Ehrenamtlichen von Tischlein deck dich haben wie jede Woche ihre Lebensmittelkisten aufgebaut. "Verteilen statt vernichten" ist das Ziel des Vereins. Wöchentlich werden an fünf Abgabestationen zwischen Bregenz und Bludenz bis zu 20 Tonnen Lebensmittel verteilt, Ware, die vollkommen in Ordnung ist, aber den hohen Ansprüchen der Konsumwelt nicht mehr entspricht oder aus Überproduktion stammt.

Mehr als 500 Familien, rund 1800 Menschen werden versorgt. 270 Ehrenamtliche helfen beim Transport zu den Abgabestellen oder Flüchtlingsunterkünften. Einer davon ist der 76-jährige Pensionist Hans. "Ich bin der Onkel Hans, so kennen mich die Leute, der Nachname tut nichts zur Sache." Vier Nachmittage die Woche steht der Helfer bei der Lebensmittelausgabe. Im Winter kocht er noch pro Verteilnachmittag 30 Liter Suppe. Hans ist Hobbykoch. Mit den Lebensmitteln gibt er auch Kochtipps mit und den einen oder anderen lockeren Spruch. Rau, aber herzlich. Hans ist seit vier Jahren dabei. Immer stärker würde der Andrang, sagt er. Flüchtlinge kommen, aber "auch wöchentlich mehr Leute von uns". Das Geld gehe den Menschen immer früher aus, nicht erst am Ende des Monats, beobachtet er.

"Wir haben kein Geld"

In der Schlange stehen Menschen aus der großen tschetschenischen Community ebenso wie Pensionistinnen mit Hut oder Mütter, die mit großen Taschen den Wochenbedarf für ihre Familie holen wie die schüchterne junge Frau, die vor allem vegetarische Lebensmittel einpackt. Drei Kinder habe sie, sagt die Frau. "Ich muss leider hierherkommen, wir haben kein Geld." Auf gute Ernährung möchte sie trotzdem achten, deshalb schaue sie "ab und zu" bei Tischlein deck dich vorbei. Mehr möchte sie nicht sagen.

Ganz anders eine 46-jährige Tischlerin: "Ich hab da keinen Genierer. Ich war früher schon da, muss jetzt wieder herkommen, weil ich keine Arbeit habe." Fünf Kinder hat die Handwerkerin großgezogen, seit acht Jahren ist sie Alleinerzieherin. Zwei Kinder leben noch bei ihr. Der harte Job hat ihren Rücken ruiniert. Nun lässt sie sich zur Verkäuferin umschulen. 1200 Euro habe sie monatlich zur Verfügung. "Da bin ich sehr dankbar für das Angebot von Tischlein deck dich." Nicht alle würden die Hilfe annehmen, sagt sie: "Ich hab Leute im Bekanntenkreis, die auch eine Karte von der Stadt bekommen haben, sie schämen sich aber."

Hilfe nicht ausreichend

Um Missbrauch vorzubeugen, werden für den Bezug der Lebensmittel Berechtigungskarten von den Sozialämtern der Gemeinden ausgegeben. Allein in Bregenz versorgt Tischlein deck dich 150 bis 185 Familien.

Die Vorarlberger Armutskonferenz ließ errechnen, wie viel man in Vorarlberg zum Leben braucht. Das Ergebnis: Mit der Mindestsicherung kann man in Vorarlberg nicht leben. 1326 Euro braucht eine Einzelperson monatlich, um über die Runden zu kommen. Urlaub, Auto oder Genussmittel sind nicht miteingerechnet. Zur Mindestsicherung ergibt sich eine Differenz von elf Prozent oder 146 Euro. Eine Alleinerziehende mit einem schulpflichtigen Kind braucht monatlich 1955 Euro. Mit der Mindestsicherung (inklusive Beihilfen) von 1609 Euro schafft sie das nicht. 3191 Euro bräuchte eine Familie mit zwei Kindern monatlich, die Mindestsicherung liegt aber 694 Euro darunter.

Keine Reserven

Familien mit Durchschnittseinkommen schaffen das Referenzbudget nur knapp. Da bleiben keine Reserven, falls etwa die Waschmaschine den Geist aufgibt. Knapp die Hälfte dieser Familien ist laut Armutskonferenz armutsgefährdet.

Frauen verdienen um die Hälfte weniger als Männer, der Schere ist hier bundesweit am größten. Das Einkommen der alten Frauen ist noch niedriger: Pensionistinnen in Vorarlberg bekommen jährlich netto 11.832 Euro, die Durchschnittspension der Wienerin beträgt jährlich 16.231 Euro.

Kinderbetreuung gratis

Die Forderung der Gewerkschaft nach 1500 Euro brutto greift für Michael Diettrich, den Sprecher der Armutskonferenz, zu kurz. 1600 Euro müssten es in Anbetracht der Referenzbudgets mindestens sein. Die schwarz-grüne Landesregierung hat die Armutsprävention im Regierungsprogramm verankert. Ansetzen will sie bei Kinderbetreuung und Bildung. Nächstes Jahr soll die Kinderbetreuung für Armutsgefährdete gratis sein. (Jutta Berger, DER STANDARD, 5.1.2015)

  • An fünf Orten in Vorarlberg, hier in Bludenz, werden von Tischlein deck dich wöchentlich Lebensmittel verteilt.
    foto: dietmar stiplovsek

    An fünf Orten in Vorarlberg, hier in Bludenz, werden von Tischlein deck dich wöchentlich Lebensmittel verteilt.

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