Zehn Gebote für die Bischofssynode 2015

Kommentar der anderen4. Jänner 2015, 16:27
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Anregungen eines Priesters und Philosophieprofessors, was die katholische Kirche dringend besser machen sollte

Folgende zehn Gebote sollen nicht nur für die Sitzung der Synode im Jahre 2015, sondern für die Kirche generell wesentlich und konstitutiv sein, weil sie dem Evangelium entsprechen, sie werden aber leider weitgehend nicht eingehalten. Aus verschiedenen schönen Ideen des vorliegenden Schlussberichtes sind kaum entsprechende Konsequenzen gezogen worden, die erforderliche Rangordnung von Wahrheiten und Werten ist kaum erkennbar, das Konzil wird vielfach nicht eingehalten.

I Die Rangordnung der Zehn Gebote Gottes darf nicht durch den einseitigen Vorrang des sechsten Gebotes gegenüber anderen Geboten, nicht durch eine überholte Lehre von der Sexualität aufgehoben werden.

II Das Sakrament der Ehe darf nicht den anderen sechs Sakramenten vor- oder übergeordnet werden, wie es leider laufend geschieht. Alle Sakramente müssen im Prinzip gleichrangig behandelt werden. Alle Christen sind zu allen Sakramenten zuzulassen.

III Die Menschenrechte, die Grund- und Freiheitsrechte, die Menschenwürde gelten für alle Menschen von Natur aus, gehen allen religiösen Geboten, Verboten, Vorschriften voraus. Alle Menschen sind Kinder und Ebenbild Gottes.

IV Die verschiedenen Kulturen, die Erdteile, die Bischofskonferenzen müssen deutlicher berücksichtigt werden, mehr Kompetenzen bekommen.

V Der "sensus fidelium", die Akzeptanz, das "wandernde Volk Gottes", das "allgemeine Priestertum", die "Zeichen der Zeit", die "Gewissensfreiheit", der "Dialog", die "Ökumene", die "Religionsfreiheit" im Sinne des Konzils müssen endlich ernst genommen und umgesetzt werden. Das "Volk Gottes" ist nicht Objekt, sondern Subjekt der Verkündigung.

VI Die Lehre des Konzils, dass es auch außer- halb der (katholischen) Kirche "vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit", "semina verbi" gibt, sollte auch in Bezug auf die außersakramentale, kirchlich nicht gültige Ehe, auf andere Gemeinschaften anerkannt werden.

VII Im Sinne des Konzils, das sich selbst als "Pastoralkonzil" bezeichnet, soll die Lehre der Pastoral, dem Leben, der Zeit, der Gesellschaft, nicht nur der Kirche, ihren Geboten und Verboten dienen.

VIII In Bezug auf die Verpflichtung und die Gültigkeit der Lehre muss viel deutlicher zwischen dem außerordentlichen Lehramt - Dogmen betreffend - und dem ordentlichen Lehramt - Enzykliken betreffend - unterschieden werden. Das ordentliche Lehramt ist nicht unfehlbar, hat sich nicht selten geirrt, muss also nicht unbedingt angenommen und eingehalten werden.

IX Die Gottes- und Nächstenliebe ist für die Christen das höchste und oberste Gebot, von dem nicht dispensiert werden kann, und nicht die Unauflöslichkeit der Ehe. Deshalb weist Papst Franziskus ständig auf die Liebe, die Barmherzigkeit und die Bescheidenheit hin.

X Die Heilsgeschichte, die Dogmengeschichte, die geschichtliche Offenbarung, überhaupt die Geschichtlichkeit, die Evolution, die Entwicklung, die Veränderungen sind konstitutiv für die Lehre, müssen als Glaubensquelle erkannt und anerkannt werden. (Anton Kolb, DER STANDARD, 5.1.2015)

Anton Kolb (83) ist römisch-katholischer Theologe, er wurde 1956 zum Priester geweiht und ist seit 1970 Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

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