Kraft baut mit Platz zwei am Bergisel Gesamtführung aus

4. Jänner 2015, 15:21
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Richard Freitag beendete die lange deutsche Tournee-Sieglosigkeit. Doch der zweitplatzierte Salzburger steht nach packendem Bergisel-Springen mit zwei Schanzenrekorden vor dem Gesamtsieg

Innsbruck - "Ich denke schon, dass das ein gewaltiger Sprung war." Also sprach Stefan Kraft, und keiner der 22.500 Zuschauer im Bergisel-Stadion hätte dem 21-jährigen Salzburger widersprechen wollen. Einhundertsiebenunddreißig Meter, kurz 137 m, war er weit, der gewaltige Sprung, Kraft hatte ihn am Sonntag im ersten Durchgang gezeigt und damit dem Deutschen Sven Hannawald den Schanzenrekord entrissen. Hannawald war 2002, auf dem Weg zum ersten und bis dato einzigen Grand Slam, den ihm keiner mehr wegnehmen kann, bei 134,5 Metern gelandet.

Der Grand Slam, vier Siege in einer Tournee, geht sich für Kraft heuer nicht mehr aus. Auch mit dem Bergisel-Sieg wurde es nichts, den holte der Deutsche Richard Freitag, der nach dem ersten Durchgang dank besserer Haltungsnoten ex aequo mit Kraft geführt hatte. Und der Schanzenrekord wurde ihm im zweiten Durchgang noch vom Oberösterreicher Michael Hayböck (138 Meter) entrissen. Und doch war es ein guter Tag für Stefan Kraft. Er landete hinter Freitag und vor den Ex-aequo-Dritten Noriaki Kasai und Simon Ammann auf Rang zwei, der Tournee-Gesamtsieg ist jetzt zum Greifen nahe. Hayböck, der seinen Rekordflug nur mit Mühe stand und hinter Gregor Schlierenzauer Sechster wurde, hat insgesamt den Slowenen Peter Prevc (11.) als Zweiten abgelöst, aber bereits 23,1 Punkte Rückstand. Hayböck: "23 Punkte sind eigentlich nicht aufholbar." Kraft: "Wer Tourneesieger wird, steht erst am Dienstagabend in Bischofshofen fest." Der Norweger Anders Jacobsen, der sich ebenfalls einige Hoffnungen gemacht hatte, verhaute am Sonntag seinen zweiten Sprung, wurde Neunter und ist aus dem Rennen.

Auf dem Bergisel steht also jene der vier Schanzen, die Österreichs Skispringer am längsten auf einen Sieg warten lässt. Doch kein Grund zur Panik, wir reden von zwei Jahren, vom 4. Jänner 2013, da Schlierenzauer in Innbruck gewonnen hat. Richard Freitag beendete eine 49 Bewerbe dauernde deutsche Tournee-Sieglosigkeit. Der vor Freitag letzte deutsche Tagessieger war - erraten - Hannawald gewesen, freilich nicht beim Grand Slam, sondern im Dezember 2002 in Oberstdorf.

Hinken mit Erich Kästner

Da Kraft und Hayböck seit geraumer Zeit das Zimmer miteinander teilen, lagen und liegen Erich-Kästner-Anleihen einigermaßen nahe. "Das fliegende Doppelzimmer" hinkt ein bisserl, weil es sich in der Regel um zwei Betten und nicht um ein doppeltes handelt. Der Standard, witzigen und sogar aberwitzigen Wortkreationen seit jeher nicht ganz abgeneigt, hat sich zu "Das fliegende Klassezimmer" durchgerungen, klasse im Sinne von sehr super oder einfach toll.

So wird die Arbeit der ÖSV-Springerabteilung nämlich auch ganz generell von der Konkurrenz beurteilt. Auch Newcomer wie zuletzt Thomas Diethart oder aktuell Stefan Kraft, sind laut Norwegens Cheftrainer Alexander Stöckl "sicher kein Zufall". Der Tiroler, der sein aktuelles Amt seit 2011 bekleidet, sagt, er habe "das System ja lange genießen dürfen". Stöckl war von 1997 bis '99 Assistenztrainer im ÖSV, zunächst von Andi Felder, hernach von Mika Kojonkoski. Stöckl: "Es ist einzigartig, wie junge Sportler in Österreich aufgebaut werden. Das beginnt bei diversen Schulen wie Stams und setzt sich damit fort, dass viele Springer nach ihrer aktiven Karriere als Trainer wiederum den Jungen etwas weitergeben." Jungen wie Diethart, Jungen wie Kraft oder auch Hayböck.

Es winkt der siebente Gesamtstreich in Serie - nach Loitzl, Kofler, Morgenstern, zweimal Schlierenzauer und Diethart. Was am Dienstag in Bischofshofen noch passieren soll? "Es kann immer etwas passieren", sagt ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin. "Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist", sagt das fliegende Klassezimmer.

Richard Freitag, nach dem ersten Durchgang ex aequo mit Stefan Kraft in Führung, behielt im Finale die Nerven und letztlich auch die Oberhand gegen den Salzburger. Damit verhinderte er, dass Deutschland bei der Tournee fünfzig Bewerbe lang ohne Sieg geblieben wäre. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 5.1.2015)

ERGEBNIS: Dritter Bewerb der Vierschanzen-Tournee in Innsbruck

Zwischenstand in der Tournee-Wertung:

1. Stefan Kraft (AUT) 835,4
2. Michael Hayböck (AUT) 812,3
3. Peter Prevc (SLO) 806,0
4. Noriaki Kasai (JPN) 797,7
5. Richard Freitag (GER) 791,7
6. Anders Jacobsen (NOR) 789,5
7. Gregor Schlierenzauer (AUT) 785,6
8. Kamil Stoch (POL) 771,5
9. Roman Koudelka CZE 771,0
10. Severin Freund GER 764,6

Weiter:

18. Thomas Diethart AUT 675,2
19. Simon Ammann SUI 652,2
20. Andreas Kofler AUT 623,0

  • Stefan Kraft kam einer aus. Nach Platz zwei in Innsbruck, samt zwischenzeitlichem Schanzenrekord, ist der Gesamtsieg für den Salzburger in Griffweite.
    foto: apa/ebenbichler

    Stefan Kraft kam einer aus. Nach Platz zwei in Innsbruck, samt zwischenzeitlichem Schanzenrekord, ist der Gesamtsieg für den Salzburger in Griffweite.

  • Zum Tagessieg heppte Richard Freitag, es war der erste eines DSV-Springers bei der Tournee seit 13 Jahren.
    foto: ap/schrader

    Zum Tagessieg heppte Richard Freitag, es war der erste eines DSV-Springers bei der Tournee seit 13 Jahren.

  • aqu32

    Michael Hayböck greift bei Meter 138 in den Schnee. Die Sprungrichter sehen keinen Sturz, der Rekord steht.

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