Houellebecq: Ein Nihilist und seine provokante Vision des Islam

4. Jänner 2015, 17:13
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Autor sorgt mit Buch über einen islamischen Präsidenten Frankreichs schon vor Veröffentlichung für Wirbel

Die Fans von Michel Houellebecq erhalten Verstärkung – und zwar von rechts. Ihr Idol habe "in den Ameisenhaufen getreten", frohlockt etwa "Riposte laïque" ("laizistische Antwort"), die wie auch andere identitäre Bewegungen vor einem "Eurabia" warnt.

Eurabia – so könnte auch Houellebecqs neuer Roman heißen, doch dessen Titel ist "Soumission", und das bedeutet so wie der Begriff Islam: Unterwerfung. Der 58-jährige Goncourt-Preisträger beschreibt darin den Sieg des fiktiven Mohammed Ben Abbes bei der französischen Präsidentschaftswahl 2022. In der Stichwahl unterstützen Bürgerliche und Linke den Kandidaten gegen die Rechtsextremistin Marine Le Pen.

Dieses explosive Szenario hatte der Verlag Flammarion schon Ende 2014 durchsickern lassen, um das Buch ins Gerede zu bringen. Dank einer Raubkopie lässt sich die Fortsetzung des Plots bereits am PC lesen, noch bevor die 300 Seiten am Mittwoch auf Französisch und eine Woche später auf Deutsch erscheinen.

Islamisierung Frankreichs

Ben Abbes wird als "gemäßigter Muslim" geschildert, der dank saudischer Geldgeber bald ganz Frankreich islamisiert. Die Sorbonne wird zur "islamischen Universität"; ihre lesbische Direktorin wird entlassen, die Forscher und Dozenten – darunter die Romanhauptfigur François – müssen konvertieren oder abtreten. In beiden Fällen werden sie mit Ölgeldern fürstlich entschädigt.

François’ jüdische Freundin Myriam wandert nach Israel aus; die anderen Frauen tragen bald Kopfschleier; die meisten geben ihren Job auf und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Die offizielle Arbeitslosigkeit sinkt dadurch massiv – was Ben Abbes’ bereits vergessener Vorgänger François Hollande nie schaffte.

Der dekadente Westen

Houellebecq beschreibt die Vorgänge zumeist völlig lakonisch. Als Nihilist hält er den Westen für zu schwach, zu dekadent, zu defätistisch, um dem Islam etwas entgegenzusetzen. Das auf 15 Jahre gesenkte Heiratsalter in Frankreich oder die Sexabenteuer seines Protagonisten François mit diversen Maghrebinerinnen geben Houellebecq Anlass, genüsslich mit den Themen Pädophilie und Polygamie zu spielen. Fast ebenso viel Vergnügen bereitet es ihm, den Islamisten und westlichen Wertkonservativen das gleiche – reaktionäre – Frauenbild zu unterstellen.

Houellebecq bloß Islamophobie vorzuwerfen wäre verfehlt: In der Verwirrung seiner Gefühle hegt er Faszination für das Rollenbild häuslicher Musliminnen. Mehr noch, er lässt die zum Islam bekehrte Romanfigur Robert Rediger – eine Verballhornung des real existierenden Islamistengegners Robert Redeker – den Kernsatz des Romans sagen, "dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung liegt".

Fiktion versus Realität

Raffiniert verwebt Houellebecq Fiktion mit politischer Realität. 2002 hatten Bürgerliche und Linke tatsächlich gemeinsam Jacques Chirac unterstützt, um Jean-Marie Le Pens Wahlsieg zu verhindern. Ein Mohammed Ben Abbes wäre im Élysée-Palast aber undenkbar, weil heute unter den französischen Spitzenpolitikern kein einziger Muslim ist. Das sagt viel über die hermetische Pariser Elite.

Houellebecq nimmt die Ängste einer Gesellschaft auf, die in einer tiefen Krise steckt. Alain Finkielkraut lobt Houellebecqs Visionen als "zwar unsicher, aber durchaus plausibel". Wenn die Medien und Politiker die "Überfremdung" durch Immigration in Abrede stellten, dann müsse eben die Literatur davor warnen, meint der konservative Philosoph.

Laurent Joffrin, Chefredakteur der linken Libération, sieht in dem Werk "den Einbruch oder die Rückkehr rechtsextremer Thesen in die Hochliteratur". Und der Islamexperte Abdennour Bidar belehrt Houellebecq, dass Islam nicht bloß Unterwerfung bedeute, sondern auch Hingabe und Annahme: "Wenn der Mensch im Koran ein ‚Diener Gottes‘ ist, dann nicht im Sinn eines Sklaven, sondern als Agent der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und göttlichen Schöpfungskraft." Für das Enfant terrible der französischen Literatur könnte diese Präzisierung aber wohl zu subtil gewesen sein. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 5./6.1.2015)

  • François Hollande (vor der Großen Moschee in Paris 2014) ist in der Romanwelt Houellebeqs der wohl letzte nichtmuslimische Präsident.
    foto: epa/ian langsdon

    François Hollande (vor der Großen Moschee in Paris 2014) ist in der Romanwelt Houellebeqs der wohl letzte nichtmuslimische Präsident.

  • Michel Houellebecq sorgt mit seinem neuen Roman einmal mehr für Aufregung.
    foto: reuters

    Michel Houellebecq sorgt mit seinem neuen Roman einmal mehr für Aufregung.

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