Ukraine: Nach Auftritt russischen Sängers droht Entzug von TV-Lizenz

2. Jänner 2015, 19:53
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Schlagerstar Josif Kobson gilt vielen Politikern in Kiew als zu kremlnahe

Kiew/Moskau – Der ukrainische Fernsehsender Inter steht nach seiner Neujahrssendung Warte auf mich im neuen Jahr unter Beschuss: In der Sendung wurden mehrere russische Schlagersänger gezeigt, die in der Ukraine auf der schwarzen Liste stehen, darunter Josif Kobson, Valeria oder Oleg Gasmanow. Im März hatten sie einen "offenen Brief der Kulturschaffenden" an Russlands Präsident Wladimir Putin unterzeichnet, indem sie ihm ihre Unterstützung für den Anschluss der Krim versicherten. Der aus Donezk stammende Kobson trat zudem mit Konzerten in Donezk und Luhansk auf, wo er unter anderem zusammen mit dem Separatistenführer Alexander Sachartschenko ein Duett trällerte. In Moskau ist er "Honorarkonsul der Donezker Volksrepublik".

"Traditionell gegen den ukrainischen Staat"

Dementsprechend laut war der Aufschrei bei Politikern in Kiew: Der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats, Ex-Präsident Alexander Turtschinow forderte die Abschaltung des Senders. "In der Neujahrsnacht, als die ganze Nation ihren Zusammenhalt fühlte, hat der TV-Sender Inter, der traditionell gegen den ukrainischen Staat agiert, ein Konzert der Leute übertragen, die unser Land verhöhnen, Terroristen unterstützen und den Raub der Krim und des Donbass begrüßen", sagte er.

Die Idee eines Lizenzentzugs fand auch bei Informationsminister Juri Stez Zustimmung, der allerdings einschränkte, die Entscheidung habe der nationale Fernseh- und Rundfunkrat zu treffen. Der soll am 15. Jänner über Maßnahmen gegen den Milliardär Dmitri Firtasch gehörenden Sender Inter entscheiden.

Inter selbst nennt die Drohungen "Provokation und politischen Druck", schließlich habe der Kanal nicht gegen geltendes Gesetz verstoßen. Politische Statements wurden bei der traditionellen Neujahrsveranstaltung nicht abgegeben. Stez will aber künftig auch ein Übertragungsverbot für Sendungen initiieren, bei denen in der Ukraine unerwünschte Personen auftreten.

Prügelnde Nationalisten

Für weitere Spannung zwischen Kiew und Moskau sorgt der Überfall von Nationalisten auf ein Fernsehteam des kremlnahen Boulevardsenders Lifenews in Kiew. Die Journalisten hatten von einem Fackelmarsch zum 106. Geburtstag des ukrainischen Nationalistenführers Stepan Bandera (1959 in München von KGB-Agenten getötet) berichtet, als sie angegriffen wurden.

Zwei Männer stießen die Korrespondentin Jeanna Karpenko zu Boden und zertrümmerten die Kamera des Fernsehteams. Als Karpenko die Polizei anrufen wollte, raubten sie der Journalistin auch das Telefon.

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Obwohl die ukrainische Polizei inzwischen einen Verdächtigen festgenommen hat, reagierte Moskau stark verärgert. Vertreter des russischen Außenministeriums qualifizierten den Angriff als Verfolgung von Journalisten in der Ukraine und den Fackelumzug als Beweis für den Weg Kiews Richtung Faschismus. Das russische Ermittlungskomitee leitete unabhängig von den ukrainischen Behörden ein eigenes Verfahren wegen Behinderung der Pressefreiheit ein.

Lifenews gilt als Propagandasender des Kremls. Allerdings sind Übergriffe auf russische Journalisten in der Ukraine keine Seltenheit. Mehrere Korrespondenten wurden festgenommen und ausgewiesen. Unter den acht 2014 in der Ukraine ums Leben gekommenen Journalisten sind fünf russische Staatsbürger. (André Ballin, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

  • Der russische Schlagersänger Josif Kobson bei einem Duett mit Separatistenführer Alexander Sachartschenko (li.).
    foto: reuters / maxim zmeyev

    Der russische Schlagersänger Josif Kobson bei einem Duett mit Separatistenführer Alexander Sachartschenko (li.).

  • "Helden sterben nie": Die rechten Gruppierungen "Svoboda" und "Rechter Sektor" gedenken des Nazikollaborateurs Stepan Bandera.
    foto: epa/roman pilipey

    "Helden sterben nie": Die rechten Gruppierungen "Svoboda" und "Rechter Sektor" gedenken des Nazikollaborateurs Stepan Bandera.

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