Die Moralökonomie der Verschuldung

Kolumne2. Jänner 2015, 17:24
46 Postings

Konflikte zwischen Gläubigern und Schuldnern sind seit babylonischen Zeiten Gegenstand der Politik

Jeder wirtschaftliche Zusammenbruch bringt die Forderung nach einem Schuldenerlass hervor. Die zur Rückzahlung von Krediten benötigten Einnahmen sind verschwunden, und die als Sicherheiten hinterlegten Vermögenswerte haben an Wert verloren.

Man betrachte etwa die aus der Occupy-Bewegung hervorgegangene Organisation Strike Debt, nach eigener Beschreibung "eine landesweite Bewegung von Schuldenverweigerern, die für wirtschaftliche Gerechtigkeit und demokratische Freiheit kämpft". Ihre Website argumentiert, dass die Menschen "angesichts stagnierender Löhne, struktureller Arbeitslosigkeit und Einschnitten bei den öffentlichen Dienstleistungen" gezwungen werden, sich zu verschulden, um grundlegendste Lebensnotwendigkeiten zu erwerben, was dazu führt, dass sie "ihre Zukunft den Banken preisgeben".

Eine der Initiativen von Strike Debt, das sogenannte "Rolling Jubilee", sammelt Geld, um Schulden aufzukaufen und zu vergeben – ein Prozess, den die Organisation als "kollektive Verweigerung" bezeichnet. Der Fortschritt der Gruppe ist beeindruckend; sie hat bereits mehr als 700.000 US-Dollar aufgebracht und damit Schulden im Wert von fast 18,6 Millionen Dollar getilgt.

Es ist die Existenz eines Sekundärmarktes für Schulden, die Rolling Jubilee in die Lage versetzt, Schulden so billig aufzukaufen. Finanzinstitute, die nicht mehr von der Fähigkeit ihrer Schuldner zur Schuldentilgung überzeugt sind, verkaufen diese mit großem Abschlag, häufig für bloße fünf Prozent ihres Nennwertes. Die Käufer versuchen dann, einen Gewinn zu erzielen, indem sie die Schulden ganz oder teilweise bei den Schuldnern eintreiben. Der US-Anbieter von Studentenkrediten Sallie Mae hat zugegeben, umgeschichtete Schulden für nur 15 Prozent ihres Nennwertes zu verkaufen.

Um die Aufmerksamkeit auf die häufig schändlichen Praktiken der Schuldeneintreiber zu lenken, hat Rolling Jubilee kürzlich die Studentenkredite von 2.761 Studenten des Everest College vergeben. Everest College ist ein gewinnorientiertes Bildungsinstitut, dessen Muttergesellschaft Corinthian Colleges von der US-Regierung gegenwärtig wegen unlauterer Kreditvergaben verklagt wird. Das Kreditportfolio des Everest College war mit knapp 3,9 Millionen Dollar bewertet; Rolling Jubilee kaufte es für 106.709,48 Dollar, drei Prozent des Nennwertes.

Dies jedoch ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein in den USA sind die Studenten mit mehr als einer Billion US-Dollar verschuldet, das sind rund sechs Prozent des BIP. Und sie sind nur eine von vielen derart verschuldeten gesellschaftlichen Gruppen.

Konflikte zwischen Gläubigern und Schuldnern sind seit babylonischen Zeiten Gegenstand der Politik. Die Orthodoxie hat zu allen Zeiten die heiligen Rechte der Gläubiger hochgehalten; politische Notwendigkeit erforderte häufig eine Entlastung der Schuldner. Welche Seite gewinnt, hängt vom Umfang der Not der Schuldner und der Stärke der sich jeweils bekämpfenden Gläubiger- und Schuldnerkoalitionen ab.

Geistiges Zahlungsmittel in diesen Konflikten war immer die Moral. Die Gläubiger, die ihr Recht auf vollständige Rückzahlung geltend machen, haben so viele Hürden wie möglich für Zahlungsausfälle aufgebaut und beharren auf harten Sanktionen – Einkommenspfändungen und im Extremfall Inhaftierung oder sogar Sklaverei –, wenn Kreditnehmer ihren Schuldverpflichtungen nicht nachkommen. Von Regierungen, die sich im Rahmen von Kriegen verschuldet hatten, wurde erwartet, dass sie jährliche Tilgungsfonds zur Rückzahlung einrichteten.

Allerdings war die Moral nicht völlig auf der Seite der Gläubiger. Im Griechischen des Neuen Testaments bedeutet Verschuldung "Sünde". Doch obwohl es eine Sünde sein mag, sich zu verschulden, unterstützt Matthäus 6:12 eine Absolution: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." (Robert Skidelsky, DER STANDARD, 3.1.2015)

Robert Skidelsky ist Professor emeritus für Volkswirtschaft an der Warwick University. © Project Syndicate. Übersetzung: Jan Doolan

Share if you care.