IT-Freaks statt Drogenkiller in Mexikos Silicon Valley 

3. Jänner 2015, 17:00
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Aufgrund günstiger Lage und geringen Lohnkosten haben auch US-Konzerne ihre Produktion von China nach Querétaro verlegt

Querétaro: Mexikos Silicon Valley liegt zwei Stunden Fahrtzeit nördlich der Hauptstadt. Statt Aztekenpyramiden und Kakteen ragen gläserne Bürohochhäuser in die Luft, statt jugendlichen Drogenkillern mit Kalaschnikows trifft man dort in Werkshallen junge Nerds, die in entspannter Atmosphäre 3-D-Simulationen auf Flachbildschirmen analysieren.

Ingenieure und Computerfreaks, hochgebildet, kaufkräftig und ehrgeizig. Auf einer vielleicht 500 Quadratkilometer großen Fläche zwischen den Bundesstaaten San Luis Potosí im Norden und Puebla im Zentrum Mexikos, tummeln sich hier Weltkonzerne von Eurocopter bis Michelin, von Tetrapak bis Audi, von IBM bis Samsung.

Im Herzen des Industriegebiets liegt Querétaro, vor 20 Jahren ein beschauliches, koloniales Provinzstädtchen, inzwischen eine moderne Boomtown. Die Einwohnerzahl des Bundesstaates hat sich auf knapp zwei Millionen verdoppelt. Die Region wächst fast doppelt so schnell wie der Rest Mexikos, täglich ziehen 100 neue Menschen hierher; das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 26. Drogenkrieg ist kein Thema, und die sonst verbreiteten Gemetzel wirken hier wie von einem anderen Stern.

Das Erfolgsrezept

Das Geheimnis des Erfolgs? Marcelo López schmunzelt. Der Staatssekretär für nachhaltige Entwicklung des Bundesstaates gilt als einer der Macher und überdauert schon mehrere Provinzregierungen unterschiedlicher Parteicouleur. Für ihn sind drei Gründe ausschlaggebend: Die günstige Lage – die wichtigsten Häfen des Landes sind nicht mehr als 600 Kilometer entfernt, die Güterzugstrecke verläuft durch Querétaro, in neun Stunden ist man auf dem Landweg in den USA, der regionale Flughafen ist gut national und international angeschlossen.

Der zweite Grund ist die enge Vernetzung zwischen Bildung, Politik und Wirtschaft. "Die Firmen brauchen spezialisierte Arbeitskräfte", erläutert López. "Sie stellen zum Beispiel Lehrmaschinen zur Verfügung, wir erkennen die Ausbildung an und bilden die Brücke zu den Universitäten, die den Lehrplan erstellen." Dieses System stärkt gleichzeitig das staatliche Bildungssystem, dessen Absolventen die gefragtesten sind.

Und der Dritte ist eine effiziente Verwaltung. Querétaro steht nicht nur bei Transparenz und Lebensqualität im Vergleich der mexikanischen Bundesstaaten weit oben, sondern ist auch der zweitsicherste Standort des Landes nach der Touristenstadt Mérida auf der Halbinsel Yucatán. "Wer hierher kommt, will arbeiten. Wer sich anstrengt, kann aufsteigen. Und wer aufsteigt, gibt hier sein Geld aus, was wiederum den ganzen Service- und Dienstleistungssektor antreibt", resümiert López.

Leistungsbereitschaft

Was López nicht sagt, aber alle Arbeitgeber loben, sind die geringen Lohnkosten und die Leistungsbereitschaft der mexikanischen Arbeitnehmer. Hinzu kommt das "reshoring": Seit einigen Jahren verlegen besonders US-Konzerne ihre Produktion aus China wieder zurück nahe der Heimat. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, gestiegene Löhne in China ebenso wie Industriespionage, technische Probleme durch die große Entfernung zwischen Design und Fertigung oder die komplizierte Logistik.

Und nun, 20 Jahre nach seinem Abschluss, scheinen die vielen Freihandelsabkommen Mexikos, allen voran das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta), ihr volles Potenzial zu entwickeln. Ohne Zölle im- und exportieren zu können, ist für viele Investoren ein gewichtiges Argument, das für Mexiko und gegen Brasilien spricht.

Besonders als Standort für die Autoindustrie hat sich das Land bewährt – und im Juni zum allerersten Mal in seiner Geschichte Brasilien als größten Automobilhersteller Lateinamerikas überholt. Zwischen 2007 und 2013 legte die Produktion nach Angaben des Internationalen Automobilherstellerverbandes um 51 Prozent zu und liegt derzeit bei rund drei Millionen Einheiten jährlich.

2000 IT-Firmen

Auch andere Sektoren ziehen nach. Etwa die Bio- und die Informationstechnologie. Mehr als 2000 Firmen und 600.000 Beschäftigte zählt die IT-Sparte bereits. Oder die Luft- und Raumfahrtindustrie. In Querétaro haben sich Eurocopter und Bombardier niedergelassen, mit entsprechend spezialisierten Zuliefererbetrieben im Schlepptau.

Wie der Turbinenhersteller Safran, der dort den neuen Leap-Motor unter anderem für Boeing fabriziert. Die Auftragsbücher sind voll, bis in drei Jahren soll die Belegschaft verdoppelt werden. Hier kann man sich ein Bild davon machen, wie erfolgreiche Clusterbildung aussieht: Nebenan hat Bombardier seine Werkshallen errichtet, schräg gegenüber Eurocopter. Und der Flughafen ist in Sichtweite. Kürzer können Wege kaum sein. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

  • Ein Aquädukt aus dem 18. Jahrhundert ist das Wahrzeichen der mexikanischen Stadt Querétaro, in der es heute wirtschaftlich boomt
    foto: cc / leandro neumann ciuffo

    Ein Aquädukt aus dem 18. Jahrhundert ist das Wahrzeichen der mexikanischen Stadt Querétaro, in der es heute wirtschaftlich boomt

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