Das uneindeutige Heldentum der Ukraine

2. Jänner 2015, 17:11
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Im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine beschäftigt sich die Ausstellung "Helden - Eine Inventur" kritisch mit Nationalmythologie: Zwischen Lenin und Männern mit Bandura erweist sich Gemeinschaft als Feld sinnträchtiger Vereinfachungen.

Kiew - Der Genosse Lenin ist im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine allgegenwärtig. Man muss schon an einer Statue vorbei, wenn man überhaupt hineinwill in das Gebäude, das sich unweit des Maidan an der Hrushevskogo-Straße befindet, auf der vor einem Jahr so heftig gekämpft wurde, als der Aufstand gegen das Janukowitsch-Regime auf der Kippe stand. Und kaum hat man das Museum betreten, steht man schon wieder vor einer Skulptur des Führers der kommunistischen Oktoberrevolution, aus der die Sowjetunion hervorging.

In einer ukrainischen Ausstellung mit dem Titel Helden - Eine Inventur würde man Lenin so prominent nicht vermuten, aber nur so kann dieses Museumsprojekt seinem Untertitel wirklich gerecht werden: Inventur bedeutet ja nichts anderes, als Ordnung zu schaffen, Aktiva und Passiva aufzustellen, einen Zwischenstand zu notieren. Und zwar ohne etwas unter den Tisch fallen zu lassen.

Die Ukraine hatte 2014 ein schweres Jahr, in dem sich die Patrioten gern mit einem Ruf trösteten: "Slava Ukraini." Ruhm der Ukraine. Die Antwort folgt immer prompt: "Heroyam Slava." Ruhm den Helden. Der zweite Teil des Rufes wird häufig mit der ukrainischen Partisanenarmee assoziiert, die im Zweiten Weltkrieg eine Weile mit Deutschland zusammenarbeitete, weil die Sowjetunion als der größere Feind erschien. Mit dem Heldentum ist es also nicht auf eine wünschenswerte Weise eindeutig. Und auch davon handelt die mit dem Goethe-Institut gemeinsam produzierte Ausstellung, die auch eine kritische Übung in Nationalmythologie darstellt.

Von dem Genossen Lenin zeigt das Museum vor allem, dass die Bestände enorm sind. In einem Raum stapeln sich die Lenins förmlich, sechs Skulpturen, zwei Reliefs, vier, fünf Gemälde. Die Inventur ergibt, dass es um diese Figur einen Heldenkult gab, der erst dieser Tage auf vielen öffentlichen Plätzen ein Ende findet. Dort wird Lenin mit Verspätung demontiert, vom Sockel gestoßen. Doch wohin mit ihm? Im Museum gibt es jedenfalls so schon reichlich.

Lenin wird man nicht los

Lenin hat schon in der Geschichte der Sowjetunion eine ambivalente Rolle, häufig diente sein Kult als Gegengift gegen den Stalinismus und damit auch als Hoffnung, vom Kommunismus sei ein unschuldiger Anfang zu retten. In der Ukraine, die mit dieser Ausstellung auch akzeptiert, dass sie ohne die kommunistischen Jahre keine Nationalgeschichte schreiben kann, gilt das in ähnlicher Form: Das Trauma des organisierten Hungertods (Holodomor) wird mit Stalin verbunden. Die Zeit, in der Stalin ein Held war, spielt in dieser Inventur keine Rolle mehr. Lenin wird man hingegen nicht so leicht los.

Und in den tieferen Regionen der Geschichte? Die Ukraine hat ja gelegentlich Schwierigkeiten, sich als Nation plausibel zu machen, so stark waren ihre Geschicke immer eingebunden in die der Nachbarstaaten. Polen, Russland, Österreich, das Baltikum, lauter Machtfaktoren, zwischen denen die Ukraine lange Zeit tatsächlich eine "imagined community" war, wie man das in der Staatsforschung nennt. Für die Imagination sorgten die Sänger, und sie gelten deswegen auch als Helden.

Mit Folklore zum Hetmanat

Man geht durch die Ausstellung allmählich in die Vergangenheit, und wenn man die monumentalen Darstellungen des sozialistischen Realismus hinter sich gebracht hat, dann tauchen die Männer mit der Bandura auf, die von den Kosaken sangen und selbst häufig auch einen Speer dabeihatten, zum Zeichen ihrer Wehrhaftigkeit. Mit den Kosaken entwickelten sich im 16. Jahrhundert Formen von Staatlichkeit, mit einem Hetman an der Spitze, sodass es im 20. Jahrhundert vor dem Sieg des Kommunismus kurz noch einmal ein Hetmanat in Kyiv geben konnte. Das konnte schon viel Folklore voraussetzen, um sich zu legitimieren.

Die große Zeit der nationalen Selbsterfindung ist auch in der Helden-Ausstellung das 19. Jahrhundert, das mit dem Dichter Taras Shevshenko auch die bedeutendste Integrationsfigur hervorbrachte. Er wird in einem markanten Bild gezeigt, wie er nicht selbst spricht, sondern auf einem Schiff unter einfachen Leuten sitzt und einem Geiger zuhört, der gerade aufspielt.

Dichtung kommt also nicht nur von innen, sie setzt auch fort, was schon da ist, sie stellt einen Traditionsprozess dar. Der Fluss ist der Dnipro, die Lebensader der Ukraine, oder auch die Sollbruchstelle.

Das sinnierende Gesicht von Taras Shevshenko weist übrigens eine merkwürdige Ähnlichkeit auf: Wenn man nicht genau hinsieht, könnte man meinen, hier wäre Lenin zu sehen. So ist das eben mit Heldendarstellungen: Sie vereinfachen. Mit ihrer Anordnung von Vereinfachungen bietet die Ausstellung Helden - Eine Inventur einen exzellenten Einblick in die Fabrikation eines Nationalgefühls, das sich dabei als äußerst komplex erweist. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

Bis 29. März

  • Der Kosake als wehrhafter Vorreiter: Das Gemälde "Kosak der Bandura-Spieler" (Mitte des 19. Jh.) stellt in der Schau "Helden - Eine Inventur" eine frühe Integrationsfigur der Ukraine dar.
    foto: nationales kunstmuseum ukraine

    Der Kosake als wehrhafter Vorreiter: Das Gemälde "Kosak der Bandura-Spieler" (Mitte des 19. Jh.) stellt in der Schau "Helden - Eine Inventur" eine frühe Integrationsfigur der Ukraine dar.

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