Jakob Kolding: Kopflose Schatten und Medusenhäupter

2. Jänner 2015, 17:25
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Der Däne collagiert Fabeln aus dem Fundus der Kulturgeschichte: "Masquerades" in der Galerie Martin Janda

Die Krone ist weg - und mit ihr auch die Würde. Das passiert, wenn man Bäumen die Köpfe absägt, ihnen die Blätterpracht, den Schmuck der feinen Äste, raubt. Übrig bleiben armselige Stümpfe, Gerippe, wie sie Jakob Kolding in der Galerie Janda aufgestellt hat. In ihrer stilisierten Form ähneln sie Krücken, die dem Taumelnden durch die Welt helfen. Eine trügerische Vorstellung allerdings, denn auch sie bedürfen einer Stütze. Die lebensgroße Figurengruppe, zu der die Bäume gehören, sind lediglich Vorderseiten, mit Koldings Collagen bedruckte Schichtholzplatten. Es ist also eine flache Welt, eine der bildlichen Illusion und der Kraft der Vorstellung, in die uns der 1971 geborene dänische Künstler einlädt.

Kopflos sind in dieser bühnenartigen, im Durchschreiten zu erfahrenden Kulisse jedoch nicht nur die Bäume, sondern auch ein Anzugträger. Er sucht zu verhindern, dass ihm neben dem Hirn nicht auch noch das Beinkleid abhanden kommt. Die fetten Jahre sind vorbei, jetzt rutschen die zu weit gewordenen Hosen und drohen der prekären Situation noch eine Prise Armseligkeit zu verleihen. An (s)einem Schädel macht sich unweit davon ein Rabe zu schaffen. Zwar gilt der schwarz Gefiederte insbesondere in der nordischen Mythologie als weiser Vogel, auch mit Erneuerung und Mystik wird er in Verbindung gebracht, aber das christianisierte Europa sah in den Krächzern eher böse Tiere, und so steht er in der westlichen Literatur für das Dunkle. Auch bei Edgar Allen Poe, eine literarische Referenz Koldings, ist The Raven der Todesbote.

Aber wie soll man diese Gruppe lesen? Die Frau mit dem zweiten Gesicht, die ebenjene Schuhe am Senkel spazieren führt, die dem bloßfüßigen, antik gewandeten mit der Baseballcap zu fehlen scheinen? Oder der nächste Kopflose, dem stattdessen eine Voodoopuppe aus dem Nacken erwächst? Inmitten all der Rätselhaftigkeit sitzt mit eindringlichem Blick - die weise Eule.

Hinweise gibt Kolding keine. Inspirieren kann bei der Suche nach Bedeutung nur das Wissen, dass der formal den dadaistischen und surrealistischen Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts nahestehende Künstler stark mit literarischen Quellen operiert. Aber auch filmische Einflüsse sind wichtig, wie Filmzitate aus Hiroshima mon amour oder Letztes Jahr in Marienbad in seinen Collagen bezeugen.

Früher, insbesondere in den Arbeiten, die die soziale Utopie der modernen Architektur kritisch reflektierten, war Kolding expliziter, fügte Textelemente in die Kompositionen ein. Aber gerade die führten zu Missinterpretationen. "Mit den Texten hatte ich Angst, nicht deutlich genug zu sein. Nun ist es mein Ziel, nicht klar und eindeutig zu sein", erklärte der Künstler einmal.

Die Konsequenz ist also eine noch größere Offenheit. Kolding nährt und collagiert sie aus einem breiten Fundus stilistischer, kulturgeschichtlicher und inzwischen auch popkultureller Versatzstücke. Die Referenzen sind ihm als Bedeutungsträger wichtig, trotzdem will er dem Betrachter die Suche nicht er-sparen.

Als Schatten hat Kolding die suggestive, aber doch abstrakte Form seiner Figuren einmal beschrieben. Als Wegweiser durch sein verschattetes Fabelreich fungiert nun der Ausstellungstitel Masquerades; eine Deutungshilfe für theatrale Posen und Gesten, die man unweigerlich ins Heute übersetzt. Der Rabe, das Zebra - freiwillige oder gesellschaftlich aufgezwungene Maskierung? (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 3.1.2015)

Bis 10. 1. 2015 (wieder ab 7. 1. geöffnet)

Galerie Martin Janda

Eschenbachgasse 11, 1010 Wien

  • Vieldeutig und faszinierend sind die Kulissen, die Jakob Kolding baut: "Masquerades" ist der Titel der Ausstellung in der Galerie Janda, der dem Bedeutungssuchenden als Krücke dient.
    foto: markus woergoetter

    Vieldeutig und faszinierend sind die Kulissen, die Jakob Kolding baut: "Masquerades" ist der Titel der Ausstellung in der Galerie Janda, der dem Bedeutungssuchenden als Krücke dient.

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