Führerlose Frachter als neuer Schleppertrend

2. Jänner 2015, 17:12
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Die EU-Grenzagentur sieht einen "neuen grausamen Trend" von Schlepperorganisationen

Rom - Die italienische Küstenwache ist erneut hunderten Flüchtlingen auf einem führerlosen Frachter im Mittelmeer zu Hilfe geeilt. Die Einsatzkräfte brachten die unter der Flagge Sierra Leones fahrende Ezadeen am Freitag nach eigenen Angaben unter Kontrolle. Das führerlose Schiff mit etwa 450 Migranten an Bord sollte in den Hafen der kalabrischen Küstenstadt Crotone geschleppt werden.

Es ist bereits das zweite Mal innerhalb weniger Tage, dass ein Flüchtlingsschiff ohne Besatzung vor der Küste des Landes im Mittelmeer entdeckt wurde. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex bezeichnete das Phänomen dieser Schiffe, auf denen Flüchtlinge ohne Besatzung ihrem Schicksal überlassen werden, als "neuen Grad der Grausamkeit" der Schlepper.

Bereits ausgemustert

"Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters", sagte Frontex-Sprecherin Ewa Moncure in Warschau. Schon immer seien die internationalen Schlepperbanden rücksichtslos und menschenverachtend gewesen und hätten den Tod von Flüchtlingen auf Booten von Afrika nach Europa in Kauf genommen. "Wenn ein nicht seetüchtiges Schiff, das völlig überladen ist, in Seenot gerät, haben die im Lagerraum eingeschlossenen Menschen keine Chance." Der Schmuggel von Flüchtlingen sei ein "Multimillionengeschäft" . Für die Schmuggler lohne sich die Rechnung, wenn ein bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde.

Für Viehtransport

Die Ezadeen sollte laut Nachrichtenagentur Ansa von einem isländischen Schiff der EU-Grenzschutzmission Triton abgeschleppt werden. Der Frachter trieb manövrierunfähig auf die Küste Italiens zu, nachdem ihm der Sprit ausgegangen war. Den Flüchtlingen sei es gelungen, einen Not- ruf abzusetzen, woraufhin Italiens Küstenwache am Donnerstagabend einen Rettungseinsatz startete. Ein Hubschrauber der Küstenwache brachte mehrere Einsatzkräfte an Bord des Schiffes, darunter auch einige Ärzte. Der 1966 gebaute Frachter ist normalerweise für Viehtransporte vorgesehen und sollte den französischen Mittelmeerhafen Sete ansteuern.

Nach Angaben des Schiffsinformationsdienstes Marine Traffic war der letzte bekannte Hafen, in dem der Frachter Mitte Dezember angelegt hatte, Famagusta in Nordzypern. Als vorheriger Hafen wurde offiziell Tartus in Syrien angegeben.

Ähnliches in der Nacht auf Mittwoch

Erst in der Nacht auf Mittwoch waren fast 800 Bootsflüchtlinge auf einem führerlosen Frachter vor Süditalien nur knapp einer Katastrophe entgangen - der Standard berichtete. Die mutmaßlichen Menschenschlepper auf dem Frachter Blue Sky M hatten die Steueranlage des Schiffes so eingestellt, dass es auf die felsige Südküste Italiens zusteuerte - und die 796 Flüchtlinge an Bord sich selbst überlassen. Die griechische Küstenwache hatte das Schiff nach einem Notruf nur oberflächlich überprüft. Die italienische Küstenwache schickte jedoch einen Hubschrauber los. Den Einsatzkräften gelang es in letzter Minute, das Schiff auf einen sicheren Kurs und in den Hafen Gallipoli zu bringen.

Rätsel um Fährunglück

Insgesamt haben damit in der abgelaufenen Woche drei Schiffe in Seenot die italienische und griechische Küstenwache in Atem gehalten. Auf der Fähre Norman Atlantic war vergangenen Sonntag ein Feuer ausgebrochen. Mindestens elf Passagiere kamen ums Leben, zwei Seeleute starben durch einen Unfall bei der Bergung des Schiffes. In einer anderthalbtägigen Rettungsaktion konnten 477 Menschen von dem ausgebrannten Schiff geborgen werden, darunter auch fünf Österreicher.

Die italienischen Behörden gehen jedoch davon aus, dass mindestens 499 Menschen an Bord waren, darunter möglicherweise Flüchtlinge und andere blinde Passagiere. Darüber hinaus dürfte es unterschiedliche Passagierlisten gegeben haben. Im Hafen der süditalienischen Stadt Brindisi wollen die Ermittler das Wrack nun nach möglichen weiteren Todesopfern durchsuchen.

Der ermittelnde Staatsanwalt von Bari, Giuseppe Volpe, vermutet, dass sich zu viele Lkws und Autos auf Deck vier befanden, auf dem der Brand ausgebrochen war. Schiffskapitän Argilio Giacomazzi behauptete außerdem, dass das griechische Fährunternehmen Anek auch zu viele Menschen an Bord gelassen habe. (red, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

  • An Bord des Frachters Blue Sky M befanden sich fast 800 Flüchtlinge. Die Crew  hatte das Schiff mit einem kleinen Boot verlassen und die Steueranlage so  eingestellt, dass es auf die felsige Südküste Italiens zufuhr. Im letzten Moment  konnte die Küstenwache die Kontrolle übernehmen.
    foto: reuters

    An Bord des Frachters Blue Sky M befanden sich fast 800 Flüchtlinge. Die Crew hatte das Schiff mit einem kleinen Boot verlassen und die Steueranlage so eingestellt, dass es auf die felsige Südküste Italiens zufuhr. Im letzten Moment konnte die Küstenwache die Kontrolle übernehmen.

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