Ein öffentliches Sterben

Kolumne2. Jänner 2015, 17:07
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Hundert Jahre Einsamkeit am Stefanitag

Mit Weihnachten assoziiert man Zusammenrücken und Besinnung auf sogenannte Werte, man feiert immerhin die Geburt eines Messias, der Nächstenliebe predigt. In der Theorie.

In den Weihnachtstagen 2014 sah diese Nächstenliebe so aus, dass ein Mann um zwei Uhr früh im Lift der U-Bahn-Station Volkstheater vermutlich mit einem Infarkt zusammenbrach und dort liegengelassen wurde, bis es zu spät war und er mit Herzversagen verstarb. Sein Leben wurde mutwillig, mitleidlos, egoistisch, menschenunwürdig und sozial betrachtet inakzeptabel nicht nur riskiert, sondern geradezu verheizt: Die Kamera des Liftes, in dem dieser Mann die letzten fünf Stunden seines Lebens verbrachte, zeigt regelmäßig Passanten, die über den Liegenden steigen, den Lift benützen und wieder verlassen, ohne sich um ihn zu kümmern. Ohne ihn zu fragen. Ohne den Notruf zu betätigen, um zumindest das Personal aufmerksam zu machen. Ohne die Rettung zu verständigen.

Das ist ein Skandal und ein tragisches Versagen jeder Zivilcourage. Eine Gesellschaft, die solches Handeln ungesühnt lässt, wird bald sehen, wohin sie damit kommt. Was dieser Mann, der offensichtlich nicht einmal mehr um Hilfe bitten konnte, wohl in seinen letzten Stunden gefühlt hat, zwischen kühlem Metall des Liftbodens und dem Glas der Kabine liegend? Vielleicht wartete jemand auf ihn. Vielleicht wollte er sich verabschieden. Vielleicht hatte er Angst.

Diese Angst sollte eigentlich jeder kennen, der schon einmal von seinen Kräften verlassen wurde, ernsthaft erkrankt war. Was geht in Menschen vor, die über einen Sterbenden hinwegsteigen, um den Aufwärts- oder den Abwärtsknopf zu betätigen, neben ihm auf das Öffnen der Türe zu warten und dann ihrer Wege zu gehen? Am Stefanitag oder auch an jedem anderen Tag? Vielleicht: "Ein Sandler. Mir doch egal."? Zuallererst: Liegt jemand in der U-Bahn am Boden, läuft er schnell Gefahr, für einen Alkoholiker, Drogensüchtigen, Obdachlosen gehalten zu werden. Schlimm.

Noch schlimmer: Was macht es eigentlich verzeihbarer, einen Obdachlosen, Alkoholiker oder Drogensüchtigen dem Tod zu überlassen? Auch das ist pure Menschenverachtung, die so abscheulich wie untragbar ist. Niemand hat das Recht, dem inneren Schweinehund zu gehorchen. Wer weitergeht, der ist zu weit gegangen. ( Julya Rabinowich, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

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