Ein Funken Wärme der "Krone"

3. Jänner 2015, 08:15
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Wenn es gilt, Kinder für die Aktion "Ein Funken Wärme" der "Krone" einzuspannen, sieht man dort tolerant über religiöse Bekenntnisse hinweg

Um die Weihnachtszeit hat Wohltätigkeit Hochsaison. Alljährlich rankt sich Österreich zum Spendenweltmeister empor, ohne dass die Welt davon gebührend Notiz nimmt, und die Wohltäter drängen sich in die Medien, auf dass von ihnen nur ja Notiz genommen werde. In aller christlichen Demut, wie sich von selbst versteht. Als besonders wohltuend ist heuer der Herausgeber der "Kronen Zeitung" aufgefallen, weil er nicht nur die Kindlein zu sich kommen ließ, sondern überhaupt gleich Licht ins Dunkel internationaler Machenschaften zu bringen versuchte. Wie berichtet, hat er dem Präsidenten des Europäischen Parlaments einen Scheck mit mehr als 600.000 Unterschriften gegen das Freihandelsabkommen mit den USA überreicht, eine Wohltätigkeitsaktion von welthistorischer Dimension, die daher eine Woche nach dem Ereignis im Blatt ein zweites Mal fotografische Würdigung erfuhr. Da sich die Verhandlungen über besagtes Abkommen noch eine Weile hinziehen dürften, ist mit weiteren Wiederholungen zu rechnen.

Ein anderer Auftritt des Herausgebers kann erst in einem Jahr wiederholt werden. Im Wiener Pressehaus, dem Stammsitz Ihrer "Krone", wimmelt es seit zwei Wochen nur so vor Christbäumen. Wenn es im Stammsitz Ihrer "Krone" vor Christbäumen nur so wimmelt, kann es sich nur um Stilblüten vom Stamme derer von Dichand handeln. Es war nämlich so: Auch dieses Jahr haben wieder viele Schulen und Kindergärten ihren Kindern die Möglichkeit geboten, Christbäume zu malen - auch sehr viele muslimische Kinder haben sich an der Aktion beteiligt.

Wenn es gilt, Kinder für die Aktion "Ein Funken Wärme" der "Krone" einzuspannen, sieht man dort tolerant über religiöse Bekenntnisse hinweg, die in anderen Teilen des Blattes verkaufsfördernd als Bedrohung des Abendlandes dargestellt werden. Aber solange muslimische Kinder christliche Gebräuche in Bildern festhalten und nicht christliche Kinder zu Zeichnungen von Moscheen angehalten werden, ist die Welt des "Krone" -Herausgebers in Ordnung - eine Welt, in der er sich, von Christbäumen umwimmelt, gerne als Wohltäter abbilden lässt. Denn hat ein Kind kein eigenes Geld, sondern nur malerisches Talent, dann passiert 's, dass sein Kunstwerk in bare Münze verwandelt wird, dafür sorgt "Krone" -Herausgeber Dr. Christoph Dichand. Für jede Zeichnung geht ein Euro direkt auf das Spendenkonto für "Ein Funken Wärme", womit er sich angesichts seiner Vermögensverhältnisse eher als Schnorrer denn als großzügiger Wohltäter erweist. Danke, liebe Kinder!

Da ging es doch ein paar Seiten weiter hinten schon großzügiger zu. Es spendete Ihr Kardinal Christoph Schönborn ein herzliches Vergelt 's Gott. Ihnen allen, die Sie auch heuer wieder einen Funken Wärme geschenkt haben. Die gemeinsame Aktion von Caritas und "Kronen Zeitung" offenbart, dass aus einem kleinen Funken ein leuchtendes Lichtermeer werden kann. Die Berichterstattung der "Kronen Zeitung" offenbarte hingegen nur, dass "Ein Funken Wärme" die Weihnachtsaktion der "Krone" ist, die gewissermaßen als Zwischenhändlerin auftritt, die Spenden entgegennimmt und weiterreicht.

Nicht zuletzt in Gestalt von - Dr. Christoph Dichand, der abgelichtet erscheint bei der Übergabe eines symbolischen Schecks aus der Hand von RZB-Generaldirektor Dr. Walter Rothensteiner. Bei dieser Gelegenheit sagt der Generaldirektor folgendes Sprücherl auf: "Es ist das Selbstverständnis Raiffeisens, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Soziales Engagement ist uns seit unserer Gründung im 19. Jahrhundert ein Anliegen. ,Ein Funken Wärme' steht für unmittelbare Hilfe genau zur rechten Zeit. Wir unterstützen diese Aktion daher sehr gerne." Brav!

Der Empfänger, eben Dr. Christoph Dichand, nimmt, wie das Foto zeigt, die unmittelbare Hilfe genau zur rechten Zeit mit eher ungerührter Miene entgegen, wobei offen bleibt, warum der RZB-Generaldirektor die unmittelbare Hilfe nicht gleich unmittelbar der Caritas zuteil werden lässt, sondern dem "Krone"-Chefredakteur Dr. Christoph Dichand eine Chance als Mittelsmann gibt.

Vermutungen über den Grund für diesen Umweg lassen sich anstellen. Vielleicht legt dieser wie bei den wimmelnden Christbäumen einen Euro drauf. Oder die Welt hätte sonst nie erfahren, dass es das Selbstverständnis Raiffeisens ist, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Das weiß sogar ein Pröll. (Günter Traxler, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

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