Eine kleine Geschichte der Fälschung

5. Jänner 2015, 10:08
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Von Michelangelo über Konrad Kujau bis Wolfgang Beltracchi: Mit teils raffinierten, teils simplen Methoden erschaffen Fälscher jene Werke, die Sammler und Händler begehren

Es gibt Schätzungen, wonach 50 Prozent des weltweiten Kunstbestandes gefälscht seien. Tatsächlich ist eine realistische Zahl nicht ermittelbar. Denn die Mehrheit der Plagiate wird aufgrund der Nähe zum Original oder zu stilistisch vergleichbaren authentischen Werken gar nicht erkannt. Die ersten namhaften "Fälscher" brachte die Renaissance hervor, unter ihnen war Michelangelo der talentierteste. Bereits in seiner Lehrzeit schuf er Kopien, die nicht mehr von Originalen zu unterscheiden waren: Zeichnungen, deren Papier er färbte, räucherte und verschmutzte.

Legendär auch das Bubenstück mit seinem schlafenden Amor, einer im antiken Stil gestalteten Skulptur. Lorenzo de' Medici war begeistert, im Vergleich zu den tatsächlich antiken Figuren seiner Kollektion bemängelte er einzig die Helligkeit des Marmors. Also wurde der Amor in saurer Erde vergraben, wo er innerhalb kürzester Zeit um eineinhalb Jahrtausende alterte. Lorenzo ließ die Skulptur über einen Kunsthändler an einen Antikensammler verkaufen. Der Schwindel wurde letztlich entdeckt, der Kniff mit der Patinierung ist allerdings bis heute Usus.

Bei Gemälden sind andere Tricks im Spiel, wobei hier gilt: je geringer der Aufwand der Fälscher, desto leichter die Enttarnung. Neue Leinwände werden oftmals auf der Rückseite oder an den Rändern mit braunen Lasuren eingefärbt. Eine visuelle Alterung, die für jeden Restaurator mit freiem Auge erkennbar ist. Bei altem Gewebe gilt es andere Faktoren zu berücksichtigen, etwa ob das Bild ein für sein Alter "typisches" Krakelee aufweist. Dieses maschenartige Netz von Rissen oder Sprüngen auf der Oberfläche kann jedoch künstlich herbeigeführt werden: mit einem im Bastelbedarf erhältlichen Lack oder durch temperiertes "Backen" im Ofen.

Die künstliche Alterung in einem Trockenofen ist eine der gängigsten und war auch die von Meisterfälschern wie Han van Meegeren oder Wolfgang Beltracchi genutzte Methode. Beide hatten übrigens die zur Datierung der Fälschung passenden alten Leinwände verwendet, dazu mit Grundierungen oder Härtemitteln experimentiert sowie Farben und Bindemittel teils selbst hergestellt. Beltracchi flog nur deshalb auf, weil ein niederländischer Farbenproduzent einen winzigen Titan-Anteil im Zinkweiß nicht auf der Tube deklariert hatte: ein Pigment, das zum Zeitpunkt der Entstehung eines untersuchten Gemäldes noch gar nicht existierte.

Naturwissenschaftliche Methoden, etwa Pigment- oder Infrarotanalysen, helfen mittlerweile bei der Beurteilung der Echtheit. Auch wenn solche technologischen Gutachten an Bedeutung gewinnen, bleibt ein Restrisiko, Falsifikate zu übersehen. Hätte Konrad Kujau für "seine" Hitler-Tagebücher, die er 1983 für 9,3 Millionen D-Mark an den Stern verkaufte, etwa altes Papier verwendet, dann wäre der Nachweis der Fälschung technologisch nicht möglich gewesen.

Auch van Meegerens Enttarnung hatte einen anderen Grund: Er hatte Hermann Göring einen vermeintlichen Vermeer verkauft - ein Verstoß gegen die niederländischen Ausfuhrbestimmungen, die ihm als Kollaboration mit dem Feind ausgelegt worden wäre. Um der drohenden Todesstrafe zu entgehen, gestand er die Fälschungen ein. Die der Lächerlichkeit preisgegebenen Experten wollten ihm nicht glauben, weshalb er zum "Beweis" seiner Schuld unter Aufsicht einen weiteren Vermeer malen musste. (kron, DER STANDARD, 3.1.2015)

  • Beispiel einer "künstlichen" Patina: Der Fälscher trug braune Lasur auf, darunter kommt die neue Grundierung zum Vorschein.
    foto: kronsteiner

    Beispiel einer "künstlichen" Patina: Der Fälscher trug braune Lasur auf, darunter kommt die neue Grundierung zum Vorschein.

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