Das Comeback der Theologie im Westen

3. Jänner 2015, 12:00
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Immer öfter steht der Westen unter dem Druck aggressiver Glaubensvertreter, die ihre Vorstellungen gegen den Staat durchsetzen wollen

Der Weihnachtsbaum vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris kam in diesem Jahr aus Russland. Für den Botschafter Igor Tkatsch stellte er ein "Symbol der Einheit unter den christlichen Völkern" dar, man könnte aber auch pragmatischer von nackter Interessenspolitik sprechen, die sich unter grünen Zweigen tarnt.

Dass Religion ein wichtiger Faktor des neuerdings wieder recht imperialen russischen Selbstverständnisses ist, hat Präsident Putin kürzlich mit einem Vergleich deutlich gemacht: Die Krim, so sagte er anlässlich einer Rede an die Nation, ist "unser Tempelberg", ein Ort von "großer sakraler Bedeutung". Wer immer diesen Passus in die Rede geschrieben hat, war auf eine fiese Weise genial. Denn nicht nur wurde der Annexion damit ein religiöser Segen gegeben, der Ball wurde auch zurück in den Westen gespielt. Denn mit der Erwähnung des Tempelbergs in Jerusalem geht auch eine Unterstellung einher, die in etwa so lautet: Wer hat denn angefangen mit dieser Verbindung zwischen Glauben und Gebietsansprüchen, zwischen Auserwählung und Verdrängung? Es waren die Juden oder Hebräer, deren Exodus in ein Gelobtes Land übrigens in einem großen Bibelfilm gerade wieder einmal neu erzählt wird.

Universell, aber bewusst ohne Konsequenz

Der amerikanische Regisseur Ridley Scott bemüht sich dabei allerdings sichtlich darum, die heiklen Aspekte der Geschichte zu vermeiden. Sein Blockbuster Exodus: Götter und Könige, derzeit in österreichischen Kinos, nimmt zwar eindeutig Partei für den hebräischen Führer Moses und gegen das einigermaßen dekadent gezeichnete Ägypten, lässt diesen Moses dann allerdings die ganze Zeit mit seinem Gott diskutieren und endet mit einem Bild des Volkes Israel in der Wüste. Die Ankunft in Kanaan, das ja schon bevölkert war und erobert werden musste, lässt Scott wohlweislich aus. Man kann an Exodus sehen, dass auch ein anscheinend naiver Unterhaltungsfilm sehr genau darauf bedacht sein muss, was er erzählt und was nicht, und das hat wiederum mit seinem Publikum zu tun: Es ist die globale Öffentlichkeit in ihrer Gesamtheit.

Daraus ergibt sich eine interessante Konsequenz, denn Scott erzählt von einer der ältesten biblischen Geschichten gleichsam eine universalistische Version, eine, die nicht mehr einem bestimmten Volk gehört oder einer bestimmten Konfession, sondern der (mit 3-D-Brillen ausgestatteten) Menschheit. Die Gottesfrage muss er dabei geradezu überdeutlich offenhalten, und trotzdem gerät Exodus mitten in die Auseinandersetzungen der Gegenwart.

Umkehrung einer langen Entwicklung

Denn 2014 wird uns auch als Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die politische Theologie ein unheimliches Comeback erfahren hat. Nicht, dass sich vieles nicht schon lange in diese Richtung entwickelt hätte. Aber das Bestreben des "Islamischen Staates", ein Kalifat zu errichten, die Agitation orthodoxer Juden für die Wiedererrichtung eines Tempels auf dem Areal, auf dem heute der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee stehen, die Sakralisierung russischer Gebietsansprüche durch Putin, in vielerlei Hinsicht auch die staatszerstörerischen Ziele der amerikanischen religiösen Rechten weisen alle in die gleiche Richtung: Gläubige beanspruchen nicht nur gesellschaftliche Freiräume für ein Leben nach ihren Überzeugungen, sie beanspruchen auch konkrete Räume, sie treten in Konkurrenz zu staatlichen Autoritäten und wollen sich (wieder) an deren Stelle setzen.

Die Umkehrung oder auf jeden Fall Verlangsamung einer historischen Entwicklung, die Heinrich-August Winkler in seiner großen, mit dem in zwei Wochen erscheinenden vierten Band abgeschlossenen Untersuchung über die Geschichte des Westens mit einem geopolitischen Großbegriff versehen hat, ist allenthalben spürbar. Der Westen als Raum individueller Freiheiten steht unter Druck, wird als dekadent diskreditiert, und bekommt nun in Gestalt einer "Bewegung" wie Pegida auch noch eine innere Opposition, die so tut, als könnte man mit einem Protest gegen "Islamisierung" gleich auch noch die Menschenrechte renationalisieren.

Die Bedürfnisse blieben

Dass die sächsischen Systemgegner sich auch ein religionskritisches Mäntelchen umhängen, ist kein Zufall und hat zutiefst mit den inneren Spannungen des Projekts der Aufklärung selbst zu tun. Denn die Überwindung der Religion hatte immer ein doppeltes Gesicht. Das eine betraf die Wahrheitsfrage im strengen Sinn und führte zu letztlich unentscheidbaren Debatten darüber, welchen Sinn eine Vokabel wie Gott macht oder ob es tatsächlich so etwas wie göttlich diktierte Wahrheit in heiligen Büchern geben kann, die ja doch nur in konkreter, zeitbedingter Sprache abgefasst werden können. Die Erfahrung von Geschichtlichkeit erwies sich auf dieser Ebene als entscheidend für eine allmähliche Emanzipation von religiöser Autorität.

Die andere wesentliche Facette der Religionskritik erwies sich als die für eine heutige Kritik der politischen Theologie wichtigere: Sie beschäftigte sich mit den Funktionen von Religion, zuerst einmal eher vor allem ideologiekritisch (Religion als "Opium des Volkes"), später aber mit einem zunehmenden Verständnis für bestimmte Bedürfnisse, die nach dem "Tod Gottes" (um eine der berühmtesten, aber auch missverständlichsten religionskritischen Parolen zu bemühen) ja auch weiterhin vorhanden waren. Die entsprechenden Stichworte lauten Letztbegründung, Handlungsmotivation und zunehmend auch wieder Gemeinschaft.

Gestritten wird wegen Gott

Wenn man sich ein wenig umsieht, wie eine heutige Religionskritik aussehen könnte, die in der Lage ist, auf die Realitäten multikultureller Gesellschaften und damit zusammenhängende Identitätsbedürfnisse einzugehen, die aber auch in der Lage ist, den "Gebietsansprüchen" der neuen Orthodoxien etwas entgegenzusetzen, wird man eher in Bereichen fündig, die im weitesten Sinn in das Feld der Selbstkritik der Aufklärung fallen. Dazu zählt an besonders prominenter Stelle ein Buch, das der 2013 verstorbene amerikanische Philosoph Ronald Dworkin hinterlassen hat: Religion ohne Gott plädiert für ein Wirklichkeitsverhältnis, das einen breiteren Konsens auf sich vereinen könnte, als die großen Religionen dies heute noch schaffen. Man könnte durchaus zuspitzen: Nach Dworkin ist Gott das entscheidende Problem der Religion. Gestritten wird wegen Gott, während die Religion, die er skizziert, eigentlich überwältigende Zustimmung finden müsste.

Dworkin geht von einer Grundannahme seines beeindruckenden philosophischen Großentwurfs aus, den er in anderen Büchern wie der 2012 auf Deutsch erschienenen Summe Gerechtigkeit für Igel umfänglicher dargelegt hat: dass das Leben von Werten geprägt ist. Das ist für Dworkin unhintergehbare Tatsache, mit der er die Probleme der Erkenntnistheorie (ist da draußen etwas?) gleichsam moralisch aushebelt. Denn er geht davon aus, dass unseren Annahmen immer schon Werturteile zugrunde liegen. Und wenn dem so ist, dann macht es keinen Sinn, sich für das Werturteil zu entscheiden, dass alles nur undurchdringliche Materie ist.

Mit oder ohne Bart

Zwei Schritte der Anerkennung braucht es vor diesem Hintergrund dann noch zu einer im vollen Sinne religiösen Einstellung: Sobald man einsieht, dass es einen "intrinsischen Sinn des Lebens" und eine "intrinsische Schönheit der Natur gibt", ist man religiös. Man hat damit aber auch schon genug, denn die Fragen, ob ein personaler Gott (mit oder ohne Bart) das Universum geschaffen hat, führen eigentlich schon wieder vom Thema weg.

Stattdessen interessiert Dworkin sich für die praktischen Implikationen seiner Religion. Hier gelangt er zu einer Pointe mit weitreichenden Konsequenzen. Er meint nämlich, dass es eigentlich keines speziellen Rechts für Religionen bedürfte. Stattdessen fielen religiöse Äußerungen unter ein allgemeines Recht auf "ethische Unabhängigkeit", also darauf, sich individuell mit seinen Überzeugungen auszudrücken. Im Kopftuchstreit fällt Dworkin damit auf die Seite derer, die für ein Verbot keine ausreichenden Gründe sehen. Und in der Frage der Abtreibung gebietet die ethische Unabhängigkeit eine liberale Position.

Es ist unübersehbar, dass Dworkin nach einem "common ground" sucht, auf dem sich Gläubige und Religiöse künftig treffen könnten. Es ist ein Grund, der von der praktischen Philosophie bestellt wird. Wir sind verbunden durch den Anspruch, aus unserem Leben jeweils das Beste zu machen, und zwar vor dem Hintergrund einer schönen, sinnvollen, ja erhabenen Natur. Sein Buch ist ein Indiz dafür, dass eine heutige Religionskritik eher in ein Gespräch mit aufklärerischen Tendenzen innerhalb der Glaubensgemeinschaften tritt, als diese von au ßen mit der Maximalforderung zu konfrontieren, endlich von ihren rückständigen Überzeugungen abzurücken.

Fundamentalismen entschärfen

Das war letztendlich einer der Schwachpunkte der inzwischen sogenannten "Neuen atheistischen Debatte", die der kanadische (christliche) Politologe Phil Ryan in seinem nützlichen Buch After the New Atheist Debate zusammengefasst und in die Grenzen der gemeinsamen Zuständigkeit für das Zusammenleben gewiesen hat. Tatsächlich war bei einem Bestseller wie Der Gotteswahn von Richard Dawkins die Grenze zwischen Argument und Polemik immer wieder fließend, und Ryan arbeitet geduldig heraus, dass die Positionen der militanten Religiösen und der eifernden Atheisten (von Christopher Hitchens bis Michel Onfray oder Daniel Dennett) einander vielfach spiegeln.

Seine eigene Position ist dann im besten Sinne moderat und kritisch gegenüber Absolutheitsansprüchen insgesamt. Nicht, weil es in modernen Gesellschaften keine Wahrheitsfragen mehr geben kann, sondern weil diese oft nicht zu unserem konkreten Verhalten passen. Ryan meint, dass die Menschen sich heute durch verschiedene "Eckpunkte" ("touchstones") leiten lassen, dazu zählen übernommene Einsichten, vertrauenswürdige Figuren und das oft beschworene "Bauchgefühl". Man wird diesem Umstand nicht gerecht, wenn man dagegen einen missionarischen Rationalismus oder eine "wissenschaftliche" Ethik hält, wie sie Sam Harris in The End of Faith vertritt.

Die Moderne oder der Westen, um es anders zu sagen, hätten im Grunde in ihren Verfahrensweisen genügend Potenzial, um sich auf die wichtigste Aufgabe der Religionskritik zu konzentrieren: Fundamentalismen zu entschärfen und Rahmenbedingungen für eine Welt zu schaffen, in der es "ein wenig leichter ist, gut zu sein", wie Ryan dies als Fazit seines Buches benennt.

Ein schwaches Fundament

Doch gerade dieser Selbstbeschränkung wegen steht das Projekt der Aufklärung nun wieder stärker in der Kritik einer politischen Theologie, die einen vermeintlich wichtigen Vorteil für sich reklamiert: Sie behauptet, stärkere Gemeinschaft schaffen zu können. So schart der russische Präsident ein bedrängtes Volk um seine Idee von sakraler nationaler Größe, während der Westen scheinbar nicht mehr zu bieten hat als eine schwache Gemeinschaftsform mit radikal vereinzelten Individuen. Und Pegida tut so, als wäre durch Burkas das christliche Abendland bedroht. Auf dieser Ebene wird ein wichtiger Aspekt der Erfolgsstory des Westens unterlaufen: die konsequente Verrechtlichung, also auch Formalisierung, der entscheidenden Fragen.

Es ist kein Zufall, dass Religion auf dieser Ebene zu einer Angelegenheit der Religionsfreiheit wurde, ein Aspekt, den die kulturkämpferischen Bewegungen wieder zu relativieren versuchen. Freiheit ist ein Menschenrecht, und in der Formulierung dieser Rechte könnte die Aufklärung ihr Fundament gefunden haben. Aber dieses Fundament ist weniger fest, als man vielleicht gern hätte.

Gott als Garant der Menschenrechte

Dies macht der in Frankfurt lehrende Politologe Mahmoud Bassiouni in einem neuen Buch über Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legitimität deutlich. Es handelt sich hier um eine profunde Auseinandersetzung mit dem Problem, dass im Islam auch noch die Menschenrechte der höheren Autorität Gottes unterliegen, von Gott also herzuleiten sind und von ihm gewährleistet werden. Das verträgt sich nicht mit dem abstrakteren Universalismus, mit dem die Menschenrechte im Westen einhergehen, wobei Bassiouni berechtigt darauf hinweist, dass die konkrete Formulierung der Proklamation der allgemeinen Menschenrechte von 1948 sehr stark von Gefährdungen ausging, die im Nationalsozialismus erlebt worden waren. Menschenrechte sind seither sehr stark Bürgerrechte, woraus sich eigene Problemlagen ergeben, die in den letzten Jahren stark diskutiert wurden.

Brücke zwischen Gottlosen und Gläubigen

Bassiouni will aber auf eine Möglichkeit hinaus, die muslimischen Vorbehalte gegen ein immer wieder als arrogant empfundenes Aufklärungsideal mit einer spezifisch islamisch motivierten Anerkennung der Menschenrechte zu vermitteln. Die Lösung dieser für das Verhältnis von Islam und Moderne absolut grundlegenden Frage vertagt Bassiouni letztlich, aber er baut mit einer Konzeption, die von den menschlichen Bedürfnissen nach einem guten Leben ausgeht, eine Brücke zwischen gottlosen und gläubigen Verfechtern der Menschenrechte. Es ist auch eine Brücke zwischen religiösem und formalem Universalismus: Beide halten einander wechselseitig für defizitär, werden einander aber nicht los.

Der Weihnachtsbaum in Paris ist ein Zeichen auch dafür: Er konnte nicht zuletzt deswegen von Russland gestiftet werden, weil der französische Staat es nicht zulässt, dass die öffentliche Hand ein religiöses Zeichen finanziert. So hat die "laïcité", auf die man in Frankreich so stolz ist, dazu geführt, dass vor Notre-Dame nun ein Baum steht, der die gleiche Funktion hat wie ein Trojanisches Pferd: ein Gastgeschenk, in dem sich eine Aggression verbirgt. Die Aggression aufzufangen, das bleibt aber nun einmal die undankbare, aber unvermeidliche Aufgabe der Aufklärung. Davon scheint derzeit auch eine Religionskritik zu lernen, die nicht mehr in Kategorien von Entweder-oder denkt, sondern die Bedürfnisse ernst nimmt, von denen viele Menschen allerdings erst akzeptieren müssen, dass sie sie mit anderen Menschen teilen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 3./4. Jänner 2015)

Bert Rebhandl (Jg. 1964) lebt als freier Journalist, Autor und Übersetzer in Berlin. Er schreibt seit 1993 für den Standard und die "FAZ".

  • "Ein Gastgeschenk, in dem sich eine Aggression verbirgt": russischer Weihnachtsbaum vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris.
    foto: ap / jacques brinon

    "Ein Gastgeschenk, in dem sich eine Aggression verbirgt": russischer Weihnachtsbaum vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris.

  • Repräsentant der Gottlosen: der britische Biologe und Parade-Atheist Richard Dawkins (2009).
    foto: reuters / andrew winning

    Repräsentant der Gottlosen: der britische Biologe und Parade-Atheist Richard Dawkins (2009).

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