Anders Jacobsen hat Lunte gerochen

2. Jänner 2015, 13:04
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Die 63. Vierschanzentournee wird für Österreich kein Selbstflieger. Allen voran Anders Jacobsen traut sich vor Innsbruck "alles" zu. Der 29-Jährige war 2007 schon Tourneesieger, er ist ein Stehaufmanderl. Trainer Alexander Stöckl macht den Norwegern Flügel

Innsbruck – Prinzipiell wäre oder ist es ja zum Verzweifeln für die Gegner der Österreicher. Da hat der ehemalige Tourneesieger Thomas Morgenstern endlich aufgehört. Da ist der ehemalige Tourneesieger Wolfgang Loitzl wegen Formlosigkeit gar nicht erst dabei. Da ist der ehemalige zweifache Tourneesieger Gregor Schlierenzauer (noch) nicht ganz der Alte. Da ist der ehemalige Tourneesieger Andreas Kofler zwar sehr verlässlich, mehr aber nicht. Da ist der Tournee-Titelverteidiger Thomas Diethart vom Titelverteidigen weit entfernt. Und dann tauchen plötzlich zwei Neulinge – Stefan Kraft und Michael Hayböck – auf und plaudern um den Sieg mit. Zum Aus-der-Haut-Fahren.

Anders Jacobsen fährt nicht und verzweifelt nicht. Ganz im Gegenteil, Anders Jacobsen hat Lunte gerochen. Den Kundigen gilt eher er, der sich als Garmisch-Sieger vom 14. auf den vierten Gesamtplatz verbesserte, denn der Slowene Peter Prevc, Zweiter hinter Kraft und vor Hayböck, als erster Jäger der Österreicher. Das hat mehrere Gründe.

Viele zählen Jacobsen (29), den 1,75 Meter großen und 62 Kilogramm schweren Mann aus der Kleinstadt Hønefoss im norwegischen Süden, zu den größten Skisprungtalenten aller Zeiten. Ein wenig wankelmütig ist er, einmal nahm er sich schon eine Auszeit vom Sport, und seit März 2013 machte ihm ein Kreuzbandriss zu schaffen. Doch wenn es läuft oder eigentlich fliegt, dann läuft oder fliegt es eigentlich. "Ich bringe viel Selbstvertrauen nach Innsbruck mit", sagte Jacobsen. "Wenn ich auf dem Level bleiben kann, ist alles möglich."

2007 besser als Schlierenzauer

Wegen einer zweiten Operation am rechten Knie war er spät in den Winter gestartet, ein 25. Platz war vor Oberstdorf sein bestes Resultat. Doch anders als Kraft, Hayböck und Prevc weiß Jacobsen, was nötig ist, um die Tournee zu gewinnen. 2007 ist ihm das schon einmal gelungen. Damals schaffte er die Plätze vier, fünf, eins und zwei und verhinderte den ersten Gesamtsieg Schlierenzauers, der daraufhin noch fünf Jahre warten musste. 2013, bei seinem zweiten Erfolg, konnte sich Schlierenzauer dann auch direkt revanchieren. Jacobsen hatte, gerade aus seiner Auszeit zurückgekehrt, in Oberstdorf und Garmisch gewonnen, doch mit Siegen in Innsbruck und Bischofshofen zog der Tiroler am Norweger noch vorbei.

Fast alle Tiroler haben sich darüber sehr gefreut, einer freute sich weniger. Alexander Stöckl gibt seit März 2011 den Cheftrainer der Norweger. Diese hatten ihn mit eher verschränkten Armen empfangen, speziell Spitzenspringer Anders Bardal gab Breitseiten über die Medien ab, er hätte einen norwegischen Coach vorgezogen. Stöckl (41) allerdings gelang es, seine Kritiker eines Besseren zu belehren, speziell Bardal, den er gleich in seiner ersten Saison zum ersten Gesamtweltcupsieger Norwegens seit 1994 (Espen Bredesen) formte. Stöckls Vertrag wurde flott zunächst bis 2015 und Mitte des Vorjahrs schon bis 2018 verlängert.

Was Jacobsens aktuelle Ambitionen angeht, steigt Stöckl auf die Bremse. "Der Gesamtsieg als Ziel, das wäre absolut zu hoch gegriffen", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD. "Und wenn er tönt, was er sich zutraut, will er so nur die anderen kitzeln, verunsichern." Freilich kehre Jacobsen "oft ausgerechnet nach schlechten Phasen extrem stark zurück". Man könne fast sagen, "dass es Tradition hat, dass er dieses Aus-der-Balance-Kommen braucht".

Alexander Stöckl sagt, er würde weiterhin "die Österreicher favorisieren". Sein Kollege Heinz Kuttin hat damit kein Problem. "Noch haben wir die Oberhand", sagt der ÖSV-Cheftrainer, "noch müssen sie uns schlagen." Daran sind, auch das hat Tradition, schon viele verzweifelt. Ob diesmal alle verzweifeln, weiß man wohl erst nach Bischofshofen. Innsbruck weist den Weg.

Der Norweger Anders Jacobsen kehrte nach schlechten Phasen schon des Öfteren sehr stark zurück. Nach einer schweren Knieverletzung und zwei Operationen hat er es wieder an die Weltspitze geschafft. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 3.1.2015)

  • Der Norweger Anders Jacobsen will im Kampf um den Gesamtsieg ein Wörtchen mitreden.
    foto: reuters/michael dalder

    Der Norweger Anders Jacobsen will im Kampf um den Gesamtsieg ein Wörtchen mitreden.

  • Selbiges will auch der Slowene Peter Prevc.
    foto: ap/kerstin joensson

    Selbiges will auch der Slowene Peter Prevc.

  • Seit 2011 winkt Alexander Stöckl die Norweger ab, bis 2018 wurde sein  Vertrag bereits verlängert.
    foto: reuters/dominic ebenbichler

    Seit 2011 winkt Alexander Stöckl die Norweger ab, bis 2018 wurde sein Vertrag bereits verlängert.

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