Walter Kappacher: Von der Sehnsucht nach dem Lesen

4. Jänner 2015, 12:00
2 Postings

Trakl und Mahler: Zwei Texte, die Walter Kappacher im Auftrag der Salzburger Festspiele geschrieben hat, liegen nun in Buchform vor

Was sich in den wenigen Wochen zwischen der Schlacht von Grodek Anfang September 1914 und dem Tod des Dichters am 3. November ereignete, ist die Leib und Seele erfassende Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Trakls begeisterter Aufbruch in den Krieg, sein physischer und psychischer Zusammenbruch in den Kriegsgräueln, die irre Flucht und die Angst, wegen Desertion hingerichtet zu werden, das sind die Stationen der traumatischen Wendung im Leben dieses einzigartigen Dichters der österreichischen Moderne. Seine freiwillige Meldung zum Kriegseinsatz folgte nicht patriotischer Pflichterfüllung, die ihm fremd war, sondern der inneren Motivation auch anderer Kriegsfreiwilliger, die aus einer entfremdeten Welt und einem schuldigen Leben ausbrechen wollten.

Vor der Abfahrt in dem langen Militärzug übergab er seinem Freund und Förderer Ludwig von Ficker beim Abschied auf dem Innsbrucker Hauptbahnhof einen Zettel: "Gefühl in den Augenblicken totenähnlichen Seins: Alle Menschen sind der Liebe wert: Erwachend fühlst du die Bitternis der Welt; darin ist alle deine ungelöste Schuld; dein Gedicht ist eine unvollkommene Sühne."

Sogar der Name "Galizien" dürfte auf den Dichter eine messianische Anziehungskraft ausgeübt haben, vermutet Hans Weichselbaum in seiner neu bearbeiteten Trakl-Biografie (die in der alten wie in der neuen Version das verlässlichste und gerechteste Buch über Leben und Werk Georg Trakls sein dürfte). Noch aus der Trümmerlandschaft des "Grodek"-Gedichts spricht dieser messianische Gedanke, der nun dem Schmerz des Dichter-Helden überantwortet wird.

Georg Trakls Tod in einer Zelle des Garnisonsspitals in Krakau war wahrscheinlich Selbstmord durch die Einnahme einer Überdosis Kokain. Wegen des Verdachts auf Geisteskrankheit ins Spital abkommandiert, wurde er dort zur weiteren Beobachtung festgehalten. In einem wahnhaften Anfall, traumatisiert vom Kriegsgrauen der Schlacht von Grodek Anfang September, hatte er sich auf dem Rückzug erschießen wollen. Dann unternahm er einen unsinnigen Fluchtversuch, der ihm als Desertion ausgelegt werden konnte.

Ein österreichischer Dichter, der vor dem Krieg die destruktiven Abgründe seiner Zeit registriert hatte, befand sich plötzlich mitten in der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie man den Ersten Weltkrieg nennt, als wäre der Krieg ein Naturereignis und nicht von Macht- und Herrschaftsinteressen verursacht. "Eigentlich ist es seltsam, dass wir nicht alle, die in den Krieg eingerückt sind, verrückt geworden sind", soll er zu dem aus Innsbruck angereisten Freund gesagt haben, der ihn im Spital aufsuchte. Und "nicht zu verstehen ist es, warum der Kaiser nicht verrückt geworden ist".

Ludwig von Ficker soll seinerseits dem Dichter zugeflüstert haben, er habe "aus verlässlicher Quelle gehört", "dass unsere Armee nach vier Wochen bereits 250.000 Gefallene und Verwundete habe".

Ludwig von Ficker hat die Gespräche mit dem im Garnisonsspital internierten Patienten später unter dem Titel "Der Abschied" (1927) veröffentlicht. Diesen Titel und einige inhaltliche Vorgaben verwendete Walter Kappacher für sein Trakl-Stück, das im Rahmen des Young Directors Project bei den Salzburger Festspielen 2014 aufgeführt wurde. Einige Theaterkritiker haben zu dem stillen Prosatext, der eigentlich ein fiktiver innerer Monolog Georg Trakls ist, bemerkt, dass er sich nicht zur Dramatisierung auf der Theaterbühne eigne.

Aber warum sollte ein erzählerischer Text, wie es die vielen Dramatisierungsbeispiele der letzten Jahre zeigen, nicht eine besondere Herausforderung für das Theater bedeuten? Nicolas Charaux, der junge Regisseur der Festspiel-Inszenierung, hat doch "seinen" Bühnen-Trakl (Paul Herwig) aus der ruhigen Kappacher-Prosa ausbrechen lassen, er ließ ihn lauthals schreien, aufstampfen und wild gestikulieren, ein expressionistischer Dichter-Soldat, der sich aus einem auf der Bühne installierten bunkerartigen Kubus eine Öffnung ins Freie schlug.

Zuletzt legte er sich eine Art "Mönchinnen-Kleid" an, in welchem er sich, eine androgyne Gestalt, die an Trakls Schwester-Imaginationen erinnern sollte, in einer Seitennische des Bunkers zum Sterben niederlegte.

"Brutale Zurückgenommenheit" der Erzählsprache

Kappachers Monolog-Erzählung ist, auch wenn in dem fiktionalen Monolog Georg Trakl spricht, ein Kappacher-Text. Er wirkt provozierend durch die "brutale Zurückgenommenheit" der Erzählsprache, die Martin Walser schon in den ersten Kappacher-Büchern registrierte, und er provoziert durch die Gleichwertigkeit, mit der das Erzählen allem gerecht zu werden versucht. In der unauffälligen, gleichmäßigen Autor-Stimme Kappachers spricht sein Dichterbruder aus einem Spitalszimmer am Beginn des Ersten Weltkriegs zu uns.

Schon die ersten Sätze des inneren Monologs lassen an die Situation anderer Dichter und literarischer Gestalten denken, die der medizinischen Wissenschaft ausgeliefert wurden, von Hölderlin bis zum kranken Maler Strauch, der in Thomas Bernhards "Frost" einem jungen Famulanten "zur Beobachtung" überantwortet wird.

"Zur Beobachtung, hat der Herr Doktor bei der Visite gesagt, müsse ich noch hierbleiben. Aber wer soll mich denn beobachten? Und in welcher Hinsicht?" Es geht bei Kappacher sofort um die zentrale Frage des Prosa-Schreibens: wer wen und "in welcher Hinsicht" beobachtet, welcher Blick sich hier eines anderen Ichs bemächtigt - und wie diese Macht über den anderen zurückgenommen werden kann durch ein Erzählen, das Gerechtigkeit herstellt und den Schuldzusammenhang des Lebens lockert. Vielleicht liegt darin der tiefere Sinn des gleichmäßigen, zurückgenommenen, provozierend unaufgeregten inneren Monologs in "Trakls letzte Tagen".

Die Schlusszeilen - einer der unvergesslichen Buchschlüsse bei Kappacher - kann man als die Antwort des Erzählers auf die am Beginn gestellte Frage nach der "Hinsicht" der militärmedizinischen Beobachtung lesen: Beim Abschied in der Zelle des Garnisonsspitals in Krakau sagt Ludwig von Ficker zu Trakl, dass er sich darauf freue, ihn in Innsbruck wiederzusehen. Ob er das wirklich glaube, fragt Trakl und ist "seltsam berührt" von Fickers leise gesprochenem Wort: "Ich hoffe es." Und dann wird es plötzlich finster, und Trakl entzieht sich in diesem Dunkel dem Blick des Freundes: "Vor dem Öffnen der Tür hat er sich noch einmal umgedreht und den rechten Arm gehoben. Und ich hab' gedacht, er kann mich ja gar nicht mehr sehen."

Kappachers charakteristische Erzählerstimme, die sich im inneren Monolog Georg Trakls verbirgt, verteidigt angesichts des erlebten Traumas im Erzählen etwas, das weiter reicht, das dem ganzen Leben gerecht werden kann und worin die unspektakuläre Rettung des Ichs liegt. Unmittelbar nach der Frage "Zur Beobachtung" wird am Beginn der Erzählung sofort der Wunsch erzählt, zu den Buchhandlungen in die Stadt zu gelangen - "Vielleicht find' ich etwas. Wie gern würde ich den Dostojewskij wieder lesen."

"Trakls letzte Tage" ist eine erzählerische Vergegenwärtigung des weiterhelfenden Lesens und eine Besinnung auf die eigene Kraft, die im Schreiben liegt. Der innere Monolog umfasst nicht zuletzt die Geschichte des Lesens, jetzt und hier in der Gefängniszelle, die das Krankenzimmer im Garnisonsspital in Wirklichkeit ist, und genauso die Geschichte des Schreibens, das jetzt und hier infrage gestellt wird, weil das Wort nicht heranreicht an das erlebte Grauen.

Aber der Trakl in Kappachers Ich-Erzählung wartet dennoch voll Sehnsucht darauf, dass mit der Post "endlich" sein letzter Gedichtband, "Sebastian im Traum", einlangt. In einer Buchhandlung in Krakau konnte er Reclam-Bändchen mit Gedichten von Hölderlin und Johann Christian Günther kaufen, und er fragt sich, ob "es nicht sehr merkwürdig" sei, "dass mir jetzt hier am Ende der Welt solche Gedichte geschenkt werden?"

Kappacher verkleinert nicht die anstößigen Seiten von Trakls Leben und die grauenhaften Erlebnisse im Krieg, er forciert, mehr als das in der Trakl-Forschung der Fall ist, dessen Schuld und dessen Vergehen an der Schwester, ohne einen Schuldspruch zu fällen, er beschreibt die unentrinnbare Gewalt der Rauschgiftsucht, der sich der Dichter in der Wirklichkeit des Kriegs nur umso heftiger ausgeliefert sieht.

Der Ort der inneren Rede, der erbärmliche Arrest im Garnisonsspital, wird nicht übersprungen, und trotzdem wird an diesem sinistren Erzählort des Ersten Weltkriegs in Kappachers ruhigem Monolog allem sein Platz zugewiesen: dem "sprachlosen Schmerz", dem namenlosen, "steinernen Unglück", "wenn einem die Welt entzweibricht", den Selbstvorwürfen, aber auch der Geldnot und dem familiären Zwist und genauso dem nicht aufgegebenen Wunsch, einmal "ganz unabhängig zu sein". Und immer wieder wird an die Orte des zurückliegenden Lebens erinnert, von denen er nun getrennt ist, an die unverlierbaren Orte und Dinge der Kindheit, den Garten in der Stadt, den "Holler, der an unserem Salettl hinaufgewachsen ist. Sein Reifwerden. Diese Sommer damals, wie kurz sie mir vorgekommen sind."

"Als lägst du schon in einem Sarg"

In der nun vorliegenden Buchpublikation erscheint Kappachers Trakl-Text gemeinsam mit dem thematisch verwandten Selbstgespräch des sterbenskranken Gustav Mahler, der von seiner letzten Amerikareise im Frühjahr 1911 zum Sterben nach Wien zurückkehrt - "Mahlers Heimkehr". Beide Prosastücke, Varianten innerer Monologe, beide in einem ans Umgangssprachliche streifenden österreichischen Idiom geschrieben, sind erzählerisch miteinander verwandt.

Auch im zweiten Text ist es ein kleiner Raum, das Schlafwagenabteil auf der Bahnfahrt von Paris nach Wien - "Als lägst du schon in einem Sarg" -, von wo aus die Erinnerungen des Komponisten sein Leben umfassen. Und wie in "Trakls letzte Tage" werden auch in "Mahlers Heimkehr" das Verfehlte und das Scheitern nicht gegen das Geglückte aufgerechnet und ausgespielt. Vom Leben sprechen die vielen Überschriften von Verszeilen aus Mahler-Liedern - "Ich atmet' einen linden Duft", "Die zwei blauen Augen", "Ich ging mit Lust".

Zu dieser Evokation des Lebens, der Leiden und des Glücks, des Scheiterns und des Erfolgs, gehört auch hier die Sehnsucht des Kranken nach dem Lesen - "Wenn du nur lesen könntest" -, nach den Büchern, die allesamt auch die von Walter Kappacher sind: Jean Pauls "Reise ins Kampaner Tal", Grillparzers "Der arme Spielmann", Goethes Gespräche mit Eckermann.

Unverkennbar hat der helle mystische Schluss der Mahler-Erzählung mit dem später geschriebenen Trakl-Text zu tun. Hier der Dichter, der für den Besucher in der plötzlich eintretenden Dunkelheit der Zelle nicht mehr zu sehen ist, dort der Wunsch, Alma würde ihm "aus dem Fechner vorlesen, die Stelle, wo es heißt: / Nur weil wir irdische Augen haben, können wir die, die vor uns ins neue Leben geboren sind, nicht sehen ... / Sehen. Nicht wiedersehen. Sehen." Was Ludwig von Ficker an Trakls Gedichten beunruhigend "seherhaft" erschien, beunruhigte auch den Komponisten. Jahre vor dem Tod seiner Tochter Anna hatte er die "Kindertotenlieder" komponiert - "Als hätt'st du's ahnen können". Zu diesen Vorahnungen gehört etwas "Grauenhaftes", das er "manchmal heraufziehen" spürt "wie monströse Gewitterwolken am Horizont".

Vielleicht liegt in dieser seismografischen Empfindlichkeit für die Katastrophe und dem außergewöhnlichen (musik)sprachlichen Formgefühl die entscheidende Affinität zwischen der Lyrik Georg Trakls und den Kompositionen Gustav Mahlers. Sie standen, wie Erwin Ratz das in seiner wilden Genauigkeit zu Mahler behauptet hat, "an einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit".

Dass die musikalische Sprache der Tonalität - oder die kohärente Bildlichkeit der Lyrik - am Beginn des 20. Jahrhunderts preiszugeben war, folgte "der inneren Notwendigkeit" des künstlerischen Materials wie den persönlichen Erfahrungen, und es war, so Erwin Ratz, "die unvermeidliche Konsequenz unseres Eintrittes in das Zeitalter der äußersten moralischen und physischen Gefährdung". Es ist das Zeitalter, in welchem die Zeichnung des entstellten Gesichts des greisenhaften Kindersoldaten entstand und das Bild des Engels der Geschichte, der den Ausnahmezustand vor Augen hat. (Hans Höller, Album, DER STANDARD, 3./4.1.2015)

Walter Kappacher, "Trakls letzte Tage. Mahlers Heimkehr." € 19,00 / 96 Seiten. Müry Salzmann, Salzburg 2014

Hans Höller, emeritierter Professor für Germanistik an der Uni Salzburg, hat die Rowohlt-Monografie über Ingeborg Bachmann geschrieben und Bachmanns Briefwechsel mit Hans Werner Henze und Paul Celan (mit) herausgegeben. Zuletzt erschien im Korrektur-Verlag unter dem Titel "Der unbekannte Bernhard" eine Sammlung seiner Bernhard-Aufsätze.

  • Lässt in "Trakls letzte Tage" auch an die Situation anderer Dichter und literarischer Gestalten denken, die der medizinischen Wissenschaft ausgeliefert wurden, von Hölderlin bis zum kranken Maler Strauch in Thomas Bernhards "Frost": Walter Kappacher.
    foto: lukas beck

    Lässt in "Trakls letzte Tage" auch an die Situation anderer Dichter und literarischer Gestalten denken, die der medizinischen Wissenschaft ausgeliefert wurden, von Hölderlin bis zum kranken Maler Strauch in Thomas Bernhards "Frost": Walter Kappacher.

Share if you care.