Gestrandet im Hotel des Müßiggangs

2. Jänner 2015, 17:29
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Ein literarisches Juwel aus der Nachkriegszeit: Julien Gracqs (1910-2007) surrealistisch inspirierter Roman "Der Versucher"

Schon als Halbwüchsiger war Allan von der Idee besessen, dass man sein Leben "erschöpfen" könne. In der Tragödie der Kinderzeit, "deren abschließende Katastrophe letztlich das Leben ist", sah er bereits dessen unausweichliches Ende voraus. Dem unerbittlichen Lauf der Fremdbestimmung kann man, so sahen das die französischen Surrealisten im noch frühen 20. Jahrhundert, nur durch einen absurden, scheinbar sinnlosen Akt mit Gewalt entkommen.

Der "acte gratuit" ist das Sujet in Romanen von Gide bis Camus, und er lastet schließlich auch als unheilvolle Vorahnung schwer über der müßiggängerischen Sommergesellschaft, die Julien Gracq in seinem nun erst unter dem Titel Der Versucher auf Deutsch erschienenen Roman Un beau ténébreux aus dem Jahr 1945 beschreibt.

Der Roman datiert auf ein ungewisses Jahr 19.., lediglich die an mancher Stelle schemenhaft auftauchenden Erinnerungen des Erzählers an seine deutsche Kriegsgefangenschaft (Gracq, der eigentlich Louis Poirier hieß, war selbst 1940 in Hoyerswerda inhaftiert) lassen die Vorstellung eines unmittelbaren Nachkriegssommers entstehen.

Doch im Grunde wirkt die Szenerie wie aus der Zeit gefallen. Im eleganten Hôtel des Vagues, das etwa am äußersten Punkt der Bretagne liegen könnte, sind die Sommergäste wie auf einer zeitlosen Wolke der Realität enthoben ("vague" bezeichnet auch das Verschwommene), jegliche Bezugspunkte zu einer Wirklichkeit sind in weite Ferne gerückt, sodass man nicht sicher sein kann, ob diese Welt eine wirkliche oder eine geträumte ist.

Der Versucher ist der zweite Roman Gracqs, ein frühes Werk des 2007 nahezu 100-jährig gestorbenen Autors. Er schlägt auf faszinierende Weise eine Brücke zwischen unterschiedlichen, seinem Schreiben zugrunde liegenden Elementen: den frühen surrealistischen Einflüssen durch den Freund André Breton, der Begeisterung für den Gralsmythos, aber auch schon den Gracq eigenem Stil der ausgedehnten Beschreibungen und anspruchsvollen Assoziationsketten. Zugleich offenbaren sich in diesem Roman durch seine unzähligen intertextuellen Verweise, Anspielungen und verborgenen Zitate Gracqs Inspirationsquellen aus der Weltliteratur.

Der vulkanische Freund

Der titelgebende Versucher ist Allan. Mit seiner Begleiterin reist er etwas später an als die anderen Gäste, auf deren Gemeinschaft die Ankunft des schönen Paares eine elektrisierende Wirkung hat. Die Männer und Frauen der Gruppe werden gleichermaßen von Allan, dem "vulkanischen Freund" in den Bann gezogen. Ihm haftet etwas "Hellsichtiges" an, seinem Charme erliegt jeder, zugleich hat seine rohe Vitalität, sein "maßloses Drängen nach dem Leben, nach der Lust in allen ihren Formen" auf seine Umgebung eine paralysierende Wirkung.

Gérard, der über weite Strecken mit seinen Tagebuchaufzeichnungen als Erzähler dieses Romans fungiert, hatte eigentlich längst schon abreisen wollen. Doch Allans Anwesenheit übt auf die anderen Gäste eine Sogwirkung aus, die sie, wie durch einen Fluch, an das Hotel fesselt. Auch als der "taubengraue", dunstverhangene Sommer längst vorüber ist und kalte Herbststürme über die endlosen Dünen fegen, reist niemand ab, bleiben die Gäste wie eine Geistergesellschaft in den nunmehr leeren Hotelhallen zurück.

Die Gäste, das sind neben Gérard, einem Literaturwissenschafter, der eigentlich an einer Studie über Rimbaud schreiben wollte, das frischvermählte Paar Irène und Henri, deren aufeinander bezogener Überdruss sich schon bald bei den Mahlzeiten zeigt, des Weiteren die kapriziöse Christel, die Gérard in seinem Tagebuch als "junge Prinzessin im Bademantel" beschreibt, die sich als intelligente Gesprächspartnerin erweist und der die ganze Sympathie des Erzählers gilt.

Geschehen auf der Bühne

Der Strand wirkt in den Beschreibungen Gracqs wie eine Theaterbühne, von den Fenstern und Balkonen des Hotels aus lässt sich die Szenerie wie aus einer Loge beobachten. Das Geschehen auf der "Bühne" wird von den Auftritten des unberechenbaren Allan dominiert, der ein teuflisches Spiel um "Alles oder Nichts" spielt und dessen Suche nach einer "Wahrheit in einer Seele und in einem Körper" nichts anderes zur Folge haben kann als eine Tat. Die Erwartung ebendieser bewussten, absurden Tat bedroht und bannt die Sommerfrischler.

Was machen diese Gäste während so langer heller, dann grauer Tage? Sie scheinen einem gar nicht süßen, sondern vielmehr wie gelähmten, verzweifelt beharrlichen Nichtstun ausgeliefert zu sein. Das Wasser, in dem die gestrandeten Urlauber ihr Bad nehmen, ist schon im Hochsommer "taufbeckenfrisch".

Die dominierende Farbe in und um Kérantec, die fiktive bretonische Hafenstadt, in der wir uns befinden, ist Grau, und schon die facettenreichen Naturbeschreibungen Gracqs - das Meer, der Himmel, die Wolken und Dünen, denn mehr gibt es nicht, und alles ist in unzähligen Schattierungen grau - sind ein Meisterstück.

Der Versucher ist ein literarisches Juwel, das mit der Zäsur des Jahres 1945 wesentliche Denkansätze zusammenfasst und fortschreibt, ein Roman, der einen Wendepunkt der Literaturgeschichte markiert: Literatur über Literatur, die zugleich existenzialistische und politische Fragen beinhaltet.

Keinesfalls ein "typischer" Gracq, der jedoch das breite Spektrum dieses faszinierenden Geistes vorstellt. Wie schon die bisher im Grazer Droschl-Verlag erschienenen Bücher des Einzelgängers Julien Gracq, ist auch Der Versucher hohe Übersetzungskunst des in Paris lebenden Philologen Dieter Hornig. (Isabella Pohl, DER STANDARD, 3.1.2015)

  • Julien Gracq, "Der Versucher". Aus dem Französischen übersetzt von Dieter Hornig. € 23,- / 232 Seiten. Droschl-Verlag, Graz 2014
    cover: droschl verlag

    Julien Gracq, "Der Versucher". Aus dem Französischen übersetzt von Dieter Hornig. € 23,- / 232 Seiten. Droschl-Verlag, Graz 2014

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