Verkehrsinfarkt: China begrenzt freien Autokauf weiter

4. Jänner 2015, 09:00
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Im Kampf gegen den Verkehrsinfarkt zieht das Land die Notbremse, um den Pkw-Zuwachs einzudämmen

Es war grotesk. Gerade 20 Minuten ließ die Stadtregierung der südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen ihren Bürgern Zeit, um sich ein Auto zu kaufen und es noch ohne Einschränkung zuzulassen. Um 17.40 Uhr verkündeten sie auf ihrer überraschend einberufenen Pressekonferenz, dass die Frist dafür um 18 Uhr am Montag ende. Von dann an werde die Ausgabe von Kfz-Kennzeichen für Neuzulassungen auf 100.000 Wagen pro Jahr beschränkt, darunter 20.000 Elektrowagen. Neue Kennzeichen würden nur noch über Losziehung oder Auktionen zugeteilt.

2014 konnten noch 550.000 Autos in Shenzhen frei angemeldet werden, fast 21 Prozent mehr als im Jahr davor. Nun sollen es 2015 fünfmal weniger sein. Die Nachricht dazu stand sofort online und löste einen Run von Panikkäufern auf die Autohändler der Stadt aus.

Stadtplaner schlagen Alarm

Shenzhen zog vor seinem drohenden Verkehrsinfarkt die Notbremse. In der Hongkong vorgelagerten Metropole wohnen elf Millionen Menschen mit 3,14 Millionen zugelassenen Wagen. Die Stadtplaner rechneten ab 2016 mit vier Millionen Pkws. Die durchschnittliche tägliche Fahrdauer würde sich zu Stoßzeiten von 55 Minuten auf 92 Minuten erhöhen und die Smogbelastung unerträglich machen.

Nach Ballungszentren wie Peking, Schanghai, Kanton oder Tianjin ist Shenzhen nun schon die achte Großstadt, die Privatkäufern von Pkws die rote Karte zeigt. Weitere Metropolen bereiten ähnliche Aktion vor.

Ende des Autobooms?

Die Debatte läuft schon an, wie lange Chinas Autoboom noch hält. Shenzhens Stoppsignal, nachdem sein Autobestand seit 2009 jährlich um 16 Prozent wuchs und sich der Anteil der Abgase am Feinstaubsmog auf 41 Prozent erhöhte, ist nur eine weitere Warnung an die weltweiten Pkw-Hersteller: Das Absatzparadies China gerät an seine Grenzen.

Die rein chinesischen Hersteller spüren bereits als Erste den Abwärtsdruck, unter dem die gesamte Wirtschaft leidet und der sich 2015 verschärfen wird. Ihr Marktanteil fiel in den ersten elf Monaten 2014 von 40,2 Prozent auf 38,1 Prozent. Aus politischen Gründen, Folge des Streits zwischen Peking und Tokio, büßen auch die japanischen Produzenten in Folge seit 2013 Marktanteile ein. 2014 verloren sie ein weiteres halbes Prozent und fielen auf 15,3 Prozent. Die deutschen Hersteller profitieren hingegen vom unerwartet schwachen Abschneiden der US-Marken, die sich im Vorjahr nur um 0,3 Prozent auf 12,8 Prozent Marktanteil steigern konnten.

Luxus: Parkplatz

Verkehrsinfarkt und Smog sind nur zwei der Probleme, die das Autowachstum in den Städten begrenzen. Hinzu kommt die krasse Parkplatznot. Chinas Städte wuchsen in die Höhe und Breite, ohne dass ihre Bauherren an Tiefgaragen und Stellplätze für Autos dachten.

Shenzhen stoppte jetzt seinen Pkw-Zuwachs auch, weil es nur für jeden dritten seiner 3,14 Millionen Wagen einen Stellplatz gibt. In Peking kommen auf einen Parkplatz zwei Autos. In den Luxuswohnvierteln explodieren die Preise. Die aktuelle Ausgabe von China Real Estate Magazine stellte jetzt ihre erste Liste der "100 Top-Parkplätze" von Peking vor. Der Pachtkauf (bis zu 50 Jahre) eines Parkplatzes in einem Nobelappartementhaus in der Innenstadt könne umgerechnet bis zu 110.000 Euro kosten. Solche Preise stünden inzwischen auf Platz sechs nach Singapur, New York, Hongkong, London und Sidney.(Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 2.1.2015)

  • Verkehrschaos, Smog, keine Parkplätze: Die mobile Freiheit in China fordert ihren Tribut.

    Verkehrschaos, Smog, keine Parkplätze: Die mobile Freiheit in China fordert ihren Tribut.

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