Vom Glück und Unglück, Euroland zu sein

1. Jänner 2015, 19:10
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Der Euro soll Litauen als Garantie für eine wachsende Wirtschaft und politische Sicherheit dienen. Polen bleibt gegenüber der gemeinsamen Währung skeptisch

Estland führte den Euro als erster der drei baltischen Staaten im Jahr 2011 ein, Lettland folgte 2014. Nun also Litauen. "Ich glaube, dass die neue Währung uns stärker machen wird – wirtschaftlich wie auch politisch", zeigt sich Premier Algirdas Butkevičius überzeugt.

Noch 2007 war die Euro-Einführung in Litauen gescheitert. Das Land hatte die zweijährige Probezeit fast durchlaufen, als die weltweite Wirtschaftskrise auch in Litauen die Inflation in die Höhe trieb. Die Landeswährung Litas verlor an Wert. Statt "Willkommen im Club" hörten die Litauer "Zurück an den Start!". Die ohnehin nicht ausgeprägte Begeisterung der Litauer für den Euro wich tiefer Enttäuschung. Viele waren angesichts der Wirtschaftskrise auch erleichtert, vom "Teuro" erst einmal verschont zu bleiben.

Maastricht-Kriterien erfüllt

Heute gehört das Land wieder zu den wachstumsintensivsten in der Region. Trotz Krise im Euro-Raum, hoher Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit in den Euro-Staaten sowie wiederkehrender Probleme mit den Euro-Mitgliedern in Südeuropa nahmen Litauens Politiker erneut Anlauf auf die gemeinsame Währung. Diesmal klappte es. Litauen hat die Ziellinie erreicht. Das Land erfüllt problemlos die Maastricht-Kriterien.

Auch die meisten Litauer haben ihre Skepsis inzwischen überwunden. Im November waren weit über 50 Prozent der Litauer für die Übernahme des Euro als Landeswährung, wie eine Umfrage der litauischen Notenbank zeigte. Dabei waren es weniger die ökonomischen Argumente denn die sicherheitspolitischen, die in der Ex-Sowjetrepublik Litauen den Ausschlag zugunsten des Euro gaben. 1991 hatten 85 Prozent der Litauer für die Unabhängigkeit des Landes und die Loslösung von der Sowjetunion gestimmt. Über ein Dutzend junge Litauer bezahlten den Freiheitskampf mit ihrem Leben.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die ständigen Grenzverletzungen durch russische Aufklärungsjets in Litauen wie auch den beiden anderen baltischen Staaten schweißten Litauer, Esten und Letten nur noch enger in ihrer Westorientierung zusammen. Da sie keine eigene Luftwaffe besitzen, begleiten Jets aus anderen Nato-Staaten die in letzter Zeit so oft "verirrten" russischen Flugzeuge zurück an die russische Grenze.

Polen bleiben skeptisch

Die baltischen Republiken strebten von Anfang an in die Nato und die Europäische Union. Der Euro als gemeinsames europäisches Zahlungsmittel erhöht das Sicherheitsgefühl. Er soll auch die russischsprachige Minderheit im Lande – jeder 20. Litauer hat russische Wurzeln – stärker an Litauen und den Westen binden. Mit dem Euro nehmen die Litauer die Verteidigung des Landes gewissermaßen selbst in die Hand.

Polen, direkter Nachbar Litauens im Westen, hat sich zwar mit dem EU-Beitritt ebenfalls dazu verpflichtet, den Euro als Gemeinschaftswährung einzuführen. Doch weder der Notenbankchef noch die Mehrheit der Polen haben es eilig damit. Obwohl Polen in den vergangenen Jahren immer wieder als "Wirtschaftswunderland" gefeiert wurde, weil es als einziges EU-Land die große Wirtschaftskrise ohne tiefe Rezession überstand, hält Notenbankchef Marek Belka die Volkswirtschaft für zu schwach, um bereits den Euro übernehmen zu können. Das Land habe Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten. Statt "made in Poland" zähle vor allem "billig, billig". Die Arbeitslosigkeit sei hoch und auch der Staatshaushalt noch immer nicht konsolidiert.

Dazu kämen noch die ungelösten Probleme in der Eurozone selbst. "Zurzeit wäre es für Polen in der Eurozone gefährlicher als außerhalb", so Belka im Fernsehsender TVN24. Diese Ansicht teilen die meisten Polen. Eine Umfrage ergab, dass knapp 70 Prozent der befragten Polen gegen die Übernahme des Euro sind. Das Schreckgespenst "Teuro" scheint von Jahr zu Jahr größer zu werden. Die Aussicht, statt 4.000 Zloty demnächst nur noch knapp 1.000 Euro in der Brieftasche zu haben, lässt viele schaudern. (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD, 2.1.2015)

  • Litauens Premier Algirdas Butkevičius freute sich sichtlich über den ersten Euroschein, den er am 1.1.2015  aus dem Bankomaten zog.

    Litauens Premier Algirdas Butkevičius freute sich sichtlich über den ersten Euroschein, den er am 1.1.2015 aus dem Bankomaten zog.

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