Schiffsbrand: "Das Schlimmste war die Ungewissheit"

1. Jänner 2015, 17:55
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Geretteter Salzburger schildert Zustände an Bord der Norman Atlantic

Salzburg/Athen - Zwei Tage wartete der Salzburger Erwin Schrümpf an Bord der brennenden Autofähre Norman Atlantic auf seine Rettung. Seit dem späten Mittwochabend ist der 50-jährige Seekirchner wieder zu Hause. Am Donnerstagnachmittag berichtete der Initiator der Griechenlandhilfe auf einer Pressekonferenz in Salzburg von den schwierigen Stunden auf dem Schiff.

Das Feuer war am Sonntag nordwestlich der griechischen Insel Korfu im Fahrzeugdeck ausgebrochen. 427 Menschen wurden nach mehr als 36 Stunden voller Angst und Panik gerettet, mindestens 13 Menschen starben, darunter zwei Einsatzkräfte. Die Abschleppaktion des Schiffs der griechischen Anek Lines gestaltete sich wegen hoher Wellen und schlechten Wetters sehr schwierig.

"Ich konnte nicht mehr zurück"

Zwischen drei und vier Uhr früh habe er am Gang eine Passagierin reden hören. "Die Wände auf solchen Schiffen sind sehr hellhörig, ich habe das Wort Rauch gehört, habe mich angezogen und bin nach hinten auf das offene Deck nachschauen gegangen. Da ist ganz hinten ein Bus in Vollbrand gestanden." Zunächst habe er noch mit einem Mitreisenden gescherzt. "Aber es ist niemand gekommen, um den Brand zu löschen. Als ich nach einer Viertelstunde wieder in meine Kabine wollte, ist aus den Gängen schon Rauch gekommen. Ich konnte nicht mehr zurück."

Er selbst habe keine Löschversuche der Crew wahrgenommen. Zwar gab es später zwei Versuche eines Löschschiffs, die Flammen zu bekämpfen, durch den Wasserstrahl wurden aber die Passagiere beinahe von Brücke und Deck gespült. "Der Kapitän hat dann ins Telefon geschrien, damit aufzuhören." Denn das Löschwasser sorgte für ein weiteres Problem: "Alle waren durchnässt, bei Sturm und Regen und Temperaturen von 5 bis 10 Grad ist man ruckzuck erfroren. Die Finger werden so klamm, dass man sich fast nicht festhalten kann."

Rettungsboote verbrannten

Jeder habe versucht, einen geschützten Platz zu finden. Vor den Fenstern sei es glühend heiß gewesen, ansonsten wehte eiskalter Wind, und es schüttete in Strömen. "Es gab nur die Möglichkeit, zu erfrieren, zu verbrennen, zu ersticken oder ins Wasser zu springen und dann zu ertrinken", sagte Schrümpf. Weil der Sturm das Feuer nicht weg-, sondern über das Schiff blies, waren die Rettungsboote binnen kürzester Zeit verbrannt.

Die griechische Besatzung war offenbar völlig überfordert. Es gab weder einen Feueralarm, noch fand sich auf dem gesamten Schiff irgendein Ansprechpartner. "Der Großteil der Besatzung war nicht auffindbar. Hat man einmal jemanden erwischt, gab es nur ein Schulterzucken. Wie dann zum ersten Mal Hubschrauber gekommen sind, haben viele Passagiere Frauen und Kinder auf die Seite gedrängt, um zuerst mitgenommen zu werden." Zwei Besatzungsmitglieder hätten das aber großteils erfolgreich zu verhindern versucht.

Zwei Tage ohne Essen

Zwei Tage lang hatten die Menschen an Bord nichts zu essen. Erst nach 36 Stunden gab es zum ersten Mal Trinkwasser, nachdem ein Hubschrauber ein Netz mit Plastikflaschen abgeworfen hatte. 16 Stunden nach Brandausbruch gelang es Schrümpf, einmal eine halbe Stunde auf einer Rettungsweste zu schlafen.

Prügelei bei Rettung

Viele Passagiere, vor allem Frauen und Kinder, seien so geschwächt gewesen, dass sie ohne Hilfe nicht mehr über die Leiter auf das oberste Deck gekommen sind. Schrümpf half, so gut es ging. Die erste Nacht sei extrem schlimm gewesen, weil die Hubschrauber nicht mehr geflogen sind. "Das Schlimmste war die Ungewissheit: Haben sie die Rettung eingestellt? Dauert es noch zwei Stunden, zehn Stunden oder zwei Tage, bis irgendetwas passiert?" In der Morgendämmerung tauchte dann der erste Hubschrauber von der italienischen Marine auf. Er setzte drei Soldaten an Bord ab, die die Leute für die Evakuierung vorbereiteten. "Ab da wurden in atemberaubendem Tempo Leute evakuiert."

Zu diesem Zeitpunkt sei er wieder etwas entspannter gewesen, sagte Schrümpf. "Im Fünf-Minuten-Takt sind riesige Hubschrauber gekommen. Aber wieder haben Leute begonnen, sich um die vordersten Plätze zu prügeln. Darunter waren auch Besatzungsmitglieder, die Passagiere an den Schwimmwesten zurückgehalten und sich vorgedrängt haben. Es ist unbeschreiblich, wozu Menschen in der Lage sind."

"Eine Minute vor zwölf"

Schrümpf sprach von einer Rettung "eine Minute vor zwölf": "Das Schiff stand bis zum Schluss in Vollbrand, immer wieder schlugen irgendwo neue Flammen heraus. Der Boden des obersten Decks war so heiß, dass man mit den Schuhsohlen am Boden picken geblieben ist. Drei bis vier Stunden später, und wir hätten wohl keine Chance mehr gehabt." (APA, 1.1.2015)

  • 427 Menschen wurden nach mehr als 36 Stunden voller Angst und Panik von der brennenden Norman Atlantic gerettet, mindestens 13 Menschen starben, darunter zwei Einsatzkräfte.
    foto: ap/calanni

    427 Menschen wurden nach mehr als 36 Stunden voller Angst und Panik von der brennenden Norman Atlantic gerettet, mindestens 13 Menschen starben, darunter zwei Einsatzkräfte.

  • Erwin Schrümpf überlebte. Er sagt: "Es gab nur die Möglichkeit, zu erfrieren, zu verbrennen, zu ersticken oder ins Wasser zu springen und dann zu ertrinken."
    foto: apa/neumayr

    Erwin Schrümpf überlebte. Er sagt: "Es gab nur die Möglichkeit, zu erfrieren, zu verbrennen, zu ersticken oder ins Wasser zu springen und dann zu ertrinken."

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