Der Mann, der keine Kamera war

1. Jänner 2015, 17:50
5 Postings

Der britische Autor Christopher Isherwood wird wiederentdeckt

Wien - Wie viel Isherwood verträgt die Literatur? Seit mehreren Jahren haben deutsche Verlage Christopher Isherwood wiederentdeckt, davor ist es jahrelang ruhig gewesen um den 1904 in der Grafschaft Cheshire geborenen Offizierssohn. Ein merkwürdiges Zeitphänomen. Die Gegenwart ist vielleicht mehr an Zeugen des Untergegangenen, an Chronisten interessiert denn an großer Literatur von Rang oder an erratisch eminenten Romanciers.

Isherwoods Löwen und Schatten. Eine englische Jugend in den Zwanziger Jahren (1938), erschienen im Berliner Berenberg-Verlag, war das Journal seiner frühen Jahre. Die Zeit vor seinem Aufbruch nach Berlin, in das "Sündenbabel" der Zwanzigerjahre, beschrieb er in diesem Buch, das mehr als 25 Jahre nach seinem Tod und mehr als 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung erstmals auf Deutsch erschien.

Rechtzeitig schrieb er all das in seiner besten Phase auf, beschrieb liebevoll, unsentimental, distanziert, in schlanker Sprache, was dann im Krieg und in den Jahren des Nachkriegswiederaufbaus verschwand: diskrete Vermieterinnen, eine Universitätsausbildung, die zu hierarchisch servilem Sadismus erzog, flamboyante Lehrer. Der im Münchner Liebeskind-Verlag 2013 erschienene Band Kondor und Kühe ist das Tagebuch einer Reise durch Südamerika im Jahr 1947 mit seinem damaligen Geliebten, als literarisches Wunderkind Englands.

Was vielleicht auch zu erklären hilft, weshalb er nach seiner USA-Reise 1939 und der endgültigen Übersiedlung nach Kalifornien im Jahre 1942, wo er 44 Jahre später in Santa Monica verstarb, ein Vierteljahrhundert lang mit einer Schreibblockade rang. Was wohl auch mit der Umgebung zu tun hatte, die ihm anfangs alles andere denn zusagte. Statt dessen widmete er sich mehr der Liebe und der Sinnsuche in außereuropäischen Religionen, fand 1953 dann mit dem um 30 Jahre jüngeren Don Bachardy einen lebenslangen Partner. David Hockney porträtierte die beiden auf hintersinnige, schweigend starke Weise.

Wenn nun seine bekanntesten Bücher Leb wohl, Berlin und A Single Man in neuer Übersetzung präsentiert werden, woran liegt das? Vielleicht am prägnantesten zu erklären ist dies mit retrospektiver Sehnsucht. Zumindest signalisieren dies die Umschlaggestaltungen - die im Fall des Berlin-Bandes unverstellt auf den darauf basierenden Film Cabaret zurückgreift. "Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht", lautet gleich zu Beginn des Romans aus der Endphase Berlins vor der Machtübernahme der Nazis Isherwoods berühmter Satz. Doch: Er war keine Kamera. Das fällt am stärksten auf in dem "Ein Berliner Tagebuch (Winter 1932/33)" überschriebenen Schlusskapitel. Isherwood versucht sich hier in lyrischer Prosa. Allerdings gelingt ihm nicht ein einziger stimmiger Satz. Als Menschenbeobachter ist er dagegen in seinem Element.

1939 erschien dieser erzählerische Nachruf auf ein leichtlebiges und anderseits bitterarmes Berlin. In den fünf Jahren zwischen seiner Abreise aus der Stadt und der Veröffentlichung des Buchs hat Isherwood seine Erinnerungen an das hedonistische, homosexuell libertäre Endphasen-Berlin, an Amouren, Episoden und Begegnungen montiert, überarbeitet, konnte dabei jedoch keineswegs wie behauptet seiner Prosa das Sentiment austreiben.

A Single Man von 1964 erlöste ihn vom kreativen Stau. Die elegische Klage eines Literaturprofessors in der Midlife-Crisis, umzingelt von Verlustängsten, macht dies nicht besser. Auch wenn nun im Stil noch lakonischer, reichen die Kräfte für eine luzide Durchleuchtung der Psyche nicht aus. (Alexander Kluy, DER STANDARD, 2.1.2015)

Christopher Isherwoods "Leb wohl, Berlin" und "A Single Man" sind im Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen.

  • Christopher Isherwood lieferte die Vorlage für "Cabaret".
    foto: al hischfeld / applause books

    Christopher Isherwood lieferte die Vorlage für "Cabaret".


Share if you care.