Das Filtern eines wahren Moments

1. Jänner 2015, 17:42
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Das Artifizielle und das Dokumentarische sind für Jeff Wall gleichwertige Ansätze in der Fotografie: Das Kunsthaus Bregenz zeigt seine meisterhaften Tableaus, die vielsagende Augenblicke einfangen und Fragen aufwerfen

Bregenz - Noch etwas tiefer im Anorak versinken, den Zipp noch ein Stück hochziehen, weil die Nässe in die Glieder kriecht. Trostlos und grau, das trifft in Jeff Walls Schwarzweißfotografie Men waiting (2006) nicht nur auf die Wetterlage zu. Zwischen niedrigen Baracken nahe einer Bahnlinie steht eine Gruppe Männer, die Hände tief in den Taschen vergraben, den Blick am Boden oder im Nirgendwo: Tagelöhner, unsicher darüber, was der Tag noch bringt.

Ein Foto, über dessen dokumentarischen Charakter der Betrachter wohl keinen Zweifel hegt. Anders verhält es sich mit einer Farbaufnahme, die einen Mann in einer schäbigen, angerümpelten Behausung zeigt. Nichts wäre weiter ungewöhnlich an dieser fensterlosen, mit Tüchern verhängten Bude, wären da nicht aberhunderte Glühbirnen, die wie ein Baldachin aus Glas über seinem Kopf schweben. Vielleicht ein irreales Bild, aber seine Melancholie ist trotzdem von dieser Welt.

Der Titel verrät: Das Foto entstand nach dem Roman Invisible Man von Ralph Ellison. Das 1952 erschienene Buch, das zu den wichtigsten der US-Nachkriegsliteratur zählt, handelt von einem Schwarzen, der sich vor der "weißen" Welt in einen mit 1369 Glühbirnen bestückten Keller zurückgezogen hat. Von diesem hellsten Ort der Stadt aus erzählt er von seinem unsichtbaren Leben.

Diese soziale Unsichtbarkeit ist es, auf die es auch der kanadische Künstler Jeff Wall (geb. 1946 in Vancouver) in seinen Fotografien oft abgesehen hat. Dass er dabei die Schatten nicht nur im übertragenen Sinne ans Licht zerrt, sondern auch ganz formal Nuancen und Tiefen im Dunkel erzeugt, beweisen in seiner Personale im Kunsthaus Bregenz Fotos wie Night (2001), in dem sich Detail für Detail herausschält: eine morbide Romantik unter Brückenpfeilern, Büsche und Bäume, die sich auf der Oberfläche einer Lacke spiegeln, etwas abseits ein Schlaflager aus Karton. Gestaffelt wie eine Bühne erscheint die Szene in Monologue (2013) - vorne, am Rand eines eingezäunten Spielfeldes, die Tee trinkenden Männer, hinter ihnen lauert die Düsternis des Waldes.

Tablaux Pictures Photographs 1996-2013 heißt die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz, die in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam und dem Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebaek (wo die Schau ab 6. Februar zu sehen ist) konzipiert wurde. Die Auswahl fand gemeinsam mit Wall statt, dessen Werke - insbesondere jene monumentalen Cibachrome-Diapositive in Leuchtkästen, mit denen er Ende der 1970er-Jahre Aufmerksamkeit erregte - Sammlern bei Auktionen bis zu 400.000 Euro wert sind. Knapp 40 Arbeiten wurden gemeinsam mit dem Künstler ausgesucht; eine Menge, bedenkt man, dass Wall zwischen 1978 und 2000 überhaupt nur rund 100 geschaffen hat.

Es kann Jahre dauern, bis er zum finalen Bild findet. Wall, der auch lange Kunst unterrichtet hat, kann und will sich die lange Genese leisten. Für A Sudden Gust of Wind (1993) nach einem Holzschnitt Hokusais von1832 soll er allein monatelang nach der geeigneten Landschaft gesucht haben. Bei Invisible Man kostete bereits der Bau der Kulisse ein Jahr Zeit.

Das autonome Bild

Fotos sieht man so etwas niemals an. Wichtig ist für den Künstler dabei ein Satz Baudelaires: "Damit jede Modernität einmal Antike zu werden verdient, muss die geheimnisvolle Schönheit, die das menschliche Leben ihr unwillkürlich verleiht, herausgefiltert worden sein." Dieses bedächtige Arbeiten führt zu Walls Verständnis von Fotografie und damit auch zum Titel zurück: Tableaux Pictures Photographs 1996-2013. "Tableaux" steht für ihn für das autonome, absolute Bild, vergleichbar mit der Einzigartigkeit eines Gemäldes; "Picture" für das Spektrum der kulturellen Bilderzeugung, "Photographs" für die Charakteristiken des Mediums.

Aber so wie sein wohl berühmtestes Foto, Milk (1984, Museum of Modern Art in New York), unterstützt durch die Leuchtkastenästhetik der Werbung, den perfekten Moment in einem einzigen Bild einzufrieren scheint (die verschüttete Milch scheint neben dem kauernden Mann zu schweben), ist es eben nicht. Es sind keine Schnappschüsse, sondern fiktive Realitäten, Erinnerungen an Erlebtes und Gesehenes, die Wall reinszeniert.

Das Artifizielle und das Dokumentarische, das Gemachte und das Gefundene: Das, was gegensätzlicher nicht sein könnte, sind für den Fotografen schlichtweg gleichwertige Anfangspunkte für seine von Kunst, Musik, Literatur, Film beeinflussten Bilder. Diese scheinen Geschichten zu erzählen, sind aber nichts anderes als Einzelbilder. Das Narrativ schreibe der Betrachter, er lese nicht in den Bildern, sagt Jeff Wall. In Bregenz steht reicher Schreibstoff zur Verfügung. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 2.1.2015)

Bis 11. 1.

  • Eine nahezu surreales Meer aus Glühbirnen: Jeff Wall zitiert in der Aufnahme (1999-2001) ein Motiv aus dem 1952 erschienenen Roman "Invisible Man" von Ralph Ellison, einem wichtigen Werk der US-amerikanischen Nachkriegsliteratur. Das Foto ist als monumentales (174 × 250 cm) Großbilddia in Bregenz zu sehen.
    foto: jeff wall

    Eine nahezu surreales Meer aus Glühbirnen: Jeff Wall zitiert in der Aufnahme (1999-2001) ein Motiv aus dem 1952 erschienenen Roman "Invisible Man" von Ralph Ellison, einem wichtigen Werk der US-amerikanischen Nachkriegsliteratur. Das Foto ist als monumentales (174 × 250 cm) Großbilddia in Bregenz zu sehen.

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