Sechs Argumente für den Standort Wien

2. Jänner 2015, 07:00
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Der Chef eines US-Energiekonzerns erklärt, warum er nach Österreich kommt

Wien - Der Standort sei abgesandelt, beklagte Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl vergangenes Jahr. Unternehmen wanderten ab, internationale Konzerne verlagerten ihre Osteuropazentralen entweder nach London, Amsterdam oder gleich nach Budapest und Prag, wird in Wirtschaftskreisen gewarnt.

Joseph C. Brandt sieht das anders. Der Chef des US-Energiekonzerns ContourGlobal, der von New York aus kalorische und erneuerbare Energiekraftwerke in aller Welt betreibt, hat gerade zwei Windenergieunternehmen, Renergie und REE, von der Raiffeisen-Gruppe gekauft und übersiedelt seine Europazentrale von derzeit Paris und Sofia nach Wien. Rund 80 Mitarbeiter sollen von hier aus das Geschäft in zehn europäischen Staaten steuern, weltweit hat Contour 1600 Mitarbeiter in derzeit 18 Staaten.

Warum Wien? Wie Brandt im STANDARD-Gespräch erzählt, hat er die Stadt schon lange auf dem Radar gehabt; der Kauf der Raiffeisen-Töchter gab dann den letzten Anstoß.

Fünf Punkte sprechen für Wien:

  • Verbindungen Der Wiener Flughafen ist das stärkste Asset der Stadt – von der Stadt aus leicht erreichbar, bietet er zahlreiche Verbindungen nach Osteuropa sowie Nord- und Südamerika und besonders gute Umsteigemöglichkeiten. Weiter im Osten fehlt es an direkten USA-Flügen, und der Pariser Flughafen Charles de Gaulle ist laut Brandt im Vergleich ein Albtraum, um Flüge zu erreichen.
  • Dienstleistungen Nur in Wien findet ein Unternehmen wie ContourGlobal die Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfer und Banken, die tatsächlich den ganzen CEE-Raum abdecken können. "In Amsterdam wird man sofort an eine Partnerfirma in einem anderen Land verwiesen, und in Sofia kennen sich die Experten nur im eigenen Land aus", sagt Brandt.
  • Lebensqualität "Paris gilt als mühsamer Ort zum Leben, wegen des Verkehrs und der Kosten", sagt Brandt. "Nach Wien lockt man viel leichter gute Mitarbeiter, etwa aus den USA." Die Stadt ist beliebt und im Vergleich zu anderen westeuropäischen Hauptstädten relativ günstig. "Und aus Frankreich will derzeit jeder nur wegziehen."
  • Verwaltung Arbeitsbewilligungen für Nicht-EU-Bürger zu erhalten sei kein Problem, sagt Brandt, die Behörden seien effizient.
  • Rechtslage Gute Gesetze, effiziente Gerichte und ein relativ liberales Arbeitsrecht – vor allem im Vergleich zu Frankreich und Italien, aber auch zu Deutschland –, so Brandt.
  • Steuern und Lohnkosten Die Steuerbelastung in Österreich "ist eigentlich recht nah am Durchschnitt", sagt Brandt. Natürlich ist der Osten günstiger, aber dort lauerten versteckte Kosten und Risiken. "Aus Kostengründen in den Osten zu gehen ist gefährlich."

Als größten Nachteil sieht Brandt die Behäbigkeit der hiesigen Arbeitskräfte, die es oft schwer mache, Topleute zu finden. "Das ist wie in der Schweiz. Die Menschen haben gute Jobs und wollen nicht wechseln. In Osteuropa sind die Menschen viel abenteuerlustiger und eher bereit, etwas Neues zu probieren. Hier fehlt es an Unternehmergeist." (Eric Frey, DER STANDARD, 2.1.2015)

  • ContourGlobal errichtet ihre Osteuropa-Zentrale in Wien.
    foto: apa/fohringer

    ContourGlobal errichtet ihre Osteuropa-Zentrale in Wien.

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