Erlöserin gefragt

Kolumne1. Jänner 2015, 17:47
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Lichtgestalten im Vatikan und an Österreichs politischem Himmel

Betriebsweihnachtsfeiern sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Am deutlichsten war das heuer im Vatikan zu erkennen, wo der Catholic Executive Officer seinen Mitarbeitern die Leviten las, dass ihnen die Ohren gewackelt hätten, wären ihre Gesichter nicht in Versteinerung erstarrt. Ex Pampa Papa - was haben wir da gewählt!, war aus ihren Mienen zu lesen. In dulci jubilo war's jedenfalls nicht, und was da pro domo gesprochen wurde, schlug auch urbi et orbi wie Donnerhall ein. Selbst der Dompfarrer zu St. Stephan kann sich bei der Erwähnung des Lasters der "terroristischen Geschwätzigkeit" nicht unbeobachtet vorgekommen sein.

Die allgemeine Begeisterung unter Heiden und Christen mit Veränderungsbedarf über eine Lichtgestalt, die in einer Welt des Vertuschens und Verdrängens endlich einmal den Kehricht offen ausbreitet, schlug sich sofort in Österreichs Innenpolitik und den angeschlossenen Redaktionen nieder. So groß ist inzwischen das Bedürfnis nach Erlösung von einer Politik, wie sie seit dem Jahr 2000 eingerissen ist, dass es nur noch einer Pensionistin von untadeligem Ruf bedurfte, um die es sich kristallisieren kann. Die von Irmgard Griss geleitete Kommission zur Untersuchung der Hypo-Affäre stellt Österreichs Politikern insoferne ein ähnliches Zeugnis aus wie der Papst seinen Mitarbeitern, als das Bild der "existenziellen Schizophrenie" nicht länger auf eine Berufskrankheit von Kardinälen bezogen blieb, sondern auf die Abwickler einer Problembank ausgeweitet werden konnte, wobei die Diagnose weniger spirituell, dafür umso ernüchternder ausfiel.

Neuer Stern am politischen Himmel

Kein Weltwunder also, dass beim Rundblick, wo in der Republik der nächste höhere Posten sicher frei wird, etliche Medien, Internet eingeschlossen, sofort propagierten, mit wem er zu besetzen sei. Ein neuer Stern am politischen Himmel sollte laut Salzburger Nachrichten jemand sein, der noch nie etwas in der Politik zu schaffen hatte, und mit ihr nur analysierend. Andere zogen nach, ohne eine Zusage von Frau Griss zu erhalten. Halb sank sie erst vor dem Charme der Krone hin, der sie nicht ohne eine gewisse Koketterie gestand, über eine Kandidatur für die Hofburg nachdenken zu wollen, wenn sich beide Regierungsparteien auf sie einigten. Ein Denkprozess, dem dieses "achte Weltwunder" vorangehen müsste.

Nichts spricht zurzeit dagegen, dass Frau Griss eine gute Bundespräsidentin abgeben könnte. Ob aber die vorauseilende Unterwerfung einer Kandidatin unter den trägen Willen einer wenig angesehenen Regierung von jener Persönlichkeit zeugt, die das allgemeine Bedürfnis nach Erlösung von deren Regierungsstil zu stillen vermag, sei dahingestellt.

Suche nach dem Strohhalm der Erlösung

Noch ist vorgesehen, dass ein Bundespräsident vom Volk gewählt und nicht von einer Regierung vorweg zementiert wird, ehe er in einer ersten Periode gezeigt hat, was er kann. Die Suche nach einem Strohhalm der Erlösung lässt - nicht zum ersten Mal - vergessen, dass Bundespräsident ein politisches Amt ist, und moralische Ansprüche über dessen Grenzen hinaus nur selten zu realisieren sind, von Wortspenden abgesehen. Wir haben es erlebt. Und Erlösung gibt es sowieso nicht. (Günter Traxler, DER STANDARD, 2.1.2015)

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