Schultes: "Bauern verlieren derzeit Marktanteile" 

Interview2. Jänner 2015, 05:30
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Hermann Schultes, Präsident der Landwirtschaftskammer, fordert eine strenge Herkunftsbezeichnung für Lebensmittel. Dies würde Billigimporte hintanhalten

STANDARD: In Griechenland gehen viele Griechen zurück aufs Land und bewirtschaften die Bauerhöfe ihrer Eltern oder Großeltern. Ist das ein Weg aus der Wirtschaftskrise?

Schultes: In allen Ländern, die wirtschaftliche große Sorgen haben, setzen die Menschen als Notlösung verstärkt auf Selbstversorgung, um mit den geringen Sozialzahlungen das Auskommen zu haben. Das ist in Polen und Rumänien ebenso zu beobachten wie in Griechenland. Aber das ist weder romantisch noch wünschenswert.

STANDARD: Die kleinteilige Landwirtschaft in Österreich wird von Agrariern immer als Pluspunkt angeführt. Gleichzeitig geben aber immer mehr Bauern auf. Sollte man sich nicht darauf einstellen, dass Größe die Zukunft ist, weil die Betriebe wettbewerbsfähiger sind?

Schultes: Die Entwicklung der Landwirtschaft ist nicht mehr so politisch beeinflussbar wie früher. Heute sind wir stärker den Einflüssen offener Märkte ausgesetzt. Wir müssen in einem globalisierten Umfeld unsere Produkte entwickeln - das heißt, wir sind im Konkurrenzkampf mit großen internationalen Anbietern. Ich behaupte: Wir sind trotzdem im oberen Bereich, was die Leistungsfähigkeit betrifft. Wir können mit der Struktur, die wir haben, Innovationen in die Breite bringen und Qualität produzieren.

STANDARD: Gleichzeitig sind die Einkommen in den letzten drei Jahren kontinuierlich gesunken.

Schultes: Ja, das Einkommensminus der letzten Jahre tut weh. Es hat vorher Einkommensverbesserungen gegeben, die dringend notwendig waren, und die verlieren wir jetzt wieder. Herr Putin hat erkannt, wie er die Europäer trifft, wenn er Agrarimporte stoppt. Außerdem führt der Klimawandel zu extremen Wettersituationen, und das beeinflusst die Ernten stark. Derzeit haben wir gute Erträge und schlechte Preise, weil weltweit die größte Getreideernte eingebracht wurde. Das sind die offenen Märkte. Schwankungen schlagen da voll durch.

STANDARD: Helfen niedrige Energiepreise?

Schultes: Wir hoffen sehr, dass der Ölpreis durchschlägt. Theoretisch müssten Düngemittel billiger werden. Praktisch zeigt sich, dass die Spannen offensichtlich die Düngemittelindustrie einsteckt.

STANDARD: Es gibt kaum mehr Marktstabilisierungsmaßnahmen für Milch. Nächstes Jahr läuft die Quotenregelung ganz aus. Wird Milch dann nur mehr verschleudert?

Schultes: Die Quote verkauft keinen Liter Milch, sondern Qualität verkauft. Schon heute gehen 48 Prozent der Milch als Käse oder Joghurt in den Export. Wir haben uns da eine sehr gute Position erarbeitet: Gentechnikfreie Fütterung, hohe Hygienestandards, gesunde Tierhaltung, keine Antibiotika. Das wird geschätzt, auch ohne Quote. Nur hat bei den steigenden Milchmengen der Handel das ausgenutzt und geschleudert. Das hat mit Quote nichts zu tun.

STANDARD: Auch beim Fleisch sind die Preise im Keller.

Schultes: In manchen Bereichen verlieren die Bauern derzeit Marktanteile. Zum Beispiel bei der Pute. Da verlieren wir derzeit gegenüber Thailand und Brasilien. Weil dort viel, viel billiger produziert wird. Unter Zuständen, wie sie für österreichische Hersteller nicht erlaubt wären. Wir verlangen deshalb, dass überall dort, wo es möglich ist, eine Herkunftsdeklaration angegeben wird. Auf den Speisekarten sollte draufstehen müssen, wo ein Geflügel herkommt. Die Herkunftsinformationen, die die EU möglich macht, sollten in Österreich umgesetzt werden. Zum Beispiel die geschützte geografische Herkunft.

STANDARD: Niemand hält österreichische Produzenten ab, um entsprechende Gütesiegel anzusuchen.

Schultes: Das ist bei uns ziemlich kompliziert. Es sind das Patentamt und mindestens drei Ministerien zu befassen. Eine einheitliche Kontrollstelle gibt es auch nicht. Beim Wein, bei der DAC-Herkunftsbezeichnung, funktioniert das, bei anderen Produkten nicht. Eine Vereinfachung der Herkunftsbezeichnungen für Lebensmittel wäre aber wichtig, das schützt europäische Hersteller und hilft beim Export. Was wir auch wollen, ist eine Herkunftsbezeichnung in der Gastronomie. Dort sollte "Bestkauf vor Billigkauf" gelten. Sonst gibt es Großküchen, wo einfach das Billigste eingekauft wird - und das ist sehr oft nicht die österreichische Ware. Das ist unfair und nicht sehr gescheit! Bei der Pute etwa: Da gibt es Haltungsvorschriften in Österreich, die es woanders nicht gibt. Deren Einhaltung kostet natürlich. Keiner wird in Österreich derzeit einen neuen Putenstall bauen unter diesen Bedingungen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 2.1.2015)

Hermann Schultes (61) ist seit dem Frühjahr Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich. Seit 2000 ist er ÖVP-Abgeordneter. Schultes bewirtschaftet einen Ackerbaubetrieb in Zwerndorf im Marchfeld.

  • Die strengeren Haltungsvorschriften, etwa bei der Pute, die österreichische Bauern umsetzen müssen, führen bei offenen Märkten zu Wettbewerbsnachteilen. Striktere Herkunftsangaben werden gefordert.
    foto: reuters/chris keane

    Die strengeren Haltungsvorschriften, etwa bei der Pute, die österreichische Bauern umsetzen müssen, führen bei offenen Märkten zu Wettbewerbsnachteilen. Striktere Herkunftsangaben werden gefordert.

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    foto: apa/hochmuth

    Hermann Schultes

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